Dresden  Pornos im Jugendzimmer: Warum Verbote nicht sinnvoll sind

Anna Scholz
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Von Anna Scholz
| 13.09.2022 09:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Jugendliche konsumieren schon ziemlich früh Pornos im Internet. Foto: dpa/Julian Stratenschulte
Jugendliche konsumieren schon ziemlich früh Pornos im Internet. Foto: dpa/Julian Stratenschulte
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Kinder gucken immer früher ihren ersten Porno. Sexualpädagoge Danilo Ziemen findet, anstatt das zu verbieten, sollten wir lieber alle einen gesunden Umgang mit Pornografie finden.

Wenn man sein Kind dabei ertappt, dass es im Internet Pornos guckt, ist man als Elternteil natürlich erst einmal schockiert. Die Angst ist groß, der Konsum solcher Filme könnte dem jungen Menschen schaden. Doch ist dem wirklich so? Darüber haben wir mit dem Sexualpädagogen Danilo Ziemen gesprochen. Er erklärt, wie ein gesunder Umgang mit Pornos gelingen kann und wie Eltern mit ihren Kindern über das Thema sprechen können.

Frage: Herr Ziemen, wann kommen Jugendliche heute das erste Mal mit Pornografie in Kontakt?

Antwort: Die Jugendsexualität in der Bundesrepublik ist generell sehr gut untersucht und laut Studien liegt das sogenannte Erstkontakt-Alter bei etwa 12, 13 Jahren. Ich glaube aber, dass Jugendliche noch jünger sind, wenn sie ihren ersten Porno sehen.

Frage: Woran machen Sie das fest?

Antwort: Wir wissen, dass 94 Prozent der 12- bis 19-Jährigen ein Smartphone haben, und die meisten haben auch einen Internetzugang. Und der Zugang für Jugendliche zu Pornos ist nun mal das Smartphone. Daher denke ich, dass das Erstkontakt-Alter inzwischen eher bei 11, 12 Jahren liegt. Die Studienlage zeigt außerdem, dass Jungs sowohl häufiger als auch länger Pornos schauen als Mädchen. Aber die spannende pädagogische Frage ist eigentlich: Ist der Erstkontakt gewollt? 

Frage: Was bedeutet das?

Antwort:  Es geht darum, ob jemand gezielt nach Pornografie gesucht hat oder damit konfrontiert wurde. Nur knapp über die Hälfte der Jugendlichen geben an, aktiv danach gesucht zu haben. Und die andere Hälfte ist durch Freunde oder im Internet ungewollt mit pornografischen Inhalten konfrontiert worden. Wenn Kinder das auf diese Weise sehen, müssen wir da natürlich anders mit umgehen. Denn die können solche Inhalte noch gar nicht einschätzen.

Frage: Wenn Sie hier von “Kindern” sprechen – muss dann die Aufklärung zum Thema Porno etwa bereits in der Grundschule beginnen?

Antwort: In der Grundschule ist das Thema “digitale Medien” auf jeden Fall wichtig. Wie nutze ich sie und mit wem spreche ich, wenn ich Dinge sehe, die mir auch Angst machen? Gerade, wenn es um sexualisierte Gewalt in digitalen Medien geht. Aber für die wirkliche Pornografie-Aufklärung ist meiner Meinung nach die siebte oder achte Klasse das richtige Alter.

Frage: Wenn es um Pornokonsum im Jugendalter geht, werden die Rufe nach Verboten laut. Häufig wird vor einer “sexuellen Verwahrlosung” gewarnt. Was sind denn die realen Gefahren durch Pornos?

Antwort: Bleiben wir mal beim heterosexuellen Mainstream-Porno: Jetzt sehe ich als junge Frau oder auch als Mädchen: Die Frau im Porno, die brüllt die ganze Zeit und brüllt und brüllt und will und will. Da denke ich mir, so muss ich das jetzt auch machen. Und die Jungs sehen: Der Typ hat 45 Minuten lang eine Erektion. Was im echten Leben relativ selten ist. Aber das macht natürlich erst mal Druck auf unterschiedlichen Ebenen. Genauso wie die Körper, die im Mainstream-Porno zu sehen sind: Das sind in der Regel schlanke Körper mit makelloser Haut. Aber die meisten von uns haben Pickel und Haare, und wir sind oft auch nicht so gertenschlank.

Frage: Das klingt in der Tat sehr negativ. Können Jugendliche dabei zwischen Film und Realität unterscheiden?

Antwort: Also was die Studienlage auch sagt, ist dass die meisten Jugendlichen wissen, sie sehen einen Film und das ist keine Realität. Also auch wenn sie zum Beispiel Science-Fiction-Filme gucken, wissen sie ja, das gibt es nicht. Aber einen Performance-Druck wird das trotzdem machen, da bin ich mir sicher.

Antwort: Aus aktuellen Untersuchungen wissen wir, dass besonders Jungs ihre eigene Pornografienutzung einschränken wollen oder sich nach der Nutzung über das, was sie gesehen haben schämen. 

Frage: Und wie wirkt man diesem Performance-Druck entgegen?

Antwort: Zunächst ist es wichtig, die Bedürfnisse und Fragen die möglicherweise in der Nutzung von Pornografie stecken, ernst zu nehmen und pädagogisch zu begleiten, wenn das gewollt ist. Dann können, um Mythen entgegen zu wirken auch ein paar grundlegende Infos weitergegeben werden. Wie wird so ein Mainstream Porno hergestellt? Das passiert nämlich über mehrere Tage, oder zumindest mit Drehpausen, mit unterschiedlichen Kameraeinstellungen, die dann zusammengeschnitten werden. Oder man schaut, wie häufig ein Stellungswechsel gezeigt wird. Wenn ich im echten Leben Sex habe, ist das deutlich weniger. Das ist auch teilweise gar nicht machbar. 

Frage: Jetzt kann ich rational wissen, dass der Porno auf meinem Bildschirm nichts mit der Realität zu tun hat, und mich trotzdem unter Druck gesetzt fühlen. Ich weiß ja auch, dass viele Bilder von Models nachbearbeitet sind und verspüre trotzdem den gesellschaftlichen Druck, nach so einem Körper zu streben. Das ist ein innerer Konflikt, von dem selbst Erwachsene nicht frei sind.

Antwort: Genau. Wir gucken uns nicht völlig frei Pornos an. Das funktioniert nicht. Das macht etwas mit unseren Vorstellungen von Körperlichkeit. Und es wird auch Druck machen. Umso seltsamer ist ja, dass wir in der Schule nicht drüber reden, sondern das Thema ausblenden. Wenn wir sagen, Pornos vermitteln ein einseitiges Körperbild und setzen damit Jugendliche unter Druck, dann müssen wir auch über Körper reden und dann müssen wir uns Körper angucken.

Frage: Was meinen Sie mit angucken? Sollten in der Schule Pornos gezeigt werden?

Antwort: Die Hauptfrage in der Pubertät ist doch: Bin ich normal? Also brauche ich Vergleiche. Aber wann haben Jugendliche die Chance, einen Körper wirklich mal nackt zu sehen? Mit Falten, Dellen, Haaren und allem, was ein Körper sonst noch hat? Das wird immer mehr verhindert. Die Thematisierung von Pornografie sollte daher stets in eine ganzheitliche Sexualaufklärung eingebettet werden. Und dann finde ich es schon wichtig, dass Jugendliche auch einmal die Chance haben, reale Körper zu betrachten. Zum Beispiel durch Bildkarten.

Antwort: Hiermit muss aber sehr achtsam umgegangen werden, denn Scham ist ein Thema, das immer dabei sein wird. Außerdem hat der Gesetzgeber den Jugendschutz so angepasst, dass pädagogische Fachkräfte pornografische Darstellungen gemeinsam mit den Jugendlichen schauen könnten. Sofern die Eltern ihr Einverständnis geben, versteht sich. Die Frage ist, ob wir und die Jugendlichen das wollen. Aber diese fachliche Begleitung könnte für gewisse Jugendliche hilfreich sein.

Frage: Die Körperbilder sind die eine Sache. Aber Pornos wird auch oft vorgeworfen, dass sie durch gewaltvolle Darstellungen von Sex zu mehr sexualisierter Gewalt führen. Also, dass sowohl für Mädchen als auch Jungs der Druck entsteht, sich solchen Praktiken zu beugen – weil sie als normal dargestellt werden.

Antwort: Es mag in individuellen Fällen so sein, dass die Idee vermittelt wird, so sollte ich mich beim Sex verhalten. Aber ganz so einfach ist es nicht, ich halte das für ein sehr scheinheiliges Argument. Denn in unserer Gesellschaft gibt es sexualisierte Gewalt auf vielen verschiedenen Ebenen. Pornos sind ein Teil des Puzzles, aber ich kann sexuelle Übergriffigkeiten, Grenzverletzungen und Gewalt nicht ausschließlich auf Pornografie zurückführen. So was geht in einer dynamischen Gesellschaft nicht. Professor Konrad Weller hat mal den schönen Satz gesagt: “Die Jungs masturbieren sich den Sexismus nicht an”. Sondern wir leben ja auch in einer sexistischen Gesellschaft. Ich halte es für nicht hilfreich, wenn wir eine einzige Ursache für unterschiedliche Wirkungen ausmachen.

Frage: Sprechen wir mal über die Erwachsenen, die vor einer “sexuellen Verwahrlosung” der Jugendlichen warnen. Statistiken zeigen, dass 90 Prozent der Männer und die Hälfte aller Frauen im vergangenen Jahr mindestens einen Porno geguckt hat. Wie geht das zusammen?

Antwort: Ich gehe mal in die Übertreibung: Aus empirischen Untersuchungen wissen wir, dass Erwachsene – auch hier wieder mehr Männer als Frauen – recht regelmäßig pornografisches Material nutzen, mit der Hauptmotivation, sich selbst zu befriedigen. Und wie immer, wenn es um das Thema Sexualität geht, kommen hier Dynamiken von Scham oder einem schlechten Gewissen ob der eigenen moralischen Vorstellungen zum Wirken. 

Antwort: Deswegen muss der erste Schritt, bevor ich mich pädagogisch um den Pornokonsum der anderen kümmere, sein, meinen eigenen Zugang zu Pornografie zu hinterfragen. Wie oft gucke ich das? Was macht das bei mir? Denn Verbote machen generell keinen Sinn, über den Punkt sind wir schon längst hinaus. Wir können nur noch gucken, wie wir einen möglichst gesunden Umgang mit Pornos finden.

Frage: Wie sieht das aus, ein gesunder Umgang mit Pornos? 

Antwort: Ich würde sagen, wenn die Integration in den sexuellen Alltag gelingt. Wenn jemand zum Beispiel ein bis dreimal pro Woche zur Selbstbefriedigung einen Porno schaut, in einer anderen Woche aber auch darauf verzichten kann, ist das ein guter Umgang. Und so lange man mit seiner eigenen Sexualität weiterhin zufrieden ist, dann ist die Integration gelungen.

Antwort: Ein gesunder Umgang kann aber auch sein, gar keine Pornos sehen zu wollen. Das sollte jeder, ohne Druck, für sich entscheiden dürfen. Und, wir dürfen nicht vergessen, dass wir alle bereits seit unserer Geburt eine psychosexuelle Entwicklung durchlaufen haben. Die Nutzung von pornografischem Material kann diese Entwicklung nicht rückgängig machen. 

Frage: Gilt das sowohl für Erwachsene als auch Jugendliche?

Antwort: Ja. Wobei, bei Jugendlichen dürfen wir nicht vergessen, dass Pornos für einige ein entspanntes Medium sind, um die eigene Sexualität zu erkunden. Ein sogenannter Safe Space. Ich sitze alleine zu Hause und kann mir überhaupt erst mal die ersten Inhalte zum Thema Sex anschauen. Dieser erste Konsum kann auch zur Normalisierung beitragen, wenn man zum Beispiel feststellt, ich habe eine sexuelle Fantasie – und andere haben die auch. Das beruhigt. 

Frage: Sind Online-Pornos wirklich die richtige Ressource für sexuelle Aufklärung?

Antwort: Blicken wir mal auf sozial konstruierte sexuelle Minderheiten oder auf Menschen mit bestimmten Fetischen. Da kann Pornografie eine sehr gute Ressource sein, um festzustellen, dass man nicht alleine ist. Und klar, das sollte in der schulischen Aufklärung auch Thema sein. Aber Sexualität ist nun mal hochgradig individuell. Und dann kann ich online ganz für mich alleine entscheiden, was ich mir angucke und was ich wegklicke. Das kann auch etwas Machtvolles sein – Stichwort Selbstwirksamkeit. Und das sollten wir nicht gering schätzen. 

Frage: In der Debatte um Pornos spielt der Faktor Scham und die damit einhergehende Sprachlosigkeit eine große Rolle. Haben Sie einen Rat für Eltern, wie diese mit ihren Kindern besser über Pornografie und Sexualität sprechen können?

Antwort: Punkt eins: Ruhe bewahren. Punkt zwei: Ehrlich sein. Sagen sie: Ich habe die Sorge, dass du das relativ häufig guckst. Mein Kind muss aber auch mit mir als Elternteil über das Thema sprechen wollen. Es kann sinnvoll sein, im Freundeskreis oder in der Familie Vertrauenspersonen zu identifizieren, mit denen der Sohn oder die Tochter lieber über das Thema sprechen würde. Und Punkt drei: Signalisieren, dass man immer ansprechbar ist und sein Kind für nichts verurteilt. Wenn etwas Blödes passiert oder mein Kind ein ungutes Gefühl hat, muss es wissen, dass es mit allem zu mir kommen kann.

Frage: Das wäre eigentlich ein schönes Schlusswort. Aber wir haben eines noch nicht abschließend geklärt: Wie gefährlich sind Pornos denn nun für Jugendliche?

Antwort: Wenn ich einen Leidensdruck habe, weil mich mein Pornokonsum belastet, dann sind sie natürlich gefährlich – für mich. Dann sollte ich etwas tun. Aber gesamtgesellschaftlich macht man es sich mit der Verteufelung von Pornos zu einfach. Diese Drohszenarien, die immer wieder aufgemacht werden, mit Begriffen wie “Tsunami”, “Krake” oder Metaphern, die wir noch aus ganz anderen Kontexten kennen – die hauen nicht hin. Da werden Pornos alleine für sehr viele Missstände verantwortlich gemacht, die möglicherweise in einer gefährlichen Welt Teil des Ganzen sind.

Antwort: Ich sage immer: Warum sollten Pornos besser sein als die Gesellschaft, in der wir gerade leben? Aber es gibt ja auch in der Pornoindustrie Menschen, die versuchen, es besser zu machen. Feministische und queere Pornografie zum Beispiel, dort gibt es Arbeitsverträge, Diversität, Konsens-Abstimmungen zwischen den Darstellenden und regelmäßige Gesundheitschecks. Darauf sollten wir uns fokussieren. Deswegen das klassische Fazit: Jein und die Einladung auf eine lustvolle Erkundung des Ambivalenzraums.

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