Straßen in Leer Umstrittene Bavinkstraße behält ihren Namen – vorerst
Die Verwaltung favorisiert eine Auseinandersetzung mit dem Namen statt einer Tilgung. Dem stimmten die meisten Politiker zu. Ein Ex-Bürgermeister erhob jedoch seine Stimme.
Leer - „Was würde Wilhelmine Siefkes sagen, wenn sie wüsste, dass die Straße weiter nach Bavink benannt bleibt. Dieser Mann veröffentlichte noch 1944 bis 1945 Bücher mit Hilfe der Nazis während sie verarmt war und nicht publizieren durfte. Wenn Sie den nach ihr benannten Preis übergeben, sollten Sie sich fragen, ob sie heute die richtige Entscheidung getroffen haben“, sagte der Leeraner Ex-Bürgermeister und Buchautor Wolfgang Kellner im Ausschuss für Wirtschaft, Tourismus und Kultur.
Was und warum
Darum geht es: Seit Monaten wird über eine Umbenennung der Bavinkstraße gesprochen. Nun gab es eine Entscheidung im Ausschuss.
Vor allem interessant für: Anwohner und diejenigen, die sich für die Historie der Stadt interessieren
Deshalb berichten wir: Im Ausschuss wurde über die Umbenennung gesprochen. Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de
Seine Stimme war ruhig, aber die Empörung schwang in jedem seiner Worte mit. Kurz zuvor hatte der Ausschuss bei drei Gegenstimmen der Grünen beschlossen, die Bavinkstraße nicht umzubenennen. Stattdessen soll die Biografie Bavinks sichtbar gemacht werden. Dazu ist eine zusätzliche Texttafel an der jetzigen Straßenbeschilderung oder ein Verweis per QR-Code auf eine ausführliche Erläuterung geplant. Eine Hintertür blieb jedoch offen: Die Entscheidung soll keine Allgemeingültigkeit haben. Man könne in einigen Jahren erneut über das Thema reden.
Diskussion im Ausschuss
Die Grünen standen im Ausschuss alleine gegen die restlichen Fraktionen, die dem Vorschlag der Verwaltung folgten. Eine Ergänzung wurde von Anke Schlingmann (Gruppe SPD/Die Linke) formuliert. Man sollte auch auf der Homepage der Stadt und bei Wikipedia auf die streitbare Biografie von Bavink hinweisen. Dies wurde akzeptiert.
Hiltrud Richmond (CDU) betonte, dass es sich um ein „sehr ernstes Thema“ handele. „Wir haben uns geschlossen gegen eine Umbenennung entschieden. Es ist unstrittig, dass Bavink belastet ist. Die Straße ist auch keine Würdigung seiner Person. Eine Texttafel sorgt für Aufklärung, anstatt ihn einfach verschwinden zu lassen“, argumentierte die CDU-Politikerin.
Grüne wollten Anwohner ins Boot holen
Die Grünen wollten eine Entscheidung zurückstellen. Die Idee: Die Anwohner ins Boot holen, aufklären und ein Votum von diesen einholen. Mechthild Tammena, beratendes Mitglied des Ausschusses und Vorsitzende des Stadtverbands der Grünen, kritisierte zudem die Vorlage der Verwaltung. Diese wurde von Jan Böttche, Leiter des Stadtarchivs ausgearbeitet. „Ich will Herrn Böttche nicht zu nahe treten, doch kritisiere ich seine Vorgehensweise. Es fehlt mir zum Beispiel die Historie der Straßenbenennung. Es wäre doch interessant gewesen, zu erfahren, mit welcher Begründung es damals zur Straßenbenennung gekommen ist“, sagt sie.
Weiter führt sie aus: „Es fehlen mir in seinem Bericht der rechtsextreme politische Hintergrund von Bavink, seine antisemitischen Einstellungen und seine Kooperation mit dem NS-Staat , die er bis 1944 pflegte.“ Günter Podlich (Gruppe FDP/LWG) brachte etwas Ruhe in die emotional aufgeladene Debatte: „Man kann auch in ein bis zwei Jahren noch einmal über den Sachverhalt reden. Es ist ja deutlich geworden, dass Bavink als belastet gilt.“
Verwaltung befasste sich mit Historie
Böttche hatte eine ausführliche Vorlage erarbeitet, in der er auf verschiedenste Umbenennungen und die Hintergründe einging. Auch die Vorgänge in Bielefeld kamen vor. Hier wurde 1996 die Umbenennung des dortigen Bavinkgymnasiums beschlossen. Die vorangegangenen Diskussionen waren kontrovers.
An der bielefelder Schule war der gebürtige Leeraner Bavink als Lehrer tätig. Er hatte sich als Wissenschaftler und Naturphilosoph einen Namen gemacht. Er stand aber offenbar auch dem Gedankengut der Nationalsozialisten nahe, wird sogar von Kritikern als deren Wegbereiter betrachtet. Er war ein Anhänger der Nationalsozialisten und hatte mit anderen die theoretischen Grundlagen für das Dritte Reich gelegt.
Er kam zu dem Schluss, dass aus Sicht der Verwaltung Bavink zwar belastet ist – aber schwere Verstöße, die eindeutig für eine Umbenennung der Bavinkstraße sprechen, seien nicht zu bejahen. Deshalb favorisiert die Verwaltung eine Auseinandersetzung mit Bernhard Bavink. Anstatt umzubenennen und damit den Straßennamen sichtbar aus der Stadthistorie zu entfernen, sollte aufgeklärt werden. Dem stimmte die Politik nun zu. Unter dem Kopfschütteln der Grünen und des Ex-Bürgermeisters Kellner. Im nichtöffentlich tagenden Verwaltungsausschuss am 28. September wird das Thema erneut auf der Tagesordnung stehen.
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