Braunlage Großes Waldsterben im Harz: Wie weiter nach dem Brand am Brocken?
An kaum einem anderen Ort in Deutschland werden die Folgen der Wetterextreme so deutlich wie im Harz: Bis zum Horizont und darüber hinaus stehen in dem Mittelgebirge tote Fichten. Ein Waldbrand entfacht die Frage: Wie gut ist Deutschland auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet? Oder anders: War der Brand am Brocken eine Katastrophe mit Ansage?
Der Harz ist zu großen Teilen tot. Es ist nicht mehr viel übrig von den Fichtenwäldern, die einst die Hänge des Mittelgebirges säumten. Dürre und Borkenkäfer ließen braun und grau werden, was einst grün war. Wer hier noch Urlaub macht, kommt aus alter Verbundenheit, oder hat einen ausgeprägten Hang zum Morbiden. Gerade in höher gelegenen Regionen säumen Kilometer um Kilometer Baumgerippe die Straßen.
Auf Tod und Verwüstung folgte am Wochenende das Feuer. 150 Hektar brannten zeitweise. Ortschaften wie Schierke standen kurz davor, evakuiert zu werden. Touristen, die sich zu dem Zeitpunkt auf dem Brocken, dem höchsten Berg des Mittelgebirges, wurden gerade noch rechtzeitig vor den wütenden Flammen in Sicherheit gebracht.
„Die toten Fichten brannten wie Fackeln”, berichtet ein Feuerwehrmann am Dienstag. „Schlimmer noch waren die wenigen grünen Bäume. Die sind regelrecht explodiert.” Der Brandbekämpfer steht auf dem Wurmberg gegenüber vom Brocken. Hubschrauber fliegen hin und her. Sie laden Wasser aus einem kleinen See, der eigentlich für die Kunstschneeproduktion im Winter benötigt wird. Über dem Brocken kippen sie es ab.
Immer wieder tauchen zwei Löschflugzeuge aus Italien am Horizont auf und gehen in den Tiefflug. Selbst Feuerwehrleute machen Fotos von dem Schauspiel. Gut drei Millionen Liter Wasser sind mittlerweile über dem Feuer ausgeschüttet worden. Erst am Dienstag ist das Feuer halbwegs unter Kontrolle, es breitet sich aber noch unterirdisch aus. Mit großen Maschinen werden eilig Brandschneisen geschlagen. Bis auch die letzten Glutnester erstickt sind, wird es dauern.
Die akute Gefahr scheint gebannt, aber die Wut im Harz bleibt. Zwar weiß bislang niemand, wie es zu dem Feuer kommen konnte. Über Brandstiftung wird spekuliert. Aber ein Mitverantwortlicher scheint für viele vor allem in Sachsen-Anhalt ausgemacht: die Nationalpark-Verwaltung.
Die Behörde ist für 247 Quadratkilometer in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt verantwortlich - ein Gemeinschaftsprojekt der beiden Bundesländer, die früher durch den Eisernen Vorhang voneinander getrennt waren. In dem Gebiet wird die Natur, oder das, was von ihr noch übrig ist, weitgehend sich selbst überlassen. Dementsprechend viel Totholz liegt in den Wäldern und schlecht zugänglich sind Wege für Katastrophenhelfer.
In Sachsen-Anhalt sorgt das schon lange für Kritik. Durch das Feuer sehen sich viele bestätigt: Ohne das Totholz, so die These, wäre der Brand weniger schlimm ausgefallen. Einer, der diese Auffassung teilt, ist Sachsen-Anhalts Forstminister Sven Schulze (CDU). Er ist am Dienstag sichtbar schlecht gelaunt. Vor dem Feuerwehrhaus der Freiwilligen Feuerwehr Schierke ist er mit Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) verabredet.
Schulze lässt den Besucher aus dem Nachbarbundesland zwar noch ausreden. Lies berichtet, man werde genau prüfen, welche Lehren aus dem Feuer für den Nationalpark zu ziehen seien.
Dann aber poltert Schulze vor laufenden Kameras los: „Die Zeit darüber zu reden, ist vorbei”, sagt der Forstminister vor der Einsatzzentrale - dem Feuerwehrhaus der Freiwilligen Feuerwehr Schierke. Es müssten jetzt Lösungen her und würden die nicht gemeinsam mit Niedersachsen und der Nationalparkverwaltung gefunden, dann werde man selbst welche finden.
Auf Nachfrage bestätigt Schulze: Er schließe nicht mehr aus, dass das 2006 geschlossene Übereinkommen der beiden Bundesländer über den Nationalpark aufgekündigt wird. „In letzter Konsequenz müssen wir dann auch über einen anderen Weg diskutieren”, sagt der CDU-Mann. Niedersachsens Umweltminister verzieht keine Miene. Jedoch lässt sich erahnen, dass dieser Auftritt nachhallen wird.
In wenigen Wochen schon soll jetzt feststehen, welche Lehren gezogen werden in Sachen Bewirtschaftung. Das Totholz verteilt sich allerdings nicht nur auf den Nationalpark. Es liegt auch in Landesforsten und Privatwäldern. Manche Gegenden sind so schwer zugänglich, dass es sich gar nicht entfernen lässt. Auch Umweltminister Lies befindet, dass dies unrealistisch sei. Und auch die Forstwissenschaft hat Zweifel, dass Totholz tatsächlich der Brandbeschleuniger schlechthin ist.
Daneben drängt sich noch eine andere Frage auf: Waren die Feuerwehren ausreichend vorbereitet für solch einen Einsatz? Geht es nach Georg Schirmbeck, dann nicht. Der Präsident des Forstwirtschaftsrates sagt: „Das Feuer im Harz zeigt es wieder einmal: Wir müssen hier dringend nachsteuern. Es kann doch nicht sein, dass Italien uns mit Löschflugzeugen aushelfen muss. Was wäre, wenn die im Heimatland wegen Bränden benötigt werden?”
Nicht nur im Harz ist es zu trocken. In anderen Mittelgebirgen sieht es kaum besser aus. Der Wald in Deutschland ist in schlechtem Zustand zeigen jährliche Erhebungen. Diese Statista-Grafik macht das deutlich:
Schirmbeck forderte unter anderem die Beschaffung von entsprechenden Flugzeugen. Auch ansonsten müsse beim Material nachgebessert werden. „Unsere Feuerwehren sind spitze, wenn es um Wohnungsbrände oder Unfälle geht. Aber sobald es in unwegsames Gelände geht, kommen die Probleme”, sagte Schirmbeck.
Im Harz steigt derweil weiter Qualm auf. Das Feuer, so heißt es, breite sich unterirdisch weiter aus. Offene Flammen sind nicht mehr zu erkennen. Erst im August hatte es rund um Schierke gebrannt, das Feuer war schnell unter Kontrolle.
Die Nationalpark-Verwaltung hatte der Freiwilligen Feuerwehr eine Holzbank samt Gravur geschenkt: „Dank für die gute Zusammenarbeit - Waldbrand August 2022”. Die Inschrift müsse man jetzt wohl um den September erweitern, scherzt ein Feuerwehrmann am Dienstag. Und auch für weitere Brände wäre noch Platz.
Im Harz jedenfalls wird das bisherige Farbspektrum des Klimawandels erweitert: Zu braun und grau kommt das Schwarz der verkohlten Bäume.