9-Euro-Ticket in Ostfriesland Was bleibt vom Mobilitätsexperiment übrig?
Das 9-Euro-Ticket hat Menschen wie Melanie Röben im Landkreis Leer motiviert, drei Monate auf Bus, Bahn und Rad umzusteigen. Und jetzt? Eine Bilanz und ein Ausblick.
Ostfriesland - Drei Monate lang hat Melanie Röben aus Warsingsfehn (Gemeinde Moormerland) das Auto aus ihrem Alltag verbannt. Sie wollte stattdessen möglichst oft mit Bus und Bahn fahren. Der Gedanke zu dieser persönlichen Herausforderung war ihr mit der Einführung des 9-Euro-Tickets gekommen. Wer es kaufte, konnte für diesen Preis im Zeitraum Juni bis August bis zu einen Monat lang sämtliche Angebote des Nahverkehrs nutzen – egal wo in Deutschland und unabhängig vom sonstigen Tarifdickicht im Dschungel der Verkehrsverbünde. Alleine deswegen bewertet Melanie Röben im Nachhinein das Experiment pauschal als Erfolg.
Was und warum
Darum geht es: Mobilität (in Ostfriesland) und das Experiment einer Moormerländerin, mit Hilfe des 9-Euro-Tickets weitgehend autofrei durch ihren Alltag zu kommen
Vor allem interessant für: Leserinnen und Leser, die sich Gedanken über die Verkehrswende machen und häufiger auf das Auto verzichten wollen
Deshalb berichten wir: Wir haben Melanie Röben während ihres dreimonatigen Selbstversuchs von Anfang an begleitet und trafen sie jetzt zum Bilanzgespräch. Den Autorin erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Aber darüber hinaus? Hat das Ticket ihr Mobilitätsbewusstsein tatsächlich dauerhaft verändert? Und welche Erfahrungen haben die wichtigsten Anbieter des Nahverkehrs in Ostfriesland gemacht, die Busunternehmer, die das Streckennetz bedienen?
Für den Einkauf bleibt das Auto stehen
Für die 49-Jährige aus dem Landkreis Leer steht fest: „Für uns ist dadurch viel in Bewegung geraten.“ Zwar fuhr sie gerade innerhalb Ostfrieslands weit weniger mit dem Bus als sie ursprünglich vorgehabt hatte – es mangelt dafür schlicht an Verbindungen. Aber das Ticket hat ihr indirekt dennoch klar gemacht, dass es Alternativen zum Auto gibt, beispielsweise für den Einkauf: Die vierköpfige Familie bekam für 800 Euro einen hochwertigen Fahrradhänger und stattete alle Räder mit einer Vorrichtung zum Ankuppeln aus. Sie habe sich schnell daran gewöhnt, sagt Melanie Röben: „Innerhalb Moormerlands will ich möglichst ganz auf das Auto verzichten.“
Allerdings weiß sie, dass sie dabei den Vorteil hat, von Zuhause aus zu arbeiten und keine kleinen Kinder zu haben. Außerdem kann sie ihre Zeiten beispielsweise für den Einkauf relativ frei einteilen. „Bei Regen fahre ich einfach nicht.“ Zu streng will sie nicht mit sich sein, so Röben. „Wenn es stürmt und ich verabredet bin, werde ich bestimmt auch wieder das Auto nehmen.“
Verhandlungen zum Nachfolgeticket laufen
Wenn es um einen flächendeckenden Effekt des 9-Euro-Tickets geht, ist die selbständige Tagesmutter „eher pessimistisch“. Sie sei enttäuscht über die „nicht ganz klar geregelte Nachfolge“. Der Umstieg auf Bus und Bahn für Pendler und Urlauber wird sich in ihren Augen nur dann langfristig verändern, „wenn es ein Nachfolgeticket gibt, das nicht mehr als 30 Euro kostet“, glaubt sie. Die drei Regierungsparteien SPD, Grüne und FDP verhandeln derzeit über ein bundesweites Nahverkehrsticket. Es soll in der Spanne von 49 bis 69 Euro pro Monat liegen.
Ganz so pessimistisch wie Melanie Röben ist Sonja Brandt in diesem Punkt nicht. Sie leitet die Auricher Geschäftsstelle des Verkehrsverbundes Ems-Jade (VEJ), einem Zusammenschluss von 15 Busunternehmen, die den Nahverkehr bedienen. Selbst wenn sich die Regierung letztlich auf ein 69-Euro-Ticket verständige, sei das „immer noch ein großer Mehrwert“ aus Kundensicht und „ein riesengroßer Schritt“ in Sachen Mobilitätswende, findet sie.
Experiment deckte Schwachstellen auf
Dabei denkt die Marketing-Verantwortliche beim VEJ vor allem an Langstrecke und Urlaubsfahrten. Die vergangenen drei Monaten haben ihr zufolge aber auch zu einem Umdenken auf Strecken in Ostfriesland geführt. Die exakten Zahlen würden derzeit noch ausgewertet werden. Aber schon jetzt stehe fest, so Sonja Brandt: „Es sind mehr Pendler geworden.“ Profitiert hätten in Ostfriesland erster Linie die Verbindungen Emden – Aurich und Aurich – Leer, sagt sie.
Der 9-Euro-Ticket-Sommer hat den Anbietern und kommunalen Trägern darüber hinaus brauchbare Erkenntnisse geliefert. „Es wurden eben auch viele Schwachstellen aufgedeckt“, bestätigt die Marketingchefin. Ein Punkt: die Mitnahme von Fahrrädern. „Das ist auch in Städten wie Hamburg oder Berlin ein Mangel, für den es eine Lösung geben muss.“ Ideen, wie diese aussehen könnte, hat sie allerdings adhoc keine.
Neues Jugendticket im Sommer eingeführt
Melanie Röben, die diesen Handlungsbedarf bei ihren Fahrten in Ostfriesland ebenfalls festgestellt hat, sieht in Fahrradanhängern für Busse einen vorstellbaren Ansatz. Dieser Vorschlag könnte allerdings an den Anschaffungskosten und dem steigenden Energiebedarf der Fahrzeuge schnell scheitern. „Es muss finanziell auch zu stemmen sein“, gibt Sonja Brandt zu bedenken. „Am Ende zahlen wir es ja mit unseren Steuern.“
Obwohl die Nachfrage und die Aufbruchstimmung mit dem Ablauf des 9-Euro-Tickets Ende August spürbar eingeknickt sind, ist die VEJ-Mitarbeiterin überzeugt, dass es etwas gebracht. „Es war ein Anstoß, Verkehr neu und weiter zu denken – auch auf dem Land.“ Was ihr zufolge dabei annähernd übersehen wird: Parallel führten fast alle ostfriesischen Kommunen im Sommer das Jugendticket ein. Es ermöglicht allen berechtigten Schülerinnen und Schülern freie Fahrt im ÖPNV, auch außerhalb der Schulzeit. Für alle anderen kostet es 30 Euro monatlich. Brandt sieht darin einen weiteren wichtigen Schritt auf dem langen Weg der Mobilitätswende.
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