Bonn/Osnabrück Wie man ein guter Mensch sein kann – und warum das so schwer ist
Bedürftigen helfen, ein Ehrenamt übernehmen, ein nachhaltiges Leben führen: Viele Menschen nehmen sich vor, sich moralisch anständig zu verhalten. Doch was heißt das und warum gelingt es oft trotz guter Vorsätze nicht?
Verhaltensökonom und Sachbuchautor Armin Falk („Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein“) hat zu diesen Fragen geforscht. Im Interview erklärt der Leibniz-Preisträger, warum er ein Fan von kleinen Schritten ist – und vor allem beim Klimaschutz den Philosophen Immanuel Kant als Kompass empfiehlt, um zu erkennen, was das richtige Verhalten ist.
Frage: Herr Falk, was versteht die Verhaltensökonomik unter einem guten oder anständigen Menschen?
Antwort: Moralisch richtiges – oder wir nennen es auch prosoziales – Verhalten bezeichnet nach unserer Arbeitsdefinition ein Verhalten, das anderen etwas Gutes tut. Das ist typischerweise mit Kosten verbunden. Anders formuliert: Etwas ist unmoralisch, wenn ich jemandem absichtlich und ohne guten Grund einen Schmerz oder Schaden zufüge. Das ist eine Arbeitsdefinition, die relativ weitreichend ist und universell gilt, also über verschiedene Kulturen und Religionen hinweg.
Frage: Wo beginnt die Übertreibung?
Antwort: Das ist nicht für jeden sowie immer und unter allen Umständen gleich. Es gibt in vielen Zusammenhängen sicher immer auch Dissens darüber, was jetzt das richtige Verhalten ist. Es gibt Leute, die finden eine Handlung vielleicht völlig unproblematisch und normal, beispielsweise die gleichgeschlechtliche Ehe, andere finden das irgendwie anstößig.
Antwort: Die meisten Menschen wissen in bestimmten Situationen oft ziemlich genau, was sie eigentlich von sich erwarten, was gut wäre oder weniger wünschenswert. Doch warum verhalten wir uns in einem Fall anständig und unterlassen es in einem anderen? Das ist die Frage, die mich in meinem Buch so interessiert.
Frage: Nehmen wir ein Beispiel aus dem Alltag: Bei Lotto- oder Gewinnspielen zugunsten wohltätiger Zwecke kann man zwischen verschiedenen Projekten wählen, die man mit dem Los unterstützen will. Letztlich spielt man da doch die Projekte gegeneinander aus. Wie löst man diesen moralischen Konflikt?
Antwort: Das ist richtig. Es gibt nicht immer nur eine richtige Handlung, sondern möglicherweise auch unterschiedliche. Ich würde sagen, man wählt wenigstens ein Projekt aus, weil man es nicht allen recht machen kann.
Frage: Aber ein hundertprozentig anständiges Verhalten ist das nicht…
Antwort: Man sollte sich aber auch nicht überfordern. Das ist eine sehr mächtige Entschuldigungsgeschichte, die man sich selbst gern erzählt, nach dem Motto: „Wenn ich schon nicht die ganze Welt retten kann, macht es auch keinen Unterschied, wenn ich jetzt Frau Schmitz oder Herrn Müller über die Straße helfe.” Das ist inhaltlich falsch. Der Wunsch, der perfekte Mensch zu sein, steht oft dem Ziel, ein guter Mensch zu sein, im Wege. Es wird überhaupt viel zu viel mit Schwarz-Weiß-Schablonen gearbeitet – auch im politischen Diskurs.
Frage: Woran denken Sie da gerade speziell?
Antwort: An das Thema Energiesparen, das wir gerade diskutieren. Es geht ja nicht darum, dass wir überhaupt keine Energie mehr verbrauchen. Aber wie wäre es mit zehn oder 20 Prozent weniger? Überlegt man sich dann, was in der Summe herauskommen kann, ist das immer noch besser als zu sagen: „Also, wenn du schon kein moralischer Superheld bist, kannst du es gleich lassen.” Das ist das Gegenteil von einer motivierenden Betrachtungsweise. Manchmal ist es einfach nur eine billige Entschuldigung. Dieses „Ja, wenn es nicht perfekt ist oder ich nicht perfekt bin”-Denken ist ein mächtiger Feind gegen das Gute. Ich bin Fan eines proaktiven Pragmatismus: Lieber einen kleinen Schritt in die richtige Richtung gehen als stehen bleiben oder sogar rückwärtsgehen.
Wie man in kleinen Schritten Energie einsparen kann, zeigt unsere Umfrage:
Frage: Ein Argument gegen einen nachhaltigen Lebensstil ist oft, dass nur Besserverdiener ihn sich leisten könnten...
Antwort: Auch hier gilt: Jeder kann im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas tun. Das ist ebenfalls ein Entschuldigungsdiskurs, der häufig geführt wird. Zum Beispiel gegen eine CO₂-Bepreisung, die ich für absolut sinnvoll erachten würde. Man muss sich die Fakten anschauen: Eine CO₂-Bepreisung trifft insbesondere Reiche, weil sie einen viel höheren CO₂-Ausstoß produzieren. Insofern ist das schon mal nicht ganz richtig, dass es ärmere Leute trifft.
Antwort: Zweitens kann man natürlich von reichen Menschen grundsätzlich mehr erwarten, auch Spendengelder, als von armen. Das ist auch legitim, aber daraus abzuleiten, dass man sozusagen die Hände in den Schoß legen kann, nur weil man weniger Geld hat, damit macht man es sich auch zu leicht.
Frage: Kann man auch ohne viel Geld ein besserer Mensch werden?
Antwort: Es geht nicht nur um Geld. Viele gute Dinge passieren, weil Menschen bereit sind, Zeit für andere zu investieren, die bedürftig sind. Und: Wenn ich mich klimagerecht ernähren möchte, dann muss ich einfach weniger Fleisch essen. Man kann sich relativ preiswert vegetarisch ernähren.
Sehen Sie Armin Falk im Video:
Frage: Sie empfehlen, mehr Kant zu wagen, um anständig durch das Leben zu gehen. Wie meinen Sie das?
Antwort: Immanuel Kant als Kompass könnte uns gerade beim Kollektivproblem Klimawandel helfen. Er würde hier sagen: Es ist nicht primär wichtig, was dein Handeln jetzt für Konsequenzen hat, sondern was richtig oder falsch ist. Richtig ist dein Verhalten dann, wenn du willst, dass die Maxime deines Handelns zum allgemeinen Gesetz werden könnte. Das heißt, wenn jeder sich so verhalten würde, dass das etwas ist, das du wollen würdest.
Antwort: Zum Beispiel: Der CO₂-Fußabdruck eines Durchschnittsdeutschen ist nicht klimafreundlich. Frage ich mich nun: Ist das das Konsumverhalten, von dem ich mir wünschen könnte, dass alle Menschen so leben, sagt natürlich jeder: „Nein, auf keinen Fall, wenn das so wäre, ist dieser Planet sofort am Ende.” An dieser Stelle wird moralisch sichtbar, warum es falsch ist, sich so zu verhalten. In diesem Sinne wäre es gut, wenn wir uns mehr an Kant orientieren.
Buchtipp: Armin Falk: „Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein... und wie wir das ändern können.“ Antworten eines Verhaltensökonomen. Siedler Verlag, 24 Euro.