Hamburg  „Die Wurst bleibt“ - Ernährungspolitik am Geschmack des Bürgers vorbei?

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 05.09.2022 11:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Sarah Dhem, Präsidentin der deutschen Wursthersteller, ist sicher: Die Wurst bleibt ungeachtet aller Vegan-Debatten Teil des Speiseplanes in Deutschland. Foto: Patrick Pleul/dpa
Sarah Dhem, Präsidentin der deutschen Wursthersteller, ist sicher: Die Wurst bleibt ungeachtet aller Vegan-Debatten Teil des Speiseplanes in Deutschland. Foto: Patrick Pleul/dpa
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Was passiert, wenn das Gas knapp wird? Die Wurstproduzenten in Deutschland fordern eine Priorisierung für ihre Betriebe. Ein Interview zur Bedeutung der Wurst, zu Tierschutzplänen der Bundesregierung und zu Folgen der Schweinepest.

Wenn in Politik und Medien über Fleischkonsum gesprochen und geschrieben wird, geht es meistens darum, dass die Menschen weniger Fleisch essen sollten. Der Gesundheit und der Umwelt zuliebe. Fleischersatzprodukte und deren Hersteller bekommen viel Aufmerksamkeit. Sarah Dhem passt das gar nicht.

Kein Wunder, könnte man denken: Dhem ist Präsidentin des Bundesverbandes der deutschen Wurst- und Schinkenhersteller (BVWS) und leitet selbst ein entsprechendes Unternehmen in Niedersachsen. Aber sie weiß Zahlen auf ihrer Seite: Im Interview mit unserer Redaktion präsentiert Dhem erste Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage im Auftrag ihres Verbandes, wonach sich 65 Prozent der Deutschen von der aktuellen Ernährungspolitik nicht mitgenommen fühlen.

„Da findet also Politik am Verbraucher vorbei statt”, sagt Dhem und schlussfolgert: „Wir können darüber reden, dass der Fleischkonsum sinkt, aber das heißt nicht, dass die Wurst von den Tellern verschwindet. Wurst bleibt Teil des Speiseplans.”

Im Gespräch geht es aber auch um die Folgen steigender Energiepreise für die Wurstproduktion und die politische Arbeit von Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne). Mit dessen Plänen für ein staatliches Haltungskennzeichen ist Dhem überhaupt nicht zufrieden. im Folgenden das Gespräch im Wortlaut:

Frage: Frau Dhem, die Energiepreise gehen durch die Decke. Haushalte, Unternehmen, alle ächzen. Wie ist die Lage in Ihrer Branche?

Antwort: Das ist eine Katastrophe. Die Wurstbranche ist sehr energieintensiv: Wärme, Strom, Wasser - ohne kriegen wir die Wurst nicht fertig. Diese Kostensteigerungen sind für viele Betriebe existenzbedrohend. Wer jetzt noch alte Lieferverträge mit seinem Energieunternehmen hat, der weiß, dass es ihn dann spätestens 2023 treffen wird. 

Frage: Um wie viel Prozent hat sich denn die Produktion aktuell verteuert? Neben den Energiepreisen sind ja zuletzt auch wieder die Preise für ihren Rohstoff angezogen: die Schweine.

Antwort: Im Juli haben einige Unternehmen unserer Branche Mehrkosten von 35 Cent pro Kilogramm Endprodukt verzeichnet. Aktuell haben sich diese Mehrkosten erhöht - auf 50 Cent pro Kilogramm Endprodukt und mehr. Hauptgründe dafür sind gestiegene Energie-, Personal- und Beschaffungskosten. Tendenz der Preise: weiter steigend.

Frage: Also müssen sich die Kunden im Supermarkt darauf einstellen, dass die Wurst deutlich teurer wird?

Antwort: Natürlich müssten wir die Preissteigerungen eigentlich weitergeben. Das hält sonst kein Produzent auf Dauer aus. Alle Marktteilnehmer haben Angst, die Inflation zu befeuern. Gleichzeitig drohen die Endabnehmer mit Vertragsstrafen, wenn die Liefermengen nicht erreicht werden können.  

Frage: Die Politik hat ein umfassendes Hilfspaket auf den Weg gebracht.. Was fordern Sie darüber hinaus? 

Antwort: Die Lebensmittelproduktion muss für den Fall von Gas-Engpässen priorisiert werden. Auch in einer Krise müssen Menschen ernährt werden. Ich verstehe absolut nicht, dass das noch nicht geklärt ist. Das ist grob fahrlässig. Und übrigens geht das auch an der Lebensrealität der meisten Menschen vorbei, wenn man den Stellenwert von Wurst in der Gesellschaft betrachtet. Die Wurst gehört zum Leben der Menschen dazu. 

Frage: Im Westen von Deutschland stauen sich derzeit Zehntausende schlachtreife Schweine in den Ställen nach dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in einem Betrieb im Emsland. Niemand will die gesunden, schlachtreifen Schweine aus der Sperrzone verarbeiten. Warum wurde so etwas nicht vorher geklärt? Dass es zu einem Ausbruch kommen kann, war allen klar. 

Antwort: Es ist einfach nicht gut, dass die Verarbeitung nicht geklärt worden ist. Das ist ein Versäumnis. Aber ich habe auch kein Verständnis dafür, dass die EU-Kommission an der 100-Tage-Restriktionszeit festhält, obwohl es seit dem Ausbruch Anfang Juli keinen weiteren ASP-Nachweis in der Region gegeben hat. Was soll das? Zudem ist die vorgeschriebene Verarbeitung des tadellosen Fleisches aus der Sperrzone extrem aufwändig. Da geht es seitens der Verarbeiter gar nicht um die Frage des Wollens, sondern des Könnens.

Frage: Inwiefern?

Antwort: Im Kern muss das Fleisch auf 80 Grad erhitzt werden. Das können wir in unserem Betrieb beispielsweise gar nicht und viele andere auch nicht. Am Ende bleibt nicht mehr viel als eine Verarbeitung zu Wiener Würstchen und gebratenen Frikadellen. Geld wird niemand damit verdienen. Auch hier muss man sich fragen, ob die Vorschriften so sinnvoll sind, oder die Situation nicht verschärfen.

Frage: Die EU hält daran fest. Was also tun? Warten bis Kannibalismus in den Ställen ausbricht oder die Schweine unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen?

Antwort: Niemand will das! Hier ist jetzt die Politik gefragt. Der Staat muss die Schweine übernehmen und die Schlachtung organisieren. Das Fleisch könnte dann eingelagert und die Verarbeitung per Ausschreibung angestoßen werden. Es geht darum, eine Tierschutzkatastrophe abzuwenden. Der Bund muss hier einspringen.

Frage: An der Politik prallt dieser Vorschlag bislang ab. 

Antwort: Ja, wo ist eigentlich Cem Özdemir, der zuständige Bundeslandwirtschaftsminister? Gehört es nicht zu seinem Aufgabenprofil, das Krisengebiet zu besuchen? Er ist für die Menschen, aber auch für die Tiere bei dieser Thematik zuständig, lässt sich aber nicht blicken. Er muss sich des Problems annehmen.

Frage: Cem Özdemirs Ministerium in Berlin hat einen Vorschlag für ein fünfstufiges Haltungskennzeichen vorgelegt. Mit dem sollen Verbraucher künftig erkennen, wie das Schwein gelebt hat. Im ersten Schritt wird nur Frischfleisch und keine Wurst gekennzeichnet, aber trotzdem: Wie finden Sie den Plan?

Antwort: Auf einer Skala von 1 bis 10 lande ich bei minus 5. Da wird nur der Ist-Zustand gekennzeichnet. Das verändert nichts in den Ställen, davon lebt kein Schwein besser. Es entstehen nur zusätzlicher Verwaltungsaufwand und damit zusätzliche Kosten. Das Fleisch wird im Zweifelsfall also teurer, obwohl im Stall nichts besser geworden ist. Einen Anreiz für bessere Tierhaltung schafft das Kennzeichen nicht. Im Gegenteil: Wer seine Tiere jetzt besser hält, wäre wirtschaftlich künftig besser dran, wenn er zum gesetzlichen Mindeststandard zurückkehrt, weil die Finanzierung privater Tierwohl-Programme wackelt.

Frage: Warum sollte die Politik der Wurstbranche eigentlich so umfangreich unter die Arme greifen bei der Transformation? Speziell der Schweinefleischkonsum ist rückläufig. Es wird mehr über Fleischersatzprodukte gesprochen als über echte Wurst…

Antwort: Ist das wirklich so oder geht das an der Lebensrealität der meisten Menschen vorbei? Wir haben eine repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben. Dabei kam heraus: 82 Prozent der Deutschen halten Wurst für ein Kulturgut, 65 Prozent fühlen sich von der aktuellen Ernährungspolitik nicht mitgenommen. Da findet also Politik am Verbraucher vorbei statt. Knapp die Hälfte der unzufriedenen Befragten hat gesagt, es wird zu viel über fleischlose Ernährung gesprochen. Wir können darüber reden, dass der Fleischkonsum sinkt, aber das heißt nicht, dass die Wurst von den Tellern verschwindet. Wurst bleibt Teil des Speiseplans. 

Frage: Und das heißt aus Ihrer Sicht was genau für die Diskussion ums Haltungskennzeichen und die Tierhaltung?

Antwort: Das sollten die Diskussionen dann auch widerspiegeln. Wir müssen jetzt gemeinsam die Ernährung der Zukunft gestalten. Nur: Es ist nicht richtig, den Bürgern Vorschriften über ihr Essen zu machen. Man kann den Standpunkt haben, die Landwirtschaft muss reformiert werden. Das ist in Ordnung. Aber das ist eine Mammutaufgabe. Das geht nur in kleinen Schritten und nicht in einem Hauruck-Aufschlag. Das macht mehr kaputt, als dass es die gewünschte Veränderung bringt. Ich erwarte von einem Minister auch die Einsicht: Ok, das ist komplizierter als gedacht. 

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