Entgegen dem Trend  Als viele die Kirche verließen, gründeten Leeraner eine neue

Nikola Nording
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Von Nikola Nording
| 02.09.2022 13:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Regina van Lengen ist noch heute stolz auf die Petruskirche. Bei deren Bau hat die 67-Jährige aktiv mitgeholfen. Foto: Ortgies
Regina van Lengen ist noch heute stolz auf die Petruskirche. Bei deren Bau hat die 67-Jährige aktiv mitgeholfen. Foto: Ortgies
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Vor genau 30 Jahren wurde die Petruskirche in Leer-Loga eröffnet. Zu dieser Zeit traten viele Menschen aus der Kirche aus. Was war anders an dieser Gemeinde?

Leer - Es ist 1992 und Deutschland ist seit Kurzem ein geeintes Land. Auf die Bürgerinnen und Bürger kommen viele Veränderungen zu und die Zeiten sind bewegt. Gerade in dieser Zeit verzeichnet die evangelische Kirche in Deutschland einen Spitzenwert an Austritten. Innerhalb eines Jahres kehrten ihr laut Statistischem Bundesamt mehr als 360.000 Mitglieder den Rücken. Vermutlich wegen der Veränderung im Kirchensteuerrecht und dem aufkommenden Solidarität-Beitrag zogen viele Bürger die Reißleine.

Was und warum

Darum geht es: Die Kirchenaustrittszahlen waren Anfang der 1990er Jahre hoch wie nie. Doch in Loga entstand eine neue Kirche. Das lag vor allem an einem Pastor.

Vor allem interessant für: Gläubige und Geschichtsinteressierte.

Deshalb berichten wir: Die Petrusgemeinde in Leer-Loga feiert an diesem Wochenende ihr 30-jähriges Bestehen.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de

Die Kirchenbänke leerten sich also – nur nicht in Loga. Dort entstand vor gut 30 Jahren nicht nur eine neue Kirchengemeinde, sondern es wurde sogar eine neue Kirche gebaut. „Sie ist quasi ein Baby, wenn man bedenkt, dass die Kirche in Logabirum aus dem 14. Jahrhundert und die benachbarte reformierte Kirche Loga sogar aus dem 13. Jahrhundert stammt“, sagt Regina van Lengen. Die Leeranerin war vor 30 Jahren dabei, als die Kirche gebaut wurde. Das erfüllt sie noch heute mit Freude und Stolz. „Wer kann schon sagen: Ich habe eine Kirche gebaut?“, sagt sie.

Ein neuer Pastor kam in die Stadt

Doch bevor es soweit war, gab es vor allem eines in der Gemeinde: Unzufriedenheit. Bis zum 1. Januar 1989 war die Petrus-Gemeinde ein Teil der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Loga. Weil im Leeraner Stadtteil aber viele neue Siedlungen entstanden und damit auch mehr junge Familien in die Gemeinde kamen, wurde eine neue Pfarrstelle geschaffen. Pastor Joachim Paulsen widmete sich vor allem den jungen Familien. Das begeisterte viele, auch Regina van Lengen. „Er war ganz anders als der damals eher konservative Kirchvorstand und der damalige Pastor“, erinnert sich van Lengen, die zu dieser Zeit gerade Mutter ihres zweiten Kindes geworden war. Das zog viele Menschen an. Ein Gemeindehaus gab es bereits am Verbindungsweg, Ecke Weidenweg. Dort wurden Krabbelgruppen gegründet und andere Aktivitäten abgehalten. Nach und nach wurde klar: Dort entsteht etwas Neues. Es unterschied sich stark vom konservativen Teil der Gemeinde rund um die Friedenskirche. „Das hat dann irgendwann auch die Landeskirche eingesehen und es wurde eine neue Gemeinde gegründet“, sagt van Lengen.

Danach habe es kein Halten mehr gegeben. Im Gemeindehaus, dem Theodor-Elster-Haus, wurden Gottesdienste gefeiert, Krabbelgruppen gegründet, Raum für Chöre und Musiker geboten. „Irgendwann wünschten sich die Mitglieder einen festen, sakralen Raum“, sagt die 67-Jährige. Auch aus praktischen Gründen: „Wir waren wegen der vielen Aktivitäten ja ständig am Umräumen“, erinnert sie sich. Der Gemeindegottesdienst brauchte viele Stühle, die Krabbelgruppe viel Platz ohne Stühle.

Alles selbst gebaut

Die Gemeindemitglieder fingen an Geld zu sammeln. Und ihr Enthusiasmus lohnte sich, sie schafften es, eine Million Mark aufzutreiben. „Ich weiß noch, dass damals Leute sagten: ,Dafür hätte man einen Kilometer Autobahn bauen können‘“, erinnert sich van Lengen. „Wir haben viel Eigenleistung in den Bau gesteckt - allen voran Pastor Paulsen“, sagt van Lengen. Ihre Tochter konnte dann am 6. September 1992 die Kirche aufschließen.

Der späte Bau ist noch heute für die Gemeinde ein Glücksgriff. „Wir haben damals bereits schon viel Wert auf eine gute Dämmung und das Energiesparen gelegt“, sagt van Lengen. „Ich kann mich noch gut an die dicken Dammblöcke erinnern.“ Auch die Fenster haben eine Dreifachverglasung. Nun stehe die Kirche im Vergleich zu anderen Kirchen bei den Heizkosten gut da.

Joachim Paulsen übergibt Regina van Lengen den Schlüssel für die neue Petruskirche. Foto: Archiv
Joachim Paulsen übergibt Regina van Lengen den Schlüssel für die neue Petruskirche. Foto: Archiv

Gemeinden auf Augenhöhe

Heute arbeiten die beiden Logaer Gemeinden wieder enger zusammen. Ina und Benjamin Jäckel sind als Geistliche sowohl für die Friedens- als auch für die Petruskirche verantwortlich. Im kommenden Jahr werden die beiden Gemeinden wieder zu einer vereint. „Das ist auch sinnvoll“, sagt Benjamin Jäckel. Damals seien die beiden Gemeinden sehr unterschiedlich gewesen, heute gebe es diesen Unterschied kaum noch. „Die Menschen in den Gemeinden sind in beiden Kirchen aktiv“, sagt er. Van Lengen verweist auf übergreifende Projekte wie das Café Welcome oder die Bücherei. Heute seien die Gemeinden auf Augenhöhe, die Friedenskirche sei nicht wichtiger als die Petruskirche oder andersrum, meint Jäckel. „Jedes Gebäude hat auch seinen eigenen Charme“, sagt er. So eigne sich die Petruskirche, mit den Stühlen und der familiären Atmosphäre gut für Taufen. Die Friedenskirche sei dagegen eine ganz klassische Hochzeitskirche.

Arbeiten heute gemeinsam in der Petruskirche: Benjamin und Ina Jäckel sowie Regina van Lengen. Foto: Ortgies
Arbeiten heute gemeinsam in der Petruskirche: Benjamin und Ina Jäckel sowie Regina van Lengen. Foto: Ortgies

Den Geist der Anfänge in der Petruskirche, deren Gemeinde durchaus älter geworden ist, wollen Ina und Benjamin Jäckel aber übernehmen. „Es ist schon unsere Vision die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Kirche in den Fokus zu rücken“, sagt er.

Dieses Wochenende steht allerdings im Zeichen der Petruskirche. Am Sonnabend wird es um 19 Uhr ein Orgelkonzert anlässlich des 30-jährigen Bestehens geben. Am Sonntag gibt es dann ab 14 Uhr einen Festgottesdienst mit einem besonderen Gast. Der Mann, der die Gemeinde damals gegründet hat, wird die Predigt halten: Pastor Joachim Paulsen.

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