Moskau  Kann nicht jeder ein bisschen wie Gorbatschow sein?

Burkhard Ewert
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Von Burkhard Ewert
| 31.08.2022 02:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Michail Gorbatschow 1989 in Bonn - die Menge feierte ihn. Foto: Frank Kleefeldt/dpa
Michail Gorbatschow 1989 in Bonn - die Menge feierte ihn. Foto: Frank Kleefeldt/dpa
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Michael Gorbatschow ist gestorben. Einen politischen Erben hat er nie gefunden. Dann muss das halt jeder ein Stück weit selbst übernehmen, kommentiert unser Autor.

Perestroika und Glasnost: Wer in den 90er-Jahren im einen oder anderen Deutschland lebte, den begleiteten diese Worte auf Schritt und Tritt. Übersetzt aus dem Russischen bedeuten sie Umgestaltung und Offenheit. Ihr Vater war Michael Gorbatschow, der als Generalsekretär der Kommunistischen Partei und Kurzzeit-Präsident der Sowjetunion diesen Weg einschlug und prägte.

Perestroika und Glasnost: Nur die wenigsten glaubten damals, dass Gorbatschow das wirklich ernst meinte. Es hieß, das Scheitern des Kommunismus einzugestehen. Es bedeutete, den Bestand der ruhmreichen Sowjetunion zu riskieren. Es lief darauf hinaus, dass eine Supermacht mit Kernwaffen und Hochtechnologie, mit militärischer und kultureller Dominanz ihren Anspruch auf Augenhöhe zum Westen und auf Vorherrschaft in ihrer Sphäre aus eigenem Antrieb aufgibt. Hatte es so etwas jemals zuvor gegeben?

Perestroika und Glasnost: Der Westen habe Moskau diesen Weg aufgezwungen, rühmen sich manche. Gorbatschow habe keine Wahl gehabt, meinen sie. Das trifft nicht zu. Der Kommunismus hatte zu jenem Zeitpunkt Abermillionen Menschenleben auf dem Gewissen. Es war alles andere als selbstverständlich, dass kein weiterer Zwang im Zeichen des roten Sterns folgte. Keine Panzer, Abzug der Soldaten, Verzicht auf Drohungen, der Wunsch nach Annäherung und Liberalisierung in allen Bereichen: Das war Gorbatschows epochale, damals schier unglaubliche Entscheidung.

Gedankt haben es ihm im Kern nur die Deutschen, denen er zu ihrer eigenen Überraschung die Einheit brachte. Nirgends genießt er einen größeren Ruf als hierzulande. In Russland hielten ihn nicht wenige für einen Verräter - so auch der jetzige Präsident Wladimir Putin. Er konnte den Verlust an Bedeutung nie verwinden. Aber der Westen reagierte nicht weniger unbesonnen. Es dominierten Triumphgeheul und eine Art Phantomschmerz über den verloren gegangenen Erzfeind. Eine Partnerschaft war nicht gewollt. Man ließ dies Russland deutlich spüren, hielt es auf Abstand, stieß es als Land zurück, stieß die Russen selbst zurück. Sogar Rassismus gegen sie und andere Osteuropäer ist weniger verpönt, als wenn er Menschen anderer Herkunft trifft.

Es liegt auch daran, dass die Dinge heute sind, wie sie sind. Gorbatschow konnte es nicht mehr beeinflussen. Nur noch kurz hielt er sich im Amt, nachdem sein Kurs zentralen Anteil am Zerfall der Sowjetunion hatte. Nun ist er tot. Kein Staatsmann hat sein Erbe angetreten, weder im Osten noch im Westen. Aber vielleicht kann ja jeder selbst ein wenig wie Gorbatschow sein. In seinem Sinne zu handeln hieße, Russland gerade in der gegenwärtigen Lage nicht eindimensional zu betrachten. Mehr aber noch könnte es bedeuten, Menschen grundsätzlich nicht zu ihrem Glück zwingen zu wollen, sondern ihre Freiheit ernst zu nehmen. Von Gorbatschow kann in dieser Hinsicht auch im Westen so mancher noch lernen.

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