Kiel Der NDR im RBB-Strudel: Eine Frage des Binnenklimas
Der NDR-Rundfunkrat prüft Beschwerden von Mitarbeitern aus dem Kieler NDR-Landesfunkhaus.
Am Montag haben sie digital getagt, ab 17.30 Uhr. Die zehn Mitglieder des NDR-Landesrundfunkrates wollten das weitere Vorgehen in einer Angelegenheit diskutieren, die den Sender in eine Krise gestürzt hat: Dem NDR werden Parteilichkeit und ein schlechtes Arbeitsklima in der Abteilung „Politik und Recherche“ des Kieler Landesfunkhauses vorgeworfen.
Wie groß diese Krise tatsächlich ist und welche Konsequenzen aus ihr gezogen werden müssen, das soll das Aufsichtsgremium klären. Zehn Personen aus verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen und Verbänden gehören dem Landesrundfunkrat an, der erst seit einigen Wochen in dieser Konstellation zusammenarbeitet.
Ungewöhnlich genug: Nach einer ersten, konstituierenden Sitzung kommt das Gremium jetzt gleich zu einer handfesten Krisensitzung zusammen. „Wir nehmen die Vorwürfe sehr ernst“, sagte die Rats-Vorsitzende Laura Pooth vom DGB Nord im NDR-Fernsehen: „Wir wollen hinterfragen, was da gewesen ist, ob die Berichterstattung unabhängig war.“
Das ist die Frage, die beim NDR schon seit zwei Jahren untersucht wird, denn so lange köchelt die Geschichte bereits, die jetzt öffentlich geworden ist. Konkret geht es um den Vorwurf einer zu großen Nähe zur Politik, in diesem Fall zur der CDU des regierenden Ministerpräsidenten Daniel Günther, der sich vor gut zwei Jahren mit seinem damaligen Innenminister Hans-Joachim Grote überworfen hatte. Ein Kieler NDR-Mitarbeiter hatte daraufhin ein Interview mit Grote arrangiert, das seine Vorgesetzten ablehnten.
Der Verdacht: Die Absage an Grote könnte politisch motiviert gewesen sein. Der Mitarbeiter, dem das Interview untersagt wurde, schilderte seinen Fall dem sogenannten Redaktionsausschuss, der bei Unstimmigkeiten über Art und Umfang der Berichterstattung oder bei Konflikten zwischen verschiedenen Hierarchieebenen angerufen werden kann. So weit, so nachvollziehbar.
Nun ist die Sache allerdings nicht so einfach, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Im September 2021, also gut 17 Monate nach dem Rücktritt Grotes, legte der Redaktionsausschuss seinen 33-seitigen! Abschlussbericht vor. In dem Dokument, das unserer Redaktion vorliegt, zeigt sich vor allem eines: Dass die Entscheidung, Grote nicht zu interviewen, eine falsche war. Zwei leitende Angestellte beim NDR hätten diese Fehlentscheidung gemeinsam zu verantworten.
„Ein Interview wäre der normale journalistische Versuch, Licht ins Dunkel zu bringen, selbst auf die Gefahr hin, dass es am Ende nicht für eine Veröffentlichung geeignet ist.“ Eine Ohrfeige für die Arbeitsweise der Chefetage, aber auch gleich ein Skandal?
Es ist dieser Tage besonders leicht, gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) zu wettern. Der Skandal im Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hat vieles in Bewegung gebracht und es gibt nicht wenige Menschen, die hoffen, dass die Affäre um die zurückgetretene RBB-Intendantin Patricia Schlesinger endlich die dringend notwendigen Reformen in der ARD mit sich bringt: Weniger Anstalten, weniger Intendanten, mehr Transparenz und ein Programm, das durchgehend nicht über Quotenpotenziale, sondern durch Qualität definiert wird.
Und dann gibt es noch Medien, die ein gewisses Interesse an der Schwächung der öffentlich-rechtlichen Anstalten hat: Der Springer Verlag versucht – bislang mit mäßigem Erfolg – mit eigenen TV-Kanälen den ertragreichen Fernseh-Werbemarkt für sich zu erschließen, und schießt deshalb mit großem Kaliber auf alles, was öffentlich-rechtlich ist.
Wenn jetzt die Vorkommnisse beim RBB mit jenen beim NDR verglichen werden, ist das nicht nur unseriös, es hat auch Züge einer Kampagne. Das Problem, das der NDR hat, scheint vor allem ein internes zu sein – das macht der Abschlussbericht deutlich. So bemängelt der Redaktionsausschuss die fehlende Kooperationsbereitschaft der Redaktionsleitung von „Politik und Recherche“: „Die Aufklärung wurde mehrfach verzögert“, heißt es im Bericht, mehrere Fragen seien bis heute nicht beantwortet worden.
Auch sei dem Ausschuss „mehrfach vorgeworfen worden, voreingenommen zu sein und verleumderische Vorwürfe zu verbreiten“. Das wirft vor allem ein schlechtes Licht auf das Binnenklima im Sender. Zumal es im Bericht auch noch heißt, dass acht Kolleginnen und Kollegen im Zuge des Streits um das Grote-Interview „von großen Sorgen und Problemen im Landesfunkhaus Kiel berichtet haben“.
Das ist die emotionale Gemengelage, um die es geht und in der Klarheit geschaffen werden muss im Bezug auf die einfache Frage, ob ein Interview mit Grote aus politischen Gründen abgelehnt wurde. Die andere Möglichkeit, dass einfach eine falsche redaktionelle Entscheidung getroffen wurde, erscheint dabei durchaus wahrscheinlich.
Das größte Problem in dieser Sache hat sich der NDR jedenfalls selbst bereitet, durch das mangelnde Tempo bei der Aufklärung und durch Indiskretionen. Denn in dem Abschlussbericht steht auch: „Der Schaden für den NDR wäre immens, wenn dieser Vorgang in der Öffentlichkeit diskutiert würde. Genau das gilt es zu verhindern.“
Der Schaden ist jetzt da, und es könnte sein, dass er im Strudel der RBB-Ereignisse größer wird als es angemessen ist. Zumal der „Stern“ Montagabend noch von einem bislang unveröffentlichten Brief berichtete, in dem 72 Kieler NDR-Mitarbeiter eine lückenlose Aufarbeitung aller Vorwürfe fordern. Der Landesrundfunkrat, so viel ist sicher, hat noch einiges zu tun.