Hamburg  Von Sting bis Udo Jürgens: „Sticken“ Stemmer ist der Mann für den guten Ton

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 29.08.2022 10:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Michael „Sticken“ Stemmer an seinem Mischpult im heimischen Keller. Foto: Joachim Schmitz
Michael „Sticken“ Stemmer an seinem Mischpult im heimischen Keller. Foto: Joachim Schmitz
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Ob Sting oder Wildecker Herzbuben, Mark Knopfler, Udo Lindenberg oder Udo Jürgens – Michael „Sticken“ Stemmer hat für sie alle gearbeitet und für den guten Ton gesorgt.

Er hat für den guten Ton bei den Wildecker Herzbuben ebenso gesorgt wie bei den Punkern von Joy Division. Er hat für Udo Lindenberg und Udo Jürgens an den Reglern gesessen, für Weltstars wie Sting und Mark Knopfler den Sound gemacht, mit alten Helden wie den Tremeloes, The Sweet, Suzi Quatro, Peter Maffay, der Blues Company und unzähligen anderen Bands gearbeitet. Und er hat Musicals wie „Hair” oder „Phantom der Oper“ betreut – doch ihn selbst kennt außerhalb der Branche kaum jemand: Michael Stemmer (64), den alle nur „Sticken“ nennen, gehört seit Jahrzehnten zu den gefragtesten Tontechnikern, den Volksmusikstars ebenso schätzen wie Punks, Blueser und knallharte Rocker.

„Ich hab als Dreijähriger schon die Kochtöpfe und Kochlöffel aus dem Küchenschrank geholt und Dingelingeling gemacht“, erzählt Sticken im Wohnzimmer seines Häuschens vor den Toren Hamburgs von seiner frühen Leidenschaft für die Musik. „Als ich vier war, hat mein Onkel mir ein kleines Schlagzeug gekauft, er spielte Schifferklavier und dann sind wir nachmittags auf Hochzeiten aufgetreten. Für die Leute war’s lustig und ich bin auf diese Weise zur Musik gekommen.“

Das war noch im ostwestfälischen Vlotho, wo er die ersten Jahre seines Lebens verbrachte. Mit sechs kam er dann auf ein kirchliches Internat in Siegen. „Der Pastor hat mich geschlagen, dass ich die Wände hochging, weil ich immer Scheiße gebaut hab“, erinnert sich Sticken heute an diese Zeit, die ihn aber auch musikalisch prägte. Er trat in eine Kirchenband ein, bearbeitete das Schlagzeug und sang. „Der Keyboarder spielte auf der Kirchenorgel, fürs Schlagzeug wurde der Altar zur Seite geschoben“, weiß er heute noch. Als Jugendlicher sang er dann im Chor und spielte in Tanzbands. „Um Kinderarbeit hat sich damals niemand geschert, das war neumodischer Quatsch. Es ging darum, Spaß zu haben.”

Den hatte er – auch als er mit 14 Jahren wieder nach Vlotho zurückkehrte und Mitglied einer Band wurde, die es heute noch gibt: Hammerfest. Eine Deutsch-Rock-Band, die Anfang der Siebziger vor allem in linken Kreisen einen Namen hatte. 

Doch während die Band immer bekannter wurde, kam bei Sticken der Sinneswandel: „Irgendwann habe ich mir gesagt: Was willst Du eigentlich auf der Bühne? Du musst für alle den Clown machen und wenn Du mal berühmt werden solltest, dann kehren sie Dein Innerstes nach außen. Das willst Du nicht. Ich setz mich lieber nach hinten ins Dunkle, da hab ich meine Ruhe.“

Es war die Geburtsstunde des Tontechnikers Michael „Sticken“ Stemmer: „Ich hatte schon immer viel gebastelt, mit Radios, Lichtanlagen und allem Möglichen. Und ich fand es interessanter, an einer Stelle zu sitzen, an der ich die Fäden in der Hand habe.“ Wie bei vielen seiner Altersgenossen waren Led Zeppelin, T. Rex, die Stones und die Beatles die ersten Bands, die Sticken gehört hatte. „Aber ich habe schon sehr früh erkannt, dass ich mich gar keinem festen Stil zuordne“, erinnert er sich. „Ich bin offen für alles – ob das Volksmusik ist, Schlager, Rockmusik, Punk oder auch Klassik.”

Anfangs war es hauptsächlich die Rockmusik – und die machte Sticken für viele Jahre zu einem beinahe Heimatlosen: „Wenn ich auf Tournee war, bin ich oft auf irgendeinem Rastplatz von einem Bus in den nächsten gestiegen, war gar nicht zu Hause, sondern bin gleich auf die nächste Tournee gegangen. Ich war 365 Tage im Jahr weg. Das war so viel, und da war ich so oft betrunken.” 

Aus der Zeit hat er auch seinen Spitznamen: Weil er immer Sticks rauchte – „und zwar die mit Geschmack“ – nannte ihn seine Kumpels irgendwann Sticken. „Gott sei Dank bin ich jetzt schon seit 30 Jahren alkohol- und drogenfrei“, sagt der 64-Jährige und lächelt.

Viele Jahre arbeitete Sticken mehr im Ausland als in Deutschland und machte dabei die Erfahrung, dass es ihm in der Ferne oft besser gefiel: „Ausländische Künstler sind nicht so affektiert und tragen die Nase nicht so hoch. Viele Künstler hierzulande halten sich für was Besonderes, die kommen auf die Bühne, wenn alles fertig ist und sagen ,Das klingt scheiße, mach das mal anders’.“

Bei anderen sei es wieder so, dass „der Fisch, der hinten dranhängt“, wie Sticken die Entourage bezeichnet, sich wichtiger nimmt als der Künstler selbst. „Dagegen sind Leute wie Mark Knopfler oder Sting eher normal. Das sind Menschen wie Du und ich.“ Wobei Ausnahmen die Regel bestätigen: Vor allem die Eagles und Madonna haben sich bei den Crews einen richtig üblen Ruf erworben.

Richtig gut kam Sticken mit Udo Jürgens klar. Als er von dessen Management angefragt wurde, ob er auf einer Tournee den Sound machen möchte, bat er sich erst mal vier Wochen Bedenkzeit aus, „weil das nicht meine Art von Musik ist.“ Er versuche immer, in den Künstler und seine Musik einzutauchen, um hundertprozentig das abzuliefern, was der Künstler möchte. 

„Dann habe ich mir alle Scheiben von Udo Jürgens gekauft, mir die angehört und gesagt: Na ja, eigentlich ist der ja gar nicht so schlecht. Textmäßig ist es gut, musikalisch ist es gut, damit könnte ich mich arrangieren.“ Zu Jürgens 66. Geburtstag war eine Tournee mit rund 100 Shows gebucht, am Ende wurden es 150 oder 160. „Die Leute haben auf den Stühlen getanzt und sind abgegangen wie auf einem Rockkonzert,“ erinnert sich Sticken. Damals sagten ihm viele Konzertbesucher: „Das war das beste Konzert, das ich je von Udo Jürgens gesehen habe – und ich habe schon viele gesehen.“ Er hat Udo Jürgens dann von 1999 bis 2004 betreut. Das Ende kam, als er 2005 vier Wochen vor Beginn der Tour absagte, weil das Produktionsmanagement seinen Preis drücken wollte.

Die Musiker selbst schwärmen von Sticken in den höchsten Tönen. Tosho Todorovic, Bandleader der Blues Company, bezeichnet ihn als „langjährigen Freund und Kollegen, der nicht nur mehrere Platten mit uns aufgenommen hat, sondern auch bei Konzerten immer erste Wahl als ,Schallereignissortierer’ war, also der Mensch, der am Mischpult dafür sorgte, dass wir sehr gut klingen.” Er bleibe auch in stressigsten Situationen freundlich, ruhig und lösungsorientiert – wie bei einem Konzert in einem Amphitheater auf Zypern, als auf den letzten Drücker noch Starkstrom verlegt werden musste.

Irgendwann aber reichte Sticken das Leben auf der Straße: „Ich hatte keine Lust mehr, immer nur um die Welt zu reisen, weil man auf Tourneen durchgängig im Termin- und Zeitstress ist.“ Mit dem Recording-Mobil musste er auch mal in einer Nacht von Oslo nach Wien oder von Prag nach Paris. In dem Mobil wurden Konzertmitschnitte angefertigt, die die Fans kurz nach dem Auftritt auf einem USB-Stick kaufen konnten. „Und wenn man dann am späten Vormittag ankam, war an Schlaf auch nicht zu denken, denn es musste ja alles wieder aufgebaut und verkabelt werden. Einfach war das nicht, aber es hat Spaß gemacht, und das ist wichtig.“ Erst später konnte er auch mal fliegen, wenn zum Beispiel Mark Knopfler einen Privatflieger für die Crew gechartert hatte.

Spaß haben ist auch heute noch die größte Triebfeder für ihn, aber genau das wird seiner Ansicht nach immer schwieriger. „Viele der Musiker, die heute nachwachsen, sind sowas von geldfixiert, dass sie diesen Spaß einfach nicht haben. Zum Glück gibt’s auch noch Ausnahmen wie Jan Delay.“

Heute lässt es Sticken ruhiger angehen. Mit seiner Frau Christina und deren beiden Töchtern hat er sich außerhalb von Hamburg gemütlich gemacht. Auch sie kommt aus der Musikbranche, hat zunächst Tourbusse gefahren, dann bei einer Konzertagentur angeheuert und später für das Plattenlabel BMG Stars wie Robbie Williams und Annie Lennox betreut. In den 80er Jahren lernten sich die beiden auf einer Tournee kennen, verbrachten eine gemeinsame Woche in Paris und gingen dann wieder getrennte Wege. 20 Jahre später begegneten sie sich zufällig auf Facebook wieder, seit elf Jahren sind sie ein Paar.

Während Christina heute als Lehrerin arbeitet, ist Sticken der Musik treu geblieben – und führt doch ein ganz anderes Leben als früher. Vor zwei Jahren machte er seinen Tonmeisterschein nach. Weil er sich nach einem Acht-Stunden-Job gesehnt hatte und bei 90 Prozent seiner Bewerbungen hörte: Die Vita reicht uns nicht, wo ist das Papier dahinter? „Jetzt bin ich Tonmeister, vorher war ich nur ein Ton-Fuzzi und davor nur der Toni.“

Aber der Ton hat sich verändert, und zwar nicht zum Guten, wie Sticken findet: „Für mein Empfinden ist es ein Rückschritt, in der Musik mit Computern zu arbeiten. Ich bin damit groß geworden, an einem großen Pult zu sitzen, viele Regler und viele Knöpfe zu bewegen, viele Steckverbindungen zu machen. Dieses ganze Knowhow gehörte zum Findungsprozess der Musik dazu. Das ist heute gar nicht mehr vorhanden. Heute wollen die Leute Beat Design studieren, aber das ist nur ,Bufta bufta bufta’. Alles nur Stangenware. Ich aber drehe heute noch gerne Knöpfe, schiebe gerne Regler, höre gerne genau zu und lass mich reinfallen in die Geschichten.“

Deshalb macht er jetzt wieder Low Budget-Produktionen wie mit der Hamburger Indie-Band The Great Susonics, deren Mitglieder sich auch freuen, wenn 50 Leute ins Konzert kommen und zehn davon tanzen. „Da ist es wie früher, als ich angefangen habe“, sagt Sticken. „Damals haben wir zusammen mit der Band im Van gesessen, sind losgefahren und wenn wir angekommen sind, haben wir zusammen aufgebaut.“ Es war die gute alte Zeit der Rockmusik – Sticken hat einfach eine Zeitreise gemacht und ist zurückgekehrt.

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