Rostock  Lichtenhagen: Der Einsatz, den Feuerwehrmann Hans Kukla nie vergessen wird

Aline Farbacher
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Von Aline Farbacher
| 25.08.2022 17:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Für die Anwohner hat ihr Stadtteil Lichtenhagen nichts mehr mit den Ausschreitungen vor 30 Jahren zu tun. Doch die Erinnerung hängt wie eine braune Suppe nicht nur über dem Viertel, sondern über ganz Rostock. Und das, obwohl die rechte Szene in der Hansestadt immer kleiner wird.

Die gelbe Farbe der Sonnenblumen strahlt in der Sonne, Hans Kukla schaut empor zum Block im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen. „Ich sehe immer nur die 19 und ich weiß, was hier passiert ist. Das werde ich nie vergessen“, sagt der 70-Jährige. Hinter ihm sind gerade Mitarbeiter der Wiro zugange, machen Grünflächen und Parkplätze schick. Am Donnerstag, 25. August, wird dort eine Gedenkveranstaltung anlässlich des Pogroms 30 Jahre Lichtenhagen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier stattfinden.

Am 24. August 1992 reihten sich an dieser Stelle zahlreiche Feuerwehrautos und Polizeiwagen aneinander, sagt Kulka, zu dieser Zeit Gruppenführer bei der Berufsfeuerwehr Groß Klein. Damals beherbergte die Hausnummer 19 in der Mecklenburger-Allee die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber des Landes Mecklenburg-Vorpommern (ZASt). Als die Ausschreitungen gegen die dort lebenden Vietnamesen eskalierten, Brandflaschen und Feuerwerkskörper flogen, war Kukla mittendrin, im Einsatz.

Er und seine Kameraden waren in das brennende Haus gegangen, um das Feuer zu löschen. Unten im Erdgeschoss war ein Café, erinnert er sich. „Auf einmal tippt mir einer auf die Schulter und sagt: Euch tun wir nichts, aber raus hier“, sagt er. Wenige Sekunden später springt der Mann mit dem Baseballschläger in der Hand hoch und tritt mit voller Kraft in das Kuchenregal des Cafés. Dann der Spruch über Funk, die Feuerwehrmänner sollen sich zurückziehen. Ohne Polizeischutz ist es für sie zu gefährlich im Gebäude.

All das fällt Kukla wieder ein, wenn er heute vor dem Sonnenblumenhaus steht. Vor zehn Jahren ging er in Rente, engagiert sich bis heute bei der Freiwilligen Feuerwehr Groß Klein. Doch dieser Einsatz 1992 lässt ihn nicht los. „Denken tut man da immer dran, vor allem wenn man hier vorbeifährt. Mitgenommen hat mich das schon“, sagt er.

Heute prangen Aufkleber mit der Aufschrift „Refugees Welcome“ an Laternen in Lichtenhagen, unweit des Sonnenblumenhauses hat das buddhistische Meditationszentrum Loc Uyen eröffnet.

Die Welt im Viertel ist eine andere als vor 30 Jahren. 1992 trafen sich etwa im Jugendclub Max im angrenzenden Stadtteil Groß Klein junge Menschen mit rechter Gesinnung, erzählt Kukla. Dass ein Großteil der Anwohner rechts geprägt gewesen sein soll, kann er jedoch nicht bestätigen. „Rechte gab es überall“, sagt er.

Helga Fahß wohnt heute noch in demselben Haus, in dem sie 1992 direkten Blick auf die Ausschreitungen hatte. Das sei schlimm gewesen. Doch sie erinnert sich auch an die angespannte Stimmung in den Wochen zuvor. Weil das Sonnenblumenhaus schnell überfüllt war, harrten Hunderte auf den Grünflächen rund um das Gebäude aus – viele von ihnen Sinti und Roma. Toiletten gab es keine. Diese Zustände rund um das Gebäude führten zu Unmut bei den Anwohnern, vor allem weil die Stadt nicht tätig wurde.

Das Lichtenhagen, in dem sie so gerne lebt, habe nichts mehr mit dem im Jahr 1992 zu tun, die rechtsradikalen Ausschreitungen passen nicht dazu. „Ich wohne sehr gerne in Lichtenhagen und will hier auch nicht weg“, sagt sie.

Viele Lichtenhäger wollen nicht mit dem Pogrom identifiziert werden, sagt Ralf Mucha (SPD), Vorsitzender des Ortsbeirates. „Das geht mir auf den Hut“, sagt etwa ein Mann, der auf dem Lichtenhäger Brink spazieren geht, seinen Namen will er nicht nennen.

Bei den Ausschreitungen sei sie nicht dabei gewesen, auch wenn sie damals schon in Lichtenhagen wohnte, sagt eine ältere Dame, die ebenfalls anonym bleiben will. „Damit will ich nichts zutun haben“, sagt sie bestimmt.

Und dennoch sei das Pogrom auch 30 Jahre danach noch im Stadtteil präsent, daran zu gedenken sehr wichtig, so Ortsbeiratsvorsitzender und Landtagsmitglied Ralf Mucha. Wichtig sei es ihm aber auch zu verbreiten, „dass Lichtenhagen ein schöner und durchmischter Stadtteil ist“. Durch die Aufnahme in das Bundesprogramm Sozialer Zusammenhalt würden zudem in den kommenden Jahren einige Projekte umgesetzt, der Stadtteil würde sich weiterentwickeln. „Die Sonnenblume steht für Wachstum, für Licht, aber nicht für rechtsextreme Ausschreitungen“, sagt Mucha.

Über Rostock hinaus habe das Sonnenblumenhaus als Symbol für rechtsradikale Ausschreitungen jedoch heute noch eine Strahlkraft, sagt Oliver Kreuzfeld von Endstation Rechts. Doch Lichtenhagen 1992 spiegelt nicht das Rostock wider, wie es heute ist, sagt er.

Vor allem durch das Verbot der Neonazi-Gruppe Nationale Sozialisten Rostock und ihre Teilorganisation Baltik Korps durch das Innenministerium Mecklenburg-Vorpommern 2021 sei die rechte Szene in Rostock deutlich geschwächt worden, so Kreuzfeld.

Auch haben sich in den vergangenen 30 Jahren Strukturen gegen rechte Gewalt in der Hansestadt etabliert. Institutionen und Vereine wie etwa Bunt statt braun, der auch Teil des Projektes Partnerschaft für Demokratie der Hansestadt ist, verfolgen das Ziel, rechtsextremistische Bestrebungen langfristig den Nährboden zu entziehen. Mit ein Grund, warum die rechte Szene in den vergangenen Jahren in den ländlichen Raum abgewandert sei, so Kreuzfeld.

Alltagsrassismus ist in Rostock noch präsent, das Gedenken an Lichtenhagen 1992 auch weiterhin wichtig, sagt Kreuzfeld. Die Tage im August 1992 seien Teil der Rostocker Stadtgeschichte und „für immer mit dem Namen unserer Stadt verbunden“, unterstreicht Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke), zweiter Stellvertreter des Oberbürgermeisters. „Die Aufarbeitung ist ein permanenter Auftrag für unsere Stadt. Das Pogrom ist geschehen, und daher kann es auch wieder geschehen. Dies zu verhindern, bleibt unsere Aufgabe!“

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