Rostock Lichtenhagen: Weniger Klischee, mehr echtes Gedenken bitte
Die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen sind die bis dahin schlimmsten rassistischen Übergriffe in der Bundesrepublik. Das Erinnern lässt aber einiges vermissen, findet Michael Seidel.
Was Ende August 1992 im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen geschah, ist durch nichts zu entschuldigen. Dieser hemmungslose Rassismus, die Instrumentalisierung durch die einheimische und von außen zugereiste rechtsextreme Szene, die Menschenverachtung der Claqueure - das über Tage andauernde Pogrom von Lichtenhagen ließ die Republik in die Abgründe der menschlichen Seele blicken.
Das ritualisierte mediale Erinnern an diese unentschuldbaren Ausschreitungen lässt indes vielerlei vermissen: Zum einen eine vergleichbar intensive Befassung mit weniger wirkmächtigen rassistischen Ausschreitungen bundesweit, die nicht alle mit ostdeutschen Attributen verknüpft werden können. Wie etwa der Mordanschlag von Solingen im Jahr darauf. Oder die vorangegangenen von Eberswalde 1990 (Tötung von Amadeu Antonio) über Hoyerswerda 1991, über Hünxe (Nordrhein-Westfalen 1991) bis Mölln in Schleswig-Holstein im November 1992. Die Folge ist eine anhaltende Stigmatisierung von Ostdeutschen als die für Extremismus und Populismus vermeintlich empfänglicheren Deutschen.
Zum anderen spielt bei den meisten Abhandlungen die Ursache und der Anlass eine untergeordnete Rolle. Wenn jedoch konstruktive Lehren aus den unentschuldbaren Ausschreitungen gezogen werden werden sollen, gehört das in zwei parlamentarischen Untersuchungsausschüssen und zahllosen externen Studien nachgewiesene multiple Staatsversagen beim Management der damaligen Flüchtlingsbewegung zwingend dazu. Überfüllte Aufnahmestellen, fehlende Behördenvernetzung, die kriminelle Auswüchse beförderte sowie misslingende Integration von Flüchtlingen sind leider kein Phänomen vom Anfang der 1990er Jahre. Wären frühzeitig ernsthaft Lehren aus 1992 gezogen worden, hätte manche neu sichtbar werdende Überforderung während der Flüchtlingskrise 2015 nicht passieren müssen.
Insofern ist es kaum der Politik, vielmehr den Rostocker Bürgern und einigen Engagierten zu verdanken, dass der Sommer 1992 zwar im Gedächtnis bleibt, aber das Zusammenleben mit Geflüchteten wie einstigen „Vertragsarbeitern“ neu gestaltet wurde.
Welchen Resonanzboden Rechtsextremismus, Antisemitismus, auch Antiziganismus und generelle Fremden- und Menschenfeindlichkeit in der bundesdeutschen Gesellschaft hat, ist leider immer noch ein Spezialistenwissen - obwohl seit nunmehr zwei Jahrzehnten Leipziger und Bielefelder Wissenschaftler in sogenannten Längsschnittstudien diesen Resonanzboden präzise untersuchen und unter Titeln wie „Gespaltene Mitte - feindselige Einstellungen“ veröffentlichen. Demnach war und ist rund ein Drittel der Deutschen in Ost wie West für extreme, populistische, chauvinistische und fremdenfeindliche Parolen und Gedanken empfänglich.
Die jüngste dieser Autoritarismusstudien mit dem Untertitel „Alte Ressentiments - neue Radikalität“ kam zu dem Schluss: „Die Radikalität einer enthemmten Minderheit bedroht das Gesellschaftsmodell einer offenen Mehrheit.“ Statt jedoch ständig neue Belehrungs- und Erziehungsprogramme zu erfinden, empfehlen die Leipziger Forscher etwa, übers Politische hinaus in der Arbeitswelt anzusetzen: Erfahrungen der Beteiligung, der Solidarität und Anerkennung seien wesentliche Bausteine einer demokratiestärkenden Arbeit. „Viele demokratische Enttäuschungen sind erst im Kontext der früheren und der sich abzeichnenden Umwälzungen in der Arbeitswelt zu sehen“, hingen „eng mit Partizipations- und Beteiligungserfahrungen (oder deren Ausbleiben) am Arbeitsplatz zusammen“.
Wenn also heute wieder einmal symbolpolitisch zum „Kampf“ gegen Rechtsextremismus aufgerufen wird - etwa vom Bundespräsidenten in Lichtenhagen - dann sollte das nicht bei Bürgern eines ohnehin stigmatisierten Stadtteils abgeladen, sondern als Auftrag an gewählte Mandats- und besoldete Amtsträger mitgenommen werden.