Hamburg  Vibratoren-Forschung: „Es macht Menschen glücklich, wenn sie masturbieren“

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 25.08.2022 10:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Historikerin Nadine Beck hat zu Vibratoren geforscht. Foto: Unsplash/IFONNX Toys
Historikerin Nadine Beck hat zu Vibratoren geforscht. Foto: Unsplash/IFONNX Toys
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Historikerin Nadine Beck aus Hamburg hat ihre Doktorarbeit über die Kulturgeschichte des Vibrators geschrieben. Im Interview erzählt die 45-Jährige, warum wir einen offeneren Umgang mit Sexspielzeug benötigen.

Wann tauchte der erste Vibrator auf? Wozu wurde er benutzt? Die Kulturwissenschaftlerin Nadine Beck ist Expertin, wenn es um Fragen rund um Sexspielzeug geht.

Frage: Frau Beck, Ihre Sammlung an Sexspielzeug ist beachtlich. Wie viele Vibratoren besitzen Sie mittlerweile?

Antwort: Bei 300 Exemplaren habe ich aufgehört zu zählen – es sind wahrscheinlich weit über 500. Hinzu kommen kistenweise Bedienungsanleitungen, Kataloge und sexualwissenschaftliche Literatur. Damit fülle ich einen 20 Quadratmeter großen Raum in meiner Wohnung in Hamburg. Für die Vibratoren habe ich mir mittlerweile Vitrinen gekauft. Wer nicht weiß, dass ich mich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftige, ist beim Anblick aber meist ziemlich verstört.

Frage: Würden Sie sagen, der Umgang mit Sexspielzeug ist immer noch sehr schambehaftet?

Antwort: Es kommt auf die Generation an, aber ja: Die Präsenz von Vibratoren und Sexspielzeug in der Werbung hat nicht unbedingt den Effekt gebracht, dass jeder befreit darüber sprechen kann. Sexualität ist etwas extrem Persönliches, aber jeder hat einen Bezug dazu. Unter Freunden mag es offene Gespräche geben, aber ich könnte niemanden, den ich nicht gut kenne, fragen: „Hast du heute Morgen schon masturbiert?“ Bis wir soweit sind, dass wir offen über Autosexualität sprechen können, ist es noch ein weiter Weg.

Frage: Sie haben Ihre Doktorarbeit über den Vibrator geschrieben. Wie kamen Sie auf die Idee?

Antwort: Eigentlich wollte ich meine Arbeit über Sex im Altersheim schreiben. Ich stürze mich gerne auf Tabus, beleuchte Pfade, die noch nicht ausgetrampelt sind. Da ich im History Marketing arbeite, ist mir das Beate Uhse Archiv begegnet, das in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg liegt. Ich habe mir die Kataloge angesehen und mich kaputtgelacht. Vibratoren hatten darin Namen wie „Doppelbock“, „Lustbohrer“ oder „Muschibär“. Das Thema hat mich dann nicht mehr losgelassen.

Frage: Wo befinden wir uns, als der erste Vibrator erfunden wurde?

Antwort: Der Vibrator entwickelte sich im Jahr 1869 aus einem Massagegerät, das für medizinische Zwecke eingesetzt und mit Dampf betrieben wurde. 1883 gab es das erste batteriebetriebene Gerät und ich habe Pornos entdeckt, in denen die Geräte sehr wohl sexuell genutzt wurden. Eine Penisform bekamen die Geräte aber erst in den 60er Jahren, in Deutschland 1969: Inseriert wurden die Vibratoren lange als Kosmetik-Vibrator oder Selbstmassagestab. Ein paar Jahre später wurde der Vibrator aber immer sexualisierter in Katalogen dargestellt.

Frage: An wen hat sich die Werbung für Vibratoren gerichtet? Waren Frauen oder Männer die Zielgruppe?

Antwort: Mit der Brille aus dem Jahr 2022 denken wir, dass der Vibrator schon immer ein Gerät für Frauen war – eben vor allem wegen der Penisform. Das war aber nicht immer so. Es gab unterschiedliche Marketing-Strategien, immer mit dem Ziel, so viele Produkte wie möglich abzusetzen. Der Massagestab wurde auch für Männer beworben und die verschiedenen Aufsätze konnten genauso gut auf die Eichel gesetzt werden. Dem Vibrator ist es egal, für welches Genital er eingesetzt wird.

Frage: Inwiefern haben Vibratoren die Sexualität der Gesellschaft beeinflusst?

Antwort: Meine Eingangsthese war, dass der Vibrator doch ein Geschenk Gottes an die Menschheit gewesen sein muss, der allen Frauen einen Orgasmus beschert hat. Jedoch schweigen die Frauen der entsprechenden Generation und wollten meine Fragen nicht beantworten. Wer aber offen war, konnte durch den Vibrator Körperwissen generieren. Es gibt Untersuchungen aus den 70er Jahren, die zeigen, dass Frauen durch den Vibrator erfahren haben, wie sich ein Orgasmus anfühlt.

Frage: Und Männer?

Antwort: Männer sind da viel auskunftsfreudiger, weil sie gelernt haben, offen über Sexualität zu sprechen. Der Penis ist außen, sichtbar, greifbar und ein Potenzobjekt. Frauen wird dagegen eher suggeriert, sich „dort unten“ nicht anzufassen. Diese Probleme haben wir heute immer noch.

Frage: Wie sieht der männliche Blick auf den Vibrator aus? Wird das Sexspielzeug als Konkurrenz gesehen?

Antwort: Mir wurde das nicht so zurückgespielt. Im Gegenteil. Männer, die mir geantwortet haben, fanden es total toll, wenn eine Frau ihre Sexualität in die Hand genommen hat – im wahrsten Sinne des Wortes. Der Vibrator kann im Liebesspiel eine Ergänzung sein, er ersetzt ja keine Person.

Frage: Was wünschen Sie sich im Umgang mit Sexspielzeug für die Zukunft?

Antwort: Dass wir erkennen, welches Potential Sexspielzeuge für unser Wohlbefinden haben. Und zwar ganzheitlich gesehen. Der Beckenboden kann beispielsweise wunderbar stimuliert werden. Es werden Endorphine freigesetzt, Stress wird abgebaut. Kurz gesagt: Es macht Menschen glücklich, wenn sie masturbieren.

Antwort: Und wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass es etwas total Natürliches ist. Außerdem sollten wir uns davon befreien, etwas, was mit unserer Sexualität und Lust zu tun hat, als etwas Negatives zu sehen. Wir brauchen eine entspanntere Haltung. Denn damit kann viel Leid in den Betten verhindert werden.

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