Flugplatz Leer-Papenburg  Zwischen Funkgerät, Organtransport und Tankrüssel

Michael Kierstein
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Von Michael Kierstein
| 22.08.2022 19:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Copi am Funkgerät: Ob ernste Infos oder kurzer Schnack, er beherrscht sein Fach. Foto: Ortgies
Copi am Funkgerät: Ob ernste Infos oder kurzer Schnack, er beherrscht sein Fach. Foto: Ortgies
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Am Flugplatz ist Wiard „Copi“ Lübbers einer der beiden Flugleiter. In bald 50 Jahren in diesem Job hat der Leeraner einiges erlebt. Doch langsam kommen die Gedanken an die Rente.

Leer - Das Telefon klingelt, gleichzeitig dröhnt eine nahezu unverständliche Stimme aus dem Funk und ein Mann steht am Tresen. Mit seiner Bankkarte klopft er darauf und wartet, dass er bezahlen kann.

Was und warum

Darum geht es: Am Flugplatz in Leer arbeitet ein Urgestein. Es berichtet von seinen Erlebnissen

Vor allem interessant für: alle, die wissen wollen, was ein Flugleiter macht

Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, wie der Alltag am Flugplatz aussieht.

Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de

„Dieses blöde Teil“, stöhnt Wiard Lübbers. Er ist einer der beiden Flugleiter am Flugplatz Leer-Papenburg. In seiner Hand: Das Kartenlesegerät. Von allen Seiten prasseln Aufgaben auf den 65-Jährigen ein. Sichtlich ruhig nimmt er das Funkgerät in die Hand: „Jo, musst du nach der Landung auch tanken?“ Noch während die Antwort aus dem Funkgerät dröhnt, nimmt er das Telefon in die Hand: „Wie geht es dir? Alles gut?“, begrüßt er eine langjährige Kundin. Nach 30 Sekunden ist geklärt, dass sie abends um 19 Uhr in Leer landen wird.

Immer mit der Ruhe

Im Auflegen nimmt er das Funkgerät wieder in die andere Hand: „Halt dich auf der grauen Linie, die führt zur Zapfsäule.“ Offenbar ist der Pilot, mit dem er sprach, bereits gelandet. Ein schneller Blick aus dem Fenster genügt Lübbers, um zu sehen, dass alles glatt lief.

Hier verbringt Wiard Lübbers seine Tage: in der Flugleitung in Leer. Foto: Ortgies
Hier verbringt Wiard Lübbers seine Tage: in der Flugleitung in Leer. Foto: Ortgies

Der Kunde am Tresen grinst, bezahlen muss er immer noch. „Ich muss die Hotline anrufen“, sagt Lübbers. Es scheint das Einzige zu sein, was ihn minimal in Ärger versetzt. „Ich kann sonst auch bar zahlen“, erwidert der Kunde. Lübbers lächelt. „Das wäre toll, dann mach ich dir eine Quittung für den Sprit fertig.“ Noch im Umdrehen murmelt er: „Anrufen muss ich aber trotzdem, blöd.“ All das passierte innerhalb von zwei Minuten. Normal für den 65-Jährigen.

Jahrelange Erfahrung

Seit über 50 Jahren gehört Wiard Lübbers zum Flughafen wie kaum ein Zweiter. „Als der Platz hier 1969 gebaut wurde, war ich andauernd hier, um mir das anzusehen. Mit 14 hab ich dann angefangen, hier zu helfen“, erinnert er sich. Irgendwann nahm sein Vater ihn dann mit auf einen Rundflug und der Reiz des Fliegens war geboren. Genauso wie sein Spitzname: Copi für Co-Pilot. Auch heute wird er über Funk noch immer mit seinem Spitznamen angesprochen.

Seit er 18 war, zog es ihn immer wieder in die Flugleitung. Nach der Schulzeit, einer Ausbildung zum Autoschlosser und der Bundeswehrzeit fing er hauptberuflich beim Flugplatz an. Seitdem hat sich am Platz viel verändert. „Heute haben wir auch mal 200 Starts am Tag“, sagt Copi. Viel Arbeit, denn sein Job ist es, die Flugzeuge und Menschen im Auge zu behalten. Zudem gibt er den Piloten Informationen zum Wetter und den Bedingungen auf der Bahn. Dabei lässt er sich aber auch den ein oder anderen Schnack nicht entgehen. „Was hast du eine schöne Maschine. Was ist das denn für eine?“, fragt er einen gerade gelandeten Piloten über Funk. Aus der Antwort des Kunden hört man den Stolz auf sein nagelneues Flugzeug heraus.

Aufgaben über Aufgaben

„Mir ist es wichtig, dass sich die Kunden wohl fühlen und dass sie glücklich sind“, sagt er. Dazu gehört es dann auch, mit dem Funkgerät zur Tankstelle zu gehen und beim Betanken zu helfen. Zurück an seinem Platz wird dann die Rechnung geschrieben und die Buchhaltung erledigt. Auf die Frage, wie er das alles unter einen Hut kriegt, zuckt Copi mit den Schultern. „Man gewöhnt sich dran. Und ich hab mein Hobby zum Beruf gemacht, da macht das auch noch Spaß“, sagt er.

Doch mit der Flugleitung ist es nicht getan. Immer wieder reißt er sein Fenster auf und greift zu seinem Handy. „Ich fotografiere so gern die Flugzeuge“, sagt er und grinst. Selber fliegt er nicht mehr so oft. „Der Reiz ist jeden Tag da, aber ich mache es nicht mehr so oft“, sagt er. Dafür erlebt er bei seiner Arbeit genug.

Organtransport am falschen Ort

„Es kommt vor, dass Piloten den Flugplatz in Leer und den in Emden verwechseln“, sagt er. Dabei erinnert er sich an eine Geschichte besonders. „Auf einmal landete hier eine Maschine. Die Triebwerke waren noch nicht aus, da sprang schon ein Arzt heraus“, erinnert er sich. Während der Flugleiter noch irritiert auf das Flugzeug starrte, rannte der Arzt schon auf ihn zu: „Wo ist das Organ? Wo ist das Organ?“, soll er gerufen haben.

Schnell stellte sich heraus, dass am Emder Flughafen ein Organ auf den Arzt wartete, das er mitnehmen sollte für eine Operation. Den Fehler erkennend, rannte der Arzt zurück zum Flugzeug und war verschwunden. „Das kann schon gefährlich werden, wenn Flugzeuge, mit denen man nicht rechnet, einfach landen“, sagt er. So war es auch 1982.

Falsche Piste

„Sieben Flugzeuge waren in der Luft. Vier reihten sich zur Landung ein“, erinnert sich der 65-Jährige. Dann kam ein Funkspruch: Eine weitere Maschine wollte landen. Copi wies sie an, sich einzureihen. „Auf einmal hörte ich von rechts Motorengeräusche. Da war der einfach entgegengesetzt gelandet. Ich schrie die anderen Maschinen an, abzudrehen“, erinnert er sich. Der Pilot durfte dann bei Copi zum Rapport antreten.

„An sich bringt mich nichts aus der Ruhe. Ich scherze gern mit den Piloten und versuche, alle glücklich zu machen“, sagt er. Dennoch, auch seine Zeit wird irgendwann enden. „Ende dieses Jahres dürfte ich in Rente. Aber ich mach noch etwas länger. Der Flugplatz ist mein Baby. Und zu Hause würde ich auch nur den Kopf in den Himmel recken und mich fragen, wer da gerade wohl landen will“, sagt er. Er würde wohl immer einen Weg finden, doch raus zu fahren. Und an einem Plan arbeitet er

Enkelin könnte übernehmen

„Meine Enkelin hilft hier immer mal mit. Seit sie neun ist, ist sie immer wieder hier und sehr beliebt“, sagt er. Mittlerweile kennt die 14-Jährige auch die Abläufe und vor allem die Kunden. „Jetzt ist aber erst einmal Schule angesagt, aber, wenn sie Flugleiterin werden will, würde ich mich freuen und sie einarbeiten“, sagt er. Bis dahin wird aber noch viel Zeit vergehen, und vielleicht entscheidet sie sich auch dagegen. „Aber, wenn sie meinen Platz einnimmt, hab ich immer einen guten Grund, herzukommen“, sagt Copi und seine Augen leuchten.

Noch einige Zeit wird Copi also selber für Sicherheit sorgen. Besonders gefordert wird er zwischen dem 24. und 28. August sein. Dann steht das „Ostfriesland-Boogie“ an. Zahleiche Fallschirmspringer werden nach Leer kommen. Für die Flugleiter heißt das: Viel Organisation. Sei es im Luftraum, am Boden oder beim Tanken.

Bis dahin soll auch das Kartenlesegerät wieder einwandfrei funktionieren. Mit der Hotline hat Copi gesprochen. Und ganz kurz kommt doch ein Funken Ärger in ihm hoch: „Das Teil macht mich wahnsinnig.“ Doch dann glitzert das nächste weiße Flugzeug am Himmel. Copi greift zum Funkgerät. „Moin.“ Er ist wieder in seinem Element.

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