Bremen  Musikfest Bremen lässt Corona hinter sich

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 21.08.2022 13:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Eröffnung mit Feuer: Vikingur Olafsson und das Bergen Philharmonic Orchestra sorgen in der Glocke für Begeisterung. Foto: Patrick Leo
Eröffnung mit Feuer: Vikingur Olafsson und das Bergen Philharmonic Orchestra sorgen in der Glocke für Begeisterung. Foto: Patrick Leo
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Einmal musste das Musikfest Bremen Corona-bedingt ausfallen, einmal fand es in abgespeckter Form statt. Jetzt ist renommierte Festival hoffnungsvoll in seine 33. Ausgabe gestartet, und alles war wie früher. Na gut: fast.

Hätte Maurice Ravel „La Valse“ nicht 1920, sondern hundert Jahre später geschrieben, wäre er womöglich ins Kreuzfeuer einer woken österreichischen Community geraten. Der Vorwurf: kulturelle Aneignung. Wäre damit das Musikfest Bremen nicht genau da, wo Intendant Thomas Albert - unter anderem - sein Festival gerne haben möchte, nämlich im Fokus gesellschaftlicher Debatten? Gut, über derart verstiegene Diskurse wie der über die kulturelle Aneignung würde er vermutlich müde lächeln. Zurecht.

In seiner Rede beim Empfang anlässlich der Eröffnung des Musikfests im schmucken Bremer Rathaus macht Albert aber schon deutlich, was Musik sein kann, sein soll: ein „Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft.“ Musik sei „Amalgam“, sagt er, und der Auftrag der Kultur lautet für ihn, Licht in düstere Zeiten zu bringen. Denn klassische Musik ist mehr als nur schöner Zeitvertreib für wenige Auserwählte: Sie gibt Orientierung - diese Überzeugung lebt Albert mit seinem Musikfest. Mittlerweile im 33. Jahr.

Das Bergen Philharmonic Orchestra führt dann sehr eindrücklich vor Ohren, was uns entgangen wäre, hätte der Franzose Ravel den Walzer brav und kampflos den Wienern überlassen: In der Glocke erlebt das Publikum, was passiert, wenn Wiener Wurzeln französische Klangraffinesse entwächst und sich paart mit dem Mut, den Schönklang zu zerschlagen (immerhin liegt ja ein Weltkrieg zwischen den Walzern von Strauß und Ravels Beschäftigung damit). Ja, all das arbeiten das Norwegische Orchester unter seinem englischen Dirigenten heraus: die Schönheit, mit der der Walzer durch den Raum weht, und die Wucht, mit der Ravel ihn auf dem Amboss der Moderne bearbeitet hat.

Ähnlich energisch, wenn auch unter anderen, romantischeren Vorzeichen, verhält es sich mit dem Klavierkonzert von Edward Grieg, für das der isländische Pianist Víkingur Ólafsson zum Partner von Bergen Philharmonic wird. Ólafsson spielt ähnlich wuchtig wie das Orchester und traumwandlerisch sicher. Auf der anderen Seite zeichnet er die lyrischen Passgen wunderbar fein und hält zudem immer engen Kontakt zum Orchester. Insgesamt eine fulminante Stunde Musik, für die niemand das Musikseminar belegt haben muss, um sich von der Energie der Interpreten mitreißen zu lassen.

Das spielte Víkingur Ólafsson beim Musikfest Bremen als Zugabe:

Der Abend hat damit nicht begonnen und ist längst nicht zu Ende. Die „Nachtmusik“ ist ja mehr als „nur“ Konzerte zu erleben; genau so wesentlich ist es, sich zu begegnen, über das Erlebte zu sprechen, gern bei einem Getränk, und dann zwischen Rathaus und Landgericht, Atlantic Hotel und Haus der Bürgerschaft das nächste Konzert aufzusuchen. Drei aus 18 lautet dieses Mal die Formel, eine Konzession an die Coronabedingungen: Konnten die Gäste ursprünglich aus 27 Konzerten auswählen, hatte das Musikfest diesmal lediglich 18 Veranstaltungen im Angebot.

Dafür waren die Konzerte allesamt gut besucht. Im Haus der Bürgerschaft, dem Bremer Parlament, unternahmen Schauspieler Ulrich Noethen und das Delian Quartett eine musikalische Reise unter dem Titel „Zauber des Orients“, wo Passagen aus dem Roman „Kompass“ von Mathias Enard mit Musik von Purcell bis Schostakowitsch komponiert werden - ein intimer, atmosphärischer Einstieg in die Nachtmusik.

Aber auch bei sorgfältigster Planung funktioniert nicht alles: Die Band Hypnotic Brass aus Chicago versprach knackigen, wuchtigen Soul und Funk und bot einen uninspirierten Versuch, originell, wild und jung zu sein. Aber das macht nichts: Die Große Nachtmusik entfaltet trotzdem ihren Zauber, ihre wunderbare Atmosphäre, und sie bringt Menschen zusammen. Mehr kann man gar nicht wollen, an so einem lauschigen Sommerabend.

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