330-Quadratmeter-Haus  Norder hat kaum Energiekosten – trotz Fußbodenheizung in Garage

Andreas Ellinger
|
Von Andreas Ellinger
| 18.08.2022 18:58 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Das Haus bietet nicht nur einen geringen Energieverbrauch, sondern auch Lebensqualität: Die Wohnküche wird zur Terrasse, indem die Glasfront zusammengeschoben wird. Foto: privat
Das Haus bietet nicht nur einen geringen Energieverbrauch, sondern auch Lebensqualität: Die Wohnküche wird zur Terrasse, indem die Glasfront zusammengeschoben wird. Foto: privat
Artikel teilen:

Die Gaspreis-Explosion kann Christian Abrams aus Norden egal sein. Er nutzt beispielsweise die Abluft seines Hauses, um Warmwasser zu erzeugen. Selbst in der Garage gibt es eine Fußbodenheizung.

Norden - Christian Abrams aus Norden hat eine Fußbodenheizung in der Garage und die Beleuchtung im Bereich des Garagentors erinnert an ein Badezimmer. Das sieht nach Energieverschwendung aus, gehört aber im Gegenteil zu einem Nachhaltigkeitskonzept, das Wohnraum und Energieversorgung umfasst.

Video
"Die Klima-Checker": Heiß, heißer, Ostfriesland (Folge 15)
12.08.2022

„Ich brauch keine 14 Tage, dann hab ich aus einem Einfamilienhaus ein Zweifamilienhaus gemacht“, sagt der Bauherr, der auf diese Weise für eine seniorengemäße Nutzung vorbauen wollte – nun aber noch ein Drei-Parteien-Haus errichtet, in dem das Dachgeschoss der Altersruhesitz für ihn und seine Frau werden soll.

Am Garagentor ist ein Badezimmer möglich

Die Garage seines bisherigen Hauses lässt sich jedenfalls in ein Bad und ein Schlafzimmer verwandeln – daher auch die drei bodentiefen Fenster, wie die Norder Architektin Kerstin Peterssen anmerkt: „Das ist schon was besonderes.“ Das Haus wurde von der Architektenkammer Niedersachsen als Anschauungsobjekt für den Tag der Architektur am 26. Juni ausgewählt.

Schnappschuss von der Temperaturanzeige im Haus von Christian Abrams: Am 23. Juni lag die Außentemperatur 12,1 Grad über der Innentemperatur. Foto: privat
Schnappschuss von der Temperaturanzeige im Haus von Christian Abrams: Am 23. Juni lag die Außentemperatur 12,1 Grad über der Innentemperatur. Foto: privat

Drei Tage vorher machte Christian Abrams ein Foto von seinem digitalen Thermometer. Es zeigte am 23. Juni eine Außentemperatur von 38,2 Grad hat und eine Innentemperatur von 26,1 Grad an – also zwölf Grad Unterschied. Und das ohne Klimaanlage im Haus, wie Abrams betont. „Bauphysikalisch kann man das gut hinkriegen.“

Als die EWE an den Verbrauchszählern zweifelte

Der ehemalige Schiffsingenieur, der später unter anderem als Geschäftsführer von Kraftwerken von Vattenfall tätig war, hat sich seit jeher für eine eigene Energieversorgung und Energiesparmaßnahmen begeistert. Schon vor rund 35 Jahren habe seine Familie in einer Doppelhaushälfte in Ingelheim mit vier Kindern nur soviel Wärmeenergie verbraucht wie die Ein-Kind-Familie in der anderen Haushälfte. Unter anderem eine Dreifachverglasung der Fenster habe das möglich gemacht und eine Solaranlage zur Warmwassererzeugung. Diese habe er damals als Bausatz gekauft und auf dem Dach selbst zusammengelötet, erzählt er.

Ein Flachdach mit weißer Spezialfolie und eine Solaranlage gehören zum Niedrigenergiehaus-Konzept von Christian Abrams aus Norden. Foto: privat
Ein Flachdach mit weißer Spezialfolie und eine Solaranlage gehören zum Niedrigenergiehaus-Konzept von Christian Abrams aus Norden. Foto: privat

Im Jahr 2008 widmete die EWE Christian Abrams – inzwischen Werksleiter bei der Onno Behrends GmbH & Co. KG – zwei Seiten in ihrem Geschäftsbericht. Der Stromversorger war auf das Norder Unternehmen aufmerksam geworden, weil der Energieverbrauch dermaßen gesunken war, dass Zweifel an der Zähler-Funktion aufkamen, wie sich Abrams erinnert.

Vor der „künstlichen Energiemarktkrise“ investiert

Die EWE berichtete über die Firma: „Der Erdgasverbrauch wurde zwischen 2004 und 2008 von circa 684.000 Kilowattstunden auf 200.000 Kilowattstunden abgesenkt und der Stromverbrauch von 114.000 Kilowattstunden auf 86.000 Kilowattstunden reduziert.“ Demnach hatte Abrams mit dem Unternehmen knapp 200.000 Euro in die Steigerung der Energieeffizienz investiert. Obwohl es Erdgas im Jahr 2004 noch für knapp 2,70 Cent pro Kilowattstunde gab, lagen die Einsparungen bei rund 90.000 Euro im Jahr.

Der Technik-Raum des Niedrigenergiehauses von Christian Abrams in Norden. Foto: Ellinger
Der Technik-Raum des Niedrigenergiehauses von Christian Abrams in Norden. Foto: Ellinger

Wie viel Wärmedämmung und Energie-Technik in seinem jetzigen Haus gekostet haben oder nach welcher Zeit sich diese Investitionen gerechnet haben, weiß Abrams nicht. Er hat das aus Überzeugung gemacht – und, weil er schon bei der Hausplanung vor drei Jahren mit einer Energiemarktkrise gerechnet hat. Aber nicht mit einer „künstlichen Energiemarktkrise“ wie jetzt, die durch den Russland-Krieg gegen die Ukraine verursacht ist, und folglich auch nicht so zeitnah.

Heizen mit der Energie eines Wasserkochers

Das Energieeffizienz-Konzept des sogenannten „KW 40 Plus“-Hauses beginnt unterirdisch und reicht bis aufs Dach. Die Fußbodenheizung – die einzige Heizung im Haus – werde mit Erdwärme betrieben, erklärt Abrams. 167 Meter tief habe er bohren lassen. Und im Sommer fließe kaltes Wasser durch die Leitungen. Die Wärmepumpe, welche die Heizwärme generiere, verbrauche keine zwei Kilowatt Strom, sagt er – ungefähr so viel wie ein Wasserkocher. Für ein Haus mit 280 Quadratmetern Wohnfläche und 50 Quadratmetern Nutzfläche, die ebenfalls beheizt werden.

Selbst die Garage hat eine Fußbodenheizung – trotzdem liegen die Energiekosten dieses 330-Quadratmeter-Hauses in Norden unter 82 Euro pro Monat. Foto: privat
Selbst die Garage hat eine Fußbodenheizung – trotzdem liegen die Energiekosten dieses 330-Quadratmeter-Hauses in Norden unter 82 Euro pro Monat. Foto: privat

Die Dämmschicht des Daches ist knapp 40 Zentimeter dick. Eine weiße Spezialfolie, auf die der Hersteller 50 Jahre Garantie gebe, sei die Außenhaut nach oben, sagt Abrams. Aus der Luft betrachtet, sticht das weiße Flachdach unter roten und schwarzen Ziegeldächern heraus. Der Gedanke, der dieser Farbwahl zugrunde lag: „Es gibt keine schwarzen Kühlcontainer.“ Auf dieser Folie könne man sogar im Hochsommer barfuß laufen, sagt Abrams. Würde man jedoch die Blechumrandung anfassen, würde man sich die Finger verbrennen.

Mit der Abluft des Hauses wird das Wasser erwärmt

Auf der Folie steht eine Zehn-Kilowatt-Solaranlage. Abrams hätte gerne fünf Kilowatt mehr gehabt, aber dann wäre er zum Zeitpunkt des Baus als Kleinunternehmen im Bereich der Stromerzeugung bewertet worden, was einiges komplizierter gemacht hätte. Bei seinem aktuellen Hausbau-Projekt hat er eine 22-Kilowatt-Solaranalge vorgesehen und mehr Stromspeicher – unter anderem in Form eines Elektro-Autos, das auch wieder Strom ans Gebäude abgeben kann. Damit soll das Drei-Parteien-Haus zu 100 Prozent energieautark sein – sein jetziges Haus sei es zu knapp 70 Prozent, sagt Abrams. Die Abschlagszahlung für Energie betrage momentan 82 Euro pro Monat.

Christian Abrams vor den Plänen seines vierten Niedrigenergiehauses, das er gerade in Norden baut. Foto: Ellinger
Christian Abrams vor den Plänen seines vierten Niedrigenergiehauses, das er gerade in Norden baut. Foto: Ellinger

Ein energetisches Herzstück des aktuellen Wohnhauses ist die „Zwangsbelüftung“, wie Abrams das salopp nennt. In der Küche, in den Bädern und auf der Toilette werde Luft abgesaugt – also überall dort, wo tendenziell feuchte und auch warme Luft entstehe. Eine Wärmepumpe ziehe die Wärmeenergie wieder raus, sagt Abrams: „Mit der Abluft des Hauses mache ich mein Warmwasser.“ Ein Nebeneffekt: Die Dusche trockne ruckzuck.

Zwangsbelüftung durch Unterdruck und Lüftungsklappen

Durch diese Luftabsaugung entsteht im Haus ein Unterdruck, erklärt Abrams weiter. Durch Belüftungsklappen in Fenstern und Türen ströme frische Luft nach. Das sei gut fürs Raumklima und verhindere jedwede Schimmelbildung, merkt er an. Beschichtete Fensterscheiben halten zudem die Sonnenstrahlen ab.

Selbst große Glasfronten, die sich in diesem Fall sogar zusammenschieben lassen, machen die Energie-Bilanz des Hauses von Christian Abrams nicht kaputt. Foto: privat
Selbst große Glasfronten, die sich in diesem Fall sogar zusammenschieben lassen, machen die Energie-Bilanz des Hauses von Christian Abrams nicht kaputt. Foto: privat

Der Baupreis dieses Hauses sei wenig aussagekräftig, sagt Abrams auf Nachfrage. Erstens, weil die Baupreise erheblich gestiegen seien. Zweitens, weil es natürlich auch abseits der Energieeffizienz unterschiedliche Standards gebe. Die Wohnküche verwandelt sich beispielsweise in Sekunden zur Terrasse, wenn die Glasfront zum Garten wie eine Faltwand zusammengeschoben wird.

Was kostet ein energieautarkes Drei-Parteien-Haus?

Das komplett energieautarke Drei-Parteien-Haus, das er gerade baue, werde grob 1,1 Millionen Euro kosten – inklusive Grundstück und Planung. Abzüglich Fördermitteln sei es noch eine runde Million. Für zwei Wohnungen mit knapp 100 Quadratmetern und eine Wohnung mit rund 130 Quadratmetern. Sobald er dorthin umziehen kann, will Christian Abrams sein bisheriges Wohnhaus verkaufen.

Die Idee, ein Einfamilienhaus zu bauen, das zum Zweifamilienhaus werden kann, verbreitet sich laut Architektin Peterssen zunehmend. Auch junge Paare, die noch keine Kinder hätten, würden überlegen, wie sie Wohnraum in den verschiedenen Lebensphasen flexibel gestalten könnten. Wer im Ruhestand aus einer Wohnung zwei macht, kann seine Rente mit den Mieteinnahmen für den nicht mehr gebrauchten Wohnraum aufbessern. Kerstin Peterssen sind auch Fälle bekannt, in denen Ehepaare geschieden wurden, sie aber unter einem Dach geblieben sind – allerdings getrennt in dann zwei Wohnungen.

Ähnliche Artikel