Gespräch mit ukrainischer Familie Zwischen Hoffnung, Ungewissheit und Sorge
Oksana Chepelieva und ihre Kinder leben seit rund fünf Monaten in der Gemeinde Krummhörn. Sie sind aus der Ukraine geflohen. Ihre Heimatstadt ist in russischer Hand – und fast völlig zerstört.
Groothusen - Wenn Oksana Chepelieva über ihre Heimat spricht, muss sie oft schlucken und um Fassung ringen. Die 41-Jährige wohnte bis vor etwas mehr als fünf Monaten in Lyssytschansk, einer Großstadt im Norden der Oblast Luhansk in der Ukraine. Die Stadt wurde bei Gefechten zwischen russischen und ukrainischen Truppen nahezu völlig zerstört. „Von einstmals mehr als 100.000 Einwohnern in Lyssytschansk sind nur noch wenige Tausend übrig geblieben“, berichtete die Tagesschau im vergangenen Monat. Oksana Chepelieva hat es geschafft, die Stadt zu verlassen – doch ein paar Freunde und Verwandte sind noch in der Stadt, die mittlerweile in der Hand Russlands ist.
Was und warum
Darum geht es: Eine ukrainische Mutter ist mit ihren drei Kindern in Groothusen untergekommen. Sie sind aus einem besonders stark umkämpften Gebiet geflohen – wie bereits 2014.
Vor allem interessant für: alle, die sich für das Schicksal von Menschen aus der Ukraine interessieren.
Deshalb berichten wir: Johann Wienbeuker hatte uns auf die Familie, die er aufgenommen hat, aufmerksam gemacht. Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de
Es ist bereits das zweite Mal, dass die Ukrainerin mit ihren Kindern ihre Heimat verlassen musste. Schon 2014 verließ sie die Stadt wegen des Krieges im Donbass. Lyssytschansk liegt etwa 70 Kilometer nordwestlich von Luhansk und 100 Kilometer nordöstlich der in der angrenzenden Oblast liegenden Stadt Donezk. Das Gespräch mit der Familie haben wir in Englisch und Deutsch gehalten.
Die Heimatstadt liegt in Schutt und Asche
Für drei Monate verließ sie vor acht Jahren ihre Heimat, jetzt sind es schon rund fünf Monate. „Wir haben uns fast zwei Wochen im Keller versteckt“, berichtet sie. Doch die andauernden Gefechte, die Raketenbeschüsse, die Schusswechsel und die sich immer deutlich abzeichnendere Oberhand der russischen und separatistischen Streitkräfte machten die Situation immer unerträglicher. „Ich muss hier raus, auch wegen meiner Kinder“, fasste Oksana Chepelieva den Entschluss, erneut zu fliehen. Es folgten Tage in Bussen, in Zügen. Zuerst ging es nach Lwiw, dann nach Polen, dann nach Ostfriesland. Hier lebt ihre Cousine mit ihrer Familie. Im Endeffekt untergekommen ist Oksana Chepelieva mit ihren Kindern schlussendlich in der Krummhörn, beim SWK-Ratsherrn und Ortsvorsteher Johann Wienbeuker in Groothusen.
Von hier mussten Oksana Chepelieva, ihre 20-jährige Tochter Alina, die achtjährige Tochter Zlata und der jetzt 18-jährigen Sohn Vladyslav über Nachrichten und soziale Netzwerke miterleben, wie ihre Stadt, ihre gewohnte Umgebung immer weiter zerstört wurde. Laut Berichten ist ein Großteil von Lyssytschansk in Schutt und Asche. Eine unabhängige Überprüfung ist aktuell nicht möglich, aber die Familie bestätigt das. Schon vor Monaten sei die Situation schlimm gewesen, aber jetzt fehle es „an allem“. Die Infrastruktur sei größtenteils zusammengebrochen. Es gebe Plünderungen durch die Besatzer.
Zehn Tage später und der Sohn hätte bleiben müssen
Dass ihr Sohn Vladyslav überhaupt das Land verlassen konnte, war eine Sache von Tagen. Beim Grenzübertritt war er noch 17 Jahre alt, sein Geburtstag aber in greifbarer Nähe: Zehn Tage später und er hätte das Land nicht mehr verlassen dürfen und hätte wohl in die Armee gemusst.
Rund 2500 Kilometer liegt Lyssytschansk von Groothusen entfernt, vier Tage dauerte die Flucht. „Wir hatten ein gutes Leben, ich hatte eine gute Arbeit bei der Bank, wir hatten eine schöne Wohnung“, sagt Oksana Chepelieva. Jetzt stehen sie vor einem Neuanfang, nein, sind eigentlich mittendrin. Alina möchte gerne Lehrerin werden, Vladislav hofft auf eine Ausbildung im Kfz-Bereich, dabei wollte er in der Ukraine eigentlich zur Polizei. Auch die Mutter möchte wieder arbeiten. Aber erst Deutsch- und Integrationskurse – und die bleibende Ungewissheit, ob eine Rückkehr in die Heimatstadt je möglich sein wird. „Natürlich hoffe ich“, sagt Oksana Chepelieva. „Ich hoffe, dass die ukrainische Armee die Stadt wieder zurückerobert, wie sie es auch 2014 geschafft hat.“ In ein russisches Lyssytschansk will Oksana Chepelieva nicht mehr zurück – und ihre erwachsenen Kinder auch nicht.
Sorge um die Oma: „Wir wissen nicht, ob sie noch lebt“
Sorgen macht sich die Familie aber auch um die Oma, die Mutter von Oksana Chepelieva. Diese lebt eigentlich in Lyssytschanks Zwillingsstadt Sjewjerodonezk im Westen der Oblast Luhansk. Hier siedelte sich seit Beginn des Ostukrainekonfliktes 2014 die Verwaltung für die Teile der Oblast Luhansk, die unter ukrainischer Kontrolle verblieben, an. Russische Truppen zerstörten am 12. Juni 2022 die letzte Donez-Brücke, die die Zwillingsstädte miteinander verband, seit Anfang Juli gilt Lyssytschansk als besetzt. Der Kontakt zu ihrer Mutter sei nur sporadisch möglich, erzählt Oksana Chepelieva. Lange habe sie nicht fliehen wollen, doch habe sich schließlich dazu entschlossen. Doch seit ungefähr drei Wochen herrscht wieder Funkstille. „Wir wissen nicht, ob sie noch lebt“, sagt die 41-Jährige und muss wieder schlucken.
Wie es weiter geht? Mutter und Kinder versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen. „Wir sind nicht wegen des Geldes hierhergekommen“, möchte Oksana Chepelieva unbedingt loswerden. „Wir sind vor dem Krieg geflohen, vor einer echten Bedrohung.“ Das scheinen manche Deutsche nicht begriffen zu haben. Das bestätigt auch Johann Wienbeuker, der die Familie bei sich untergebracht hat. „Wer so etwas sagt, hat einfach keine Ahnung, was gerade in der Ukraine passiert.“