Hamburg Rosalie Thomass: „Wie kann es sein, dass wir uns für Schwangerschaftsstreifen schämen?“
Warum sind Frauen oft neidisch aufeinander? Schauspielerin Rosalie Thomass spricht über ihren neuen Film „Jagdsaison“, Frauenpower und erklärt, ob man sich jemanden „aus dem Kopf vögeln“ kann.
In diesem Artikel erfährst Du:
Drei Frauen gehen gemeinsam auf ein Wellness-Wochenende. Die eine ist Mutter mit pinken Haarsträhnen, die andere ihre beste Freundin. Und dann wäre da noch die neue Flamme des Ex-Mannes: eine schöne, erfolgreiche Influencerin, die bei allen gut ankommt – auch bei der eigenen Tochter. Drama? Vorprogrammiert.
Der Film „Jagdsaison“ mit Rosalie Thomass (pinke Haare, Eva), Marie Burchard (beste Freundin, Marlene) und Almila Bagriacik (die neue Flamme, Bella) ist das deutsche Remake eines dänischen Erfolgs. Mit Humor behandelt der Kinostreifen allerlei Probleme: Liebesflauten, Streit in Patchworkfamilien und Konkurrenzkampf unter Frauen.
Rosalie Thomass (Eva) hat mit uns über all die Themen gesprochen und erklärt, warum die böse Stiefmutter eine tolle Bonusmama sein kann.
Hier kannst Du den Trailer zu „Jagdsaison“ anschauen:
Frage: Im Film „Jagdsaison“ wird der Neid von Frauen thematisiert. Sind Frauen wirklich so oft neidisch aufeinander, ist das nicht ein Klischee?
Antwort: Rosalie Thomass: Ich glaube, das Problem des Neids liegt in dem System, in dem wir aufwachsen. Frauen lernen schon früh, sich zu vergleichen. Ich finde, das nimmt eine ganz komische Entwicklung an. Nicht, dass es für Frauen besser geworden ist – sondern dass es bei Männern schlimmer wird. Wenn man auf die Schulhöfe schaut, geht es bei den Jungs auch schon darum, wer das bessere Sixpack hat.
Antwort: Es gab vor kurzem dieses tolle Buch von Carolin Kebekus „Es kann nur eine geben“. Ich finde, dass sie sehr treffend und unterhaltsam formuliert, wie doll wir Frauen geprägt sind. Wenn wir mal eine gewisse Position erreicht haben, wollen wir keine andere Frau zulassen. Wir denken: „Oh Gott, die ist ja schön, sehe ich genauso gut aus?“ oder „Boah, die hat tolle Haare, wieso bin ich denn so benachteiligt worden?“ Wahrscheinlich dauert es noch ein bisschen, bis wir das aus unserem System kriegen. Ich bekomme auch bei Kindern mit, was alles von ihnen verlangt wird.
Frage: Was denn genau?
Antwort: Mädchen wird viel mehr zugemutet, sie müssen zu Hause helfen, sollen immer lieb und brav sein. Aber bitte nicht zu trotzig und zornig, denn das machen Mädchen ja nicht. Genauso wird Jungs die Möglichkeit genommen, zu weinen, weich und verzweifelt zu sein. Dieses Patriarchat, in dem wir immer noch leben, hat für kein Geschlecht Vorteile – außer vielleicht im Status für Männer, ein bisschen.
Frage: Wie nimmst Du diesen Konkurrenzkampf als erfolgreiche Schauspielerin war?
Antwort: Ich habe beides erlebt: Ich habe die Konkurrenz-Hölle gesehen, mit üblen Geschichten, ich habe aber auch sehr viele Freundschaften mit Kolleginnen geschlossen. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, wie man selbst raus in die Welt geht. Ich wehre mich dagegen, dass wir nur als Einzelkämpferin erfolgreich sein können. Das ist einfach Quatsch. Es tut sich in dieser Hinsicht aber viel, auch auf Instagram.
Frage: Und in Deinem privaten Umfeld?
Antwort: Auch da merke ich, dass es ein langer Weg ist. Es gibt noch wahnsinnig viele Frauen, die im Sommer andere Frauen anschauen und Dinge sagen wie „Oh, bei der Figur würde ich aber etwas anderes anziehen“. Da denke ich mir: Hey, warte mal! Wenn Du die anderen so hart bewertest, dann bewertest Du Dich ja selbst ebenso hart?
Antwort: Der Schlüssel liegt darin, bei sich selbst anzufangen. Wir sollten aufhören, uns selbst abzuwerten. Wem das nicht gelingt, kann damit anfangen, sich zu hinterfragen: Warum muss ich denn eine andere Frau niedermachen? Ganz schlimm finde ich es im Bereich Muttersein. Das hat mich feministisch radikalisiert.
Frage: Inwiefern?
Antwort: Wir können Leben machen! Unser Körper ist in der Lage, einen ganzen Menschen zu backen! Ihn auf die Welt zu bringen und zu ernähren! Dieses System, in dem wir leben, hat es trotzdem geschafft, uns weiszumachen, wir seien das schwächere Geschlecht. Wie konnte es so weit kommen? Wie konnte es so weit kommen, dass Mütter sich für Schwangerschaftsstreifen schämen? Oder für andere körperliche Veränderungen, die zeigen, was für eine unfassbare Kraft sie haben?
Antwort: Wir sollten auf ein Podest gestellt werden, für das, was wir können und meistern. Mich schockt es, dass das immer noch ein Thema ist. Und dass wir in einem System leben, in dem Mütter sich untereinander so beschämen. Der Klassiker: Arbeitest Du, ist es falsch. Arbeitest Du nicht, ist es auch falsch.
Antwort: Als ich Mutter wurde, hatte ich das Gefühl: Wenn sowieso immer alle Leute alles blöd finden und mich bewerten – dann könnte ich es auch einfach so machen, wie ich will und wie es mir entspricht. Einfach auf alles scheißen. Diese Freiheit, diese Radikalität im Denken, die hat aber nicht jeder. Deswegen müssen wir Frauen sagen: Ihr dürft einfach damit aufhören.
Frage: Welche Rollen spielen dabei Väter?
Antwort: Es ist immer noch so, dass sehr wenige Väter wissen, was Mental Load ist – oder überhaupt eine Ahnung davon haben, wie viel zu tun ist. Sei es „Wir brauchen noch einen Rucksack für den neuen Kindergarten” oder all die anderen vielen kleinen Dinge. Da werde ich wütend.
Antwort: Ich bin in einer Generation aufgewachsen, in der man dachte, Gleichberechtigung ist schon da. Man muss sich nicht mehr darum kümmern, wir hatten jetzt Emanzipation, wir sind durch – ihr Frauen dürft wählen und in der Ehe nicht mehr vergewaltigt werden, was wollt ihr denn noch?
Antwort: Je älter ich wurde, habe ich gemerkt: Es gibt keinen Bereich, in dem ich nicht benachteiligt werde. Und ich bin noch eine weiße Frau, ich habe Privilegien, die women of color nicht haben.
Frage: Inwiefern leistet der Film „Jagdsaison” dann einen positiven Beitrag? Wird nicht ein wenig mit dem Bild der bösen Stiefmutter gespielt? Nur ist sie (Bella) dieses Mal keine Hexe, sondern eine schöne Influencerin.
Antwort: Meine Hauptfigur, Eva, sieht in der anderen Frau, Bella, eine fleischgewordene Bedrohung: Sie sieht toll aus, sie ist erfolgreich, ihr Kind mag sie gerne, genauso ihre beste Freundin.
Antwort: Nun kannst Du natürlich wie Eva ein Leben führen, die Fehler bei anderen sucht, oder andere abwertet. Du kannst aber auch versuchen, an Dir zu arbeiten. Überlegen, warum Du Dich selbst nicht mögen kannst.
Antwort: Ich hoffe, dass der Film genau dabei hilft. Dann kannst Du vielleicht, und das mag ich bei Jagdsaison zu gerne, irgendwann zu dieser Frau hingehen und sagen: „Eigentlich finde ich Dich total toll! Ich habe nur noch nicht gelernt, wie man einer anderen Frau großzügig und liebevoll begegnet.“
Antwort: Für mich ist das die Message des Films: Wir müssen bei uns selber aufräumen und aufhören, andere Frauen abzuwerten, nur damit wir uns besser fühlen. Ich selbst ziehe viel Kraft daraus, Frauen in meinem Leben zu haben, die ich bewundere und verehre.
Frage: Das heißt: Wenn die andere Frau erfolgreich ist, sollte man nicht neidisch sein, sondern sie als Vorbild betrachten – sie zeigt auf, was man selbst noch alles erreichen kann?
Antwort: Genau! Dazu gehört aber auch, dass Dich die Frau in einer höheren Position unterstützt.
Rosalie Thomass in der Maske für ihren Film „Jagdsaison“:
Frage: Im Film Jagdsaison geht Eva mit ihrer besten Freundin und Bella auf ein Wellnesswochenende: Ist es eine gute Idee, mit der neuen Frau des Ex-Mannes in den Urlaub zu fahren und sich anzufreunden?
Antwort: Wäre eigentlich ein guter zweiter Teil! Das weiß ich nicht. Das ist sehr individuell. Ich lebe in keiner Patchworkfamilie, kenne aber einige, die tolle Lösungen für diese Konstellation gefunden haben. Auch da gehört dazu, diese Angst, die Eva hat, beiseite zu legen. Angst, dass ihr Kind Bella lieber mag.
Antwort: Dein Kind bleibt immer dein Kind. Das klingt jetzt super kitschig: Es geht am Ende aber immer um Liebe und Großzügigkeit. Wenn Du Deinem Kind erlaubst, eine Bonusmama oder einen Bonuspapa liebzuhaben, dann ist das sicher viel einfacher und schöner für alle. Der Weg dahin ist aber schwer.
Frage: Eine letzte Frage zum Abschluss, eine Szene aus dem Film: Kann man sich wirklich jemandem aus dem Kopf vögeln?
Antwort: Ich habe es selbst noch nicht ausprobiert. Ich kenne diese Theorie aber unter einem anderen Begriff aus meinem Freundeskreis: Man schreibt sich heimlich so lange, ist so lange verknallt, bis diese Beziehung extrem aufgeladen ist. Zur „Entladung“ schläft man einmal miteinander und stellt dann hoffentlich fest: So toll war es gar nicht.
Antwort: Ich persönlich finde, ähnlich wie Eva im Film, es aber angemessen und fairer, wenn man zuerst an der eigenen Beziehung arbeitet und herausfindet: woran liegt das denn, warum lasse ich mich emotional ganz doll auf jemand anderen ein? Möchte ich vielleicht eine offene Beziehung, bin ich mit dem Sex nicht zufrieden?
„Jagdsaison“ erscheint am 18. August 2022 in den deutschen Kinos.