Westerland Dauercamper auf Sylt fassungslos: Nach Jahren sollen sie weichen
„Der Urlaub ist gelaufen“, sagt ein aufgebrachter Dauercamper des Westerländer Campingplatzes. Gerade hat er erfahren, dass er seinen Stellplatz im kommenden Jahr nicht mehr mieten darf. Das sind die Gründe für die Auflösung der Dauercamper-Plätze und so rechtfertigt der ISTS die Entscheidung.
Ende Juli kam per Email die Mitteilung vom Insel Sylt Tourismus Service (ISTS), dass auf dem Westerländer Dünen-Campingplatz künftig mehr Touristenstellplätze entstehen sollen - zu Lasten der Dauerstellplätze, wie ein Betroffener erzählt. Konkret heißt es da: „im Rahmen der notwendigen Renovierungsarbeiten auf dem Campingplatz Westerland, in Kombination mit der stetig wachsenden Nachfrage an Durchgangsplätzen, sehen wir uns gezwungen, ab 2023 einen Teil der bisherigen Saisonplätze zukünftig nur noch für Buchungen von Durchgangsgästen anzubieten“.
Er selbst komme seit zwei Jahren her, so der anonyme Camper, habe aber für den Stellplatz viele Jahre auf der Warteliste gestanden - jetzt muss er den Stellplatz räumen. Sprachlos, wütend und traurig sei ein Teil der betroffenen Camper gewesen, als sie die Mail bekommen haben.
Doch alles gefallen lassen wollen sich die Bewohner nicht: Die Betroffenen haben sich zusammengeschlossen und ein emotionales Schreiben an Peter Douven und den Aufsichtsratsvorsitzenden des ISTS, Wolfgang Jensen, formuliert. In diesem bringen sie ihre Verbundenheit zur Insel und zum Campingplatz zum Ausdruck, die teils 30 Jahre oder länger bestünde. „Sylt ist über diese Jahrzehnte nun mal zu unserer zweiten Heimat geworden“, sagen sie.
Eine von ihnen ist Elfriede Riedel. Die 90-Jährige aus Hannover kommt seit 60 Jahren auf „ihren Stellplatz“, erzählt sie. Die Nachbarn würden sich gut kümmern, manchmal auch ihre Wäsche machen, damit sie keine Arbeit damit habe. Es sei vertraut, ja familiär. Die holen mich ja sogar in Hannover ab und bringen mich hier her“.
Man kennt sich hier, sagt Riedel, erzählt, wie sie den Nachbarskindern früher immer Märchen erzählt habe. „ Elfriede Riedel schüttelt traurig den Kopf. „Für mich war es immer schön hier“, sagt sie, zuckt mit den Schultern. „Aber wir können die Welt ja nicht anhalten, wir können ja nichts machen.“
Zwei Abschnitte sind von den durch den ISTS angekündigten Maßnahmen, die laut ISTS-Geschäftsführer Peter Douven im Oktober beginnen sollen, betroffen: Zum einen die Dauerstellplätze der ersten Reihe, auf der rechten Seite, wenn man den Platz betritt. Zum anderen der Bereich rund um den Strandübergang. Dort haben auch Liane Klar und Andreas Mierke ihren Stellplatz.
Der Stellplatz, den die beiden seit sechs Jahren mieten, würde auch von der Familie mitgenutzt, fast immer sei jemand da. Im vergangenen Jahr hätten die beiden ihre Bodenplatte neu gemacht und „mehrere tausend Euro“ investiert. „Wir hätten uns auch so einen Wohnwagen nicht geholt, hätten wir vorgehabt, ihn ans Auto zu hängen“, erzählen die beiden. Müssen sie den Platz wirklich räumen, muss auch der Anhänger verkauft werden. Denn Dauerstellplätze sind derzeit rar: „Wir haben die gesamte Ostsee abtelefoniert“, sagt Liane Klar. Erfolglos.
Die Mietverträge für den Westerländer Campingplatz laufen regulär vom 1. April bis 31. Oktober. Normalerweise, so zumindest in den letzten Jahren, hätte man nach Auslaufen des Vertrags, im Folgejahr wieder einen neuen angeboten bekommen. So mussten zwar die Wohnmobile stets zum Ende der Saison in die Winterquartiere gebracht werden. Bodenplatten und zum Teil liebevoll angelegte Bepflanzung durften aber bleiben. Die Dauercamper kamen ja meist im Folgejahr wieder.
Auf Nachfrage von shz.de sagt Peter Douven, ISTS-Geschäftsführer: „Wir haben lediglich einige Plätze mit normal ausgelaufenen Verträgen nicht wieder buchbar gemacht, da wir im Winter im Rahmen der notwendigen weiteren Modernisierung des Platzes unsere Planungen anpassen wollen“. Soweit handele es sich also um einen normalen Vorgang, da kein Vertrag gekündigt worden sei. „Und es keinen Anspruch auf Verlängerung gibt!“, so Douven.
Voraussichtlicher Baubeginn sei also Oktober - dieser hänge jedoch von vielen Faktoren ab, „die heute immer schwerer vorauszusagen sind und die unter anderem zum Beispiel von Lieferengpässen beeinflusst werden können“, so der ISTS-Chef weiter.
Zu diesen Maßnahmen gehöre laut Douven beispielsweise die Erneuerung der Versorgungsleitungen, „also eine weitreichende Tiefbaumaßnahme“. Ziel sei, den Westerländer Campingplatz auf Stand beziehungsweise Niveau des Rantumer Campingplatz zu heben. „Erst damit sind wir qualitätsseitig im Wettbewerb im oberen Mittelfeld platziert und zukunftsfähig“.
Details jenseits der notwendigen Tiefbauarbeiten für die Leitungserneuerungen könnten derzeit noch nicht mitgeteilt werden, da sie erst nach der Saison und damit im Winter geplant würden.
Erst im vergangenen Jahr seien die Stellplätze neu vermessen worden, erzählt einer der Dauercamper. „So haben wir auch im Frühjahr 2022, als die Grenzen der Stellplätze verschoben wurden, keine Kosten und Mühen gescheut, und „unsere“ Plätze mit harter Arbeit begradigt und neu gestaltet“, heißt es dazu auch in dem Schreiben der Betroffenen. Die Überlegungen dabei hätten sich um die Entscheidung, ob man sich für Equipment, das der Witterung für die nächsten fünf Jahre oder für die nächsten zehn Jahre trotzen soll, gedreht. Von der Auflösung der Stellplätze sei damals keine Rede gewesen.
In Douvens Antwortschreiben an die Dauercamper heißt es, dass die Nachfrage nach Campingurlaub in den letzten beiden Jahren stark zugenommen habe.
Um möglichst vielen Gästen den Besuch auf der Insel in Form des gewünschten Campingurlaubes zu ermöglichen, habe man nun die „Reduzierung der bis Dato vorhandenen Saisonstellplätze“ veranlasst. „Zusätzlich sehen wir uns verpflichtet, mehr Verantwortung für die sensible und schöne Natur der Insel zu übernehmen“, heißt es in Douvens Schreiben weiter. Mit dem Rückbau der „vielfältigen Verbauungen der Mieter der Saisonstellplätze“ gebe man der Natur zum Saisonende eine Regenerationsmöglichkeit. Auf Nachfrage erläutert der ISTS-Chef dazu, dass der Platz in der Winterpause „ein insgesamt besseres und dem Naturraum angemessenes Bild abgeben“ solle - „ohne verbleibende Lagerstätten einiger Camper“.
Die Krux für die Betroffenen: Eine Umwandlung zu Touristenplätzen ist laut B-Plan gar nicht zulässig. Die maximale Anzahl der Touristenplätze ist in diesem Jahr auf 200 begrenzt. Diese sind bereits vorhanden. Auch die Mobilheime sind begrenzt und dürften in dem Gebiet nahe des Strandübergangs gar nicht entstehen. Hierzu verweist Peter Douven erneut auf die Planungen im Winter: „Dazu gehört natürlich auch die Beachtung von reglementierenden Plänen oder deren Anpassung“, so der ISTS-Chef gegenüber shz.de.
Die Betroffenen wollen sich mit dieser Antwort nicht zufrieden geben. In einem zweiten Schreiben, in dem sie auf die Rechtslage und den B-Plan hinweisen, fordern sie eine Rückmeldung von Douven mit Frist bis zum 17. August. Die Campingplätze nun einfach an andere Dauermieter zu vermieten, sei Willkür, heißt es darin unter anderem. Bislang habe man keine Antwort erhalten, so der Stand am Dienstagmittag, 16. August. Zu solchen „wilden Spekulationen und Vermutungen einiger Camper“ werde er keine Stellungnahmen abgeben, teilt Douven auf Anfrage außerdem mit.
Hartmut Klieber aus Hamburg schüttelt den Kopf, während er seinem Parzellennachbarn bei dessen Erläuterungen zuhört. Seit sieben Jahren kommen er und seine Frau samt Kindern und Enkeln her, erzählt er. „Meine kleine Enkeltochter hat zuhause bitterlich geweint“, erzählt Klieber, der seit Jahren auf den Campingplatz kommt. Dann bricht ihm die Stimme weg: „Es ist so traurig“.