Wo bleiben die Gäste? Leeraner Zollhaus veröffentlicht Brandbrief
Es gibt sie wieder: Konzerte und Kulturveranstaltungen. Doch im Zollhaus in Leer laufen Ticket-Vorverkäufe und die Abendkasse „schlecht wie nie“. Der Veranstalter appelliert an die Leute.
Leer - Ruhig sitzt er da, doch der Blick geht immer wieder in die ferne. Die Augen glitzern. „Ich musste es einfach mal rauslassen und es hat so gut getan“, sagt Marco Hanneken. Im Leeraner Zollhaus ist er verantwortlich für Buchung, Planung und Durchführung der Veranstaltungen.
Er wirkt mitgenommen und doch brennt in ihm ein Feuer. Und diese Gefühlswelten hat er in einem offenen Brief auf ihrer Webseite und auf der Instagram-Seite des Zollhauses rausgelassen. Der Brief ist keine Abrechnung, keine Anklage. Es ist eine Bitte und eine Warnung.
Der Brief
Es sind große Namen, die derzeit im Zollhaus auftreten. Namen, die eigentlich die Massen anziehen, doch sie bleiben aus. „Die Ticket-Vorverkäufe unserer Veranstaltungen laufen schlecht wie nie – und auch an der Abendkasse geht momentan noch so gut wie nichts“, schreibt er. Und selbst, wenn alle Karten einmal verkauft sind, kommen nicht alle. „Das Konzert der 102 Boyz war ausverkauft. Doch 100 Leute sind nicht gekommen“, sagt Daniel van Lengen, Geschäftsleiter des Zollhauses.
Das macht es den Veranstaltern schwer, zu planen. „Momentan können wir so ein Programm nur anbieten, weil wir Mittel aus dem Programm Neustart Kultur bekommen. In der Fülle bieten wir so viel und so Bekanntes an wie nie“, sagt van Lengen. Allein die Gäste bleiben aus. „Wir wissen, dass sich viele solidarisch zeigen wollen und, dass einige wegen Corona Angst haben: Das verstehen wir absolut“, betont Hanneken. Keiner wisse derzeit, ob er ein Konzert in zwei Wochen besuchen könne, oder, ob er sich bis dahin mit dem Virus infiziere. Hinzu komme, dass große Festivals nach wie vor funktionieren. Das verzerre das Bild.
Verzerrtes Bild
„Sogenannte Leuchtturm-Veranstaltungen, wie das Hurricane, Rock Am Ring, Rammstein, Die Ärzte oder Coldplay funktionieren nach wie vor, und täuschen in der öffentlichen Wahrnehmung über all das hinweg – und suggerieren so leider derzeit ein „schiefes Bild“ – viele Menschen haben dadurch den Eindruck, dass alles wieder „normal“ ist und die Konzerte überall gut laufen“, so Hanneken. Es würden aber derzeit viele Konzerte und Festivals abgesagt oder sie finden mit einem Bruchteil der Zuschauer statt.
Dadurch werde alles schwerer zu kalkulieren. Zudem sollte in diesem Jahr viel ausprobiert werden. Durch die Fördermittel ist es möglich, auch mal Veranstaltungen anzubieten, bei denen man vom Erfolg nicht überzeugt ist. „Das ist aktuell aber überhaupt nicht repräsentativ“, sagt Hanneken. Es sei auch kein Trend zu erkennen, was sich die Menschen wünschen würden.
Selbstzweifel
„Das Risiko ist derzeit unkalkulierbar und, wenn die Programme auslaufen, müssen wir das Risiko wieder tragen“, sagt van Lengen. Besonders schlimm sei, dass sie nicht wüssten, woran es derzeit liegt. „Man hinterfragt sich den ganzen Tag. Sind es die falschen Künstler, sind wir zu teuer und vieles mehr. Wir nehmen diese Selbstzweifel alle mit nach Hause“, sagt Hanneken.
Und doch: Wo Schatten ist, da ist auch Licht. „Ich habe diesen Brief geschrieben und bekomme seitdem so viel Rückendeckung“, sagt er. Veranstalter aus dem ganzen Bundesland und sogar aus Berlin hätten sich bei ihm gemeldet. „Die Situation ist überall die gleiche. Die kleineren und mittleren bleiben auf der Strecke, weil die Menschen denken, es läuft gut. Dem ist aber nicht so“, sagt er. Das ist auch die Kernbotschaft seines Briefs. „Wir wollen niemandem einen Vorwurf machen. Wir wollen auch nicht jammern. Es geht schlicht darum, zu zeigen, dass es eben nicht so gut läuft, wie alle denken“, sagt er.
Hoffnung
Generell würde man sich im Zollhaus mehr Mut der Menschen wünschen. „Wenn ich zum Beispiel auf Metal stehe und bei uns ist ein Metal-Konzert von einer Band, die ich noch nicht kenne, wieso komme ich dann nicht? Vielleicht gefällt es mir ja und ich lerne eine neue Band kennen“, sagt er. Das gelte auch für andere Veranstaltungen. „Wir bieten so viel an, da muss für jeden etwas dabei sein“, sagt auch Geschäftsleiter van Lengen.
„Wir sind dankbar für jeden Gast und ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg. Der Brief scheint dabei geholfen zu haben. Der Zuspruch aus der Szene und auch von den Künstlern ist groß. Jetzt müsse es nur noch die Gäste erreichen.
Verband sieht das Problem
Beim Verband der Niedersächsischen Kultur- und Kreativwirtschaft (vnkk) kennt man die Problematik. „Wir bekommen es derzeit aus allen Regionen widergespiegelt, dass die Gäste ausbleiben“, sagt Lukas Dotzauer, Gründungsmitglied des vnkk. Zwar seien die Veranstaltungen durch die Förderprogramme durchfinanziert, aber wenn die Gäste ausbleiben, können die Häuser keinen Gewinn erwirtschaften, der für die Angebote in der Zukunft wichtig wäre.
„Das trifft alle. Kleine Festivals müssen abgesagt werden und die großen machen Verluste. Viele versuchen, die Ticketpreise moderat zu halten, damit überhaupt Leute kommen“, sagt Dotzauer. Deshalb ist für ihn klar: „Die Förderprogramme müssen weiterlaufen, wenn so wenige Leute kommen“, sagt er. Gerade, da es derzeit keine Möglichkeit gebe, herauszufinden, warum die Angebote nicht angenommen werden, brauchen die Häuser die Hilfe. „Wir fragen uns alle, wie wir die Leute dazu bekommen, zu Veranstaltungen zu gehen. Ich sehe derzeit keine Lösung des Problems“, sagt er.
Sorgen um die Zukunft
Dennoch sei in der Branche die Zuversicht groß. „Ich sehe keine Wut, sondern eher Traurigkeit. Die Menschen in der Branche stecken so viel Herzblut in ihre Arbeit und sie arbeiten wahnsinnig viel. Zu sehen, dass dann niemand kommt, ist hart“, sagt er. Sicher ist aber auch: Es könnte ein bitterer Herbst werden. „Wenn die Beschränkungen wiederkommen, könnten noch weniger Menschen zu uns kommen.“
Auch die Leeraner sind beunruhigt. „Wir machen uns wirklich große Sorgen um den Erhalt der öffentlichen Kulturveranstaltungen und natürlich auch um unsere Jobs, die wir so lieben und die wir endlich wieder in vollem Umfang ausüben dürfen“, sagt Hanneken. Doch bei aller Sorge bleibt eins: Im Zollhaus steht man zusammen. Das wird schon an einer Sache deutlich. Es war Marco Hanneken, der den Brief schrieb und veröffentlichte. Doch Daniel van Lengen weicht seinem Freund nicht von der Seite. Er bestätigt jedes Wort. „Marco brennt für seinen Job und wir alle sind positiv gestimmt“, betont er.
„Ich bekomme noch immer bei jedem Soundchek eine Gänsehaut. Ich habe richtig Bock auf Konzerte“, sagt auch Marco Hanneken. Wenn jetzt noch die Gäste kommen...
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