GA-Serie „Wasser in Ostfriesland“  Deiche auf der Wiese schützen Haus und Hof

Elke Wieking
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Von Elke Wieking
| 15.08.2022 19:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Holter Hammrich hat sich zu einem Paradies für Wasservögel entwickelt. Aber er ist auch ein sogenannter Entlastungspolder. Foto: Wieking
Der Holter Hammrich hat sich zu einem Paradies für Wasservögel entwickelt. Aber er ist auch ein sogenannter Entlastungspolder. Foto: Wieking
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Deiche gibt es auch im Binnenland. Denn das muss ebenfalls vor Hochwasser geschützt werden, wenn Flüsse und Kanäle über die Ufer treten. Gefährdet ist auch das Leda-Jümme-Gebiet.

Rhauderfehn - „Was für eine Natur“, sagt eine Besucherin ganz beseelt und zeigt auf den Holter Hammrich. Dort ziehen gerade drei Störche ihre Kreise. Schafe grasen am Deich, Wasservögel schwimmen und tauchen im Wasser. Auf dem nahen Hauptfehnkanal tuckert ein Motorschlauchboot. Die Wiesen blühen, das Gras sprießt in sattem Grün. Es riecht nach Heu, Sonne und Sommer.

Diese Idylle wurde künstlich angelegt: der Hauptfehnkanal – auch Burlager-Langholter Tief genannt – wurde im 19. Jahrhundert noch per Hand gegraben. Und der Holter Hammrich ist ein geregelter Entlastungspolder. Baubeginn: 2006. Fünf Jahre später war er fertig. Sowohl der schnurgerade Kanal, der am Holter Hammrich in die Leda mündet, als auch das Wasservogel-Paradies sind Bauwerke gegen Hochwasser im Binnenland. Zuständig ist der Leda-Jümme-Verband.

Links ist der Hauptfehnkanal - auch Burlage-Langholter-Tief genannt - und rechts ist der Holter Hammrich. Foto: Wieking
Links ist der Hauptfehnkanal - auch Burlage-Langholter-Tief genannt - und rechts ist der Holter Hammrich. Foto: Wieking

Leda- und Emssperrwerk schützen vor Hochwasser

Die Ostfriesen müssen sich nicht nur vor Überflutungen von außen, also von der Seeseite her, wappnen. Auch die Flüsse und Kanäle können das Binnenland überfluten. Haben sie lange Zeit auch, bis der Leda-Jümme-Verband, der 1948 gegründet wurde, den Hochwasserschutz übernahm. Das Verbandsgebiet ist das größte in Niedersachsen. Es erstreckt sich über mehr als 58.000 Hektar in den Kreisen Leer, Ammerland und Cloppenburg.

„An der Ems bildet das Leda-Jümme-Gebiet einen circa 400 Quadratkilometer großen, bedeichten, tidebeeinflussten Niederungsbereich, welcher durch ein weit verzweigtes Gewässernetz aus natürlichen Gewässern und Kanälen geprägt ist. Zum Schutz dieses Gebietes wurde 1954 das Ledasperrwerk gebaut“, heißt es im „Generalplan Küstenschutz Niedersachsen/Bremen“, der vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) 2020 in drei Bänden herausgegeben wurde. Band 3 beschäftigt sich mit den Schutzdeichen, also den Deichen im Binnenland.

Acht Entlastungspolder im Gebiet

Der Leda-Jümme-Verband, ein Wasser- und Bodenverband mit Sitz in Leer, unterhält 263 Kilometer Haupt- und Schutzdeiche an den Gewässern Leda, Jümme, Dreyschloot, Barßeler Tief, Aper Tief, Norder-, Süder und Ollenbäke, Nordloher und Godensholter Tief, Nordloher Kanal, Soeste, Elisabethfehnkanal und Burlage-Langholter-Tief (Hauptfehnkanal).

Hinzu kommen neben Schöpf- und Sielwerken, die aber die Sielacht Stickhausen unterhält, fünf Entlastungspolder mit einem geregelten Aus- und Einlasswerk, acht ungeregelte Polder – da läuft das Wasser quasi von selbst über den Deich in den Polder – sowie das Hochwasser-Rückhaltebecken in Selverde (Uplengen). Polder sind große, eingedeichte Flächen, die geflutet werden können, wenn Flüsse und Kanäle kein Wasser mehr aufnehmen können und die Gefahr besteht, dass es über die Schutzdeiche tritt. Die 13 Polder im Leda-Jümme-Gebiet können 28 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen, sagt Meino Kroon, Geschäftsführer des Leda-Jümme-Verbandes. Ein Kubikmeter (1000 Liter) sind rund 5000 Gläser Wasser. Bei einer Sturmflut können das 20 Jahre alte Emssperrwerk in Gandersum und das Ledasperrwerk geschlossen werden. Sobald die Bauwerke dicht sind, kann aber über Ems, Jümme und Leda nicht mehr entwässert werden. Wenn es dann gleichzeitig im Binnenland stark regnet, staut sich das Wasser in den Kanälen und Flüssen. Das kann zu bedrohlichen Hochwasser-Situationen im Hinterland führen.

Bei Hochwasser wird das Sperrwerk am Holter Hammrich geöffnet und aus der Leda und dem Hauptfehnkanal fließt Wasser in den Polder. Foto: Wieking
Bei Hochwasser wird das Sperrwerk am Holter Hammrich geöffnet und aus der Leda und dem Hauptfehnkanal fließt Wasser in den Polder. Foto: Wieking

Ab 2050 geht’s richtig los

Und jetzt kommt noch der Klimawandel hinzu. Zwar falle im Durchschnitt übers Jahr nicht mehr Regen als bisher, heißt es im General-Plan. Allerdings verteilten sich die Niederschläge anders: Längere Trocken- und Hitzeperioden wechselten sich immer öfter mit Starkregenfällen ab. Die Auswirkungen des Klimawandels seien aber nicht vorhersehbar, weil sie von vielen Faktoren abhängig seien, heißt es im General-Plan, und Meino Kroon bestätigt das. Der Weltklimarat IPCC (International Panel on Climate Change) geht in seinem aktuellen Sachstandsbericht davon aus, dass die Auswirkungen in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts drastisch werden und der Meeresspiegel im Jahr 2100 bis zu einem Meter gestiegen sein könne.

Das wirkt sich indirekt auf die Schutzdeiche im Leda-Jümme-Gebiet aus, obwohl zehn Jahre zwischen den letzten Flutungen lagen: Anfang 2012 mussten die Polder Holter Hammrich, Detern-Übertiefland und das Langholter Meer geflutet werden und dann erst wieder in diesem Februar, sagt Kroon. Aber er warnt: Das müsse nicht das letzte Mal in diesem Jahr gewesen sein. Weil niemand in die Zukunft blicken kann, arbeiten Land, Bund und Deichverbände nach dem Motto: vorausschauen und beim Hochwasserrisiko-Management flexibel bleiben. Mit 625 Millionen Euro will Niedersachsen das Schutzdeichsystem optimieren. Es soll zum Beispiel Stauraum zwischen den Deichen geschaffen werden wie zurzeit in Barßel an der Soeste. Dort hat der Leda-Jümme-Verband sieben Hektar gekauft. Nun wird ein neuer Deich gebaut, der weiter vom Fluss als der alte entfernt liegt, um die zusätzlichen sieben Hektar bei Überschwemmungen zu nutzen.

Der Leda-Jümme-Verband lässt im Auftrag von Bund und Land an der Soeste in Barßel einen neuen, höheren Deich bauen. Foto: Passmann
Der Leda-Jümme-Verband lässt im Auftrag von Bund und Land an der Soeste in Barßel einen neuen, höheren Deich bauen. Foto: Passmann

Schutzdeiche werden einen Meter höher

Generell werden viele Deiche erhöht, fügt Meino Kroon hinzu. Bisher wurden bereits 50 Zentimeter auf die Sollhöhe draufgepackt. „Jetzt kommt noch mal ein halber Meter hinzu.“ In Barßel heißt das zum Beispiel: Der Deich an der Soeste wird von 3,10 auf 3,60 Meter erhöht.

Der neue Deich wird 50 Zentimeter höher als der alte. Das heißt er wird 3,60 Meter hoch. Grafik: Leda-Jümme-Verband/NLWKN
Der neue Deich wird 50 Zentimeter höher als der alte. Das heißt er wird 3,60 Meter hoch. Grafik: Leda-Jümme-Verband/NLWKN

Laut General-Plan muss der Leda-Jümme-Verband an Gewässern und Poldern 179 Kilometer an Schutzdeichen erhöhen. Außerdem stehen Arbeiten wie Deichfußsicherungen und Deckwerkverstärkungen an. Die voraussichtlichen Baukosten liegen bei 214 Millionen Euro. „Ein 20-Jahres-Programm“, so Meino Kroon.

Rund einen Kilometer lang soll der neue Deich an der Soeste in Barßel. Er wird weiter vom Fluss weg liegen, um den Stauraum zwischen den Deichen zu vergrößern. Foto: Passmann
Rund einen Kilometer lang soll der neue Deich an der Soeste in Barßel. Er wird weiter vom Fluss weg liegen, um den Stauraum zwischen den Deichen zu vergrößern. Foto: Passmann
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