Berlin Schauspielerin Almila Bagriacik will mit dem Tatort alt werden
Almila Bagriacik ist im Tatort aus Kiel an der Seite von Axel Milberg zur festen Größe geworden – sie kann aber auch Komödie, wie sie jetzt im Kino mit „Jagdsaison“ beweist.
Mit ihren 32 Jahren kann Almila Bagriacik schon auf eine beeindruckende Schauspielkarriere zurückblicken. Nun ist die Darstellerin der Kieler Tatort-Kommissarin Mila Sahin im Kino in der turbulenten Komödie “Jagdsaison” zu sehen. Zum Interview in einem Berliner Restaurant kommt sie mit ihrem Hund, der es gar nicht mag, wenn Frauchen mal verschwinden muss. Die Berlinerin erzählt von ihrem Schrebergarten, ihrer Migrationsgeschichte, den vielen Sprachen, die sie spricht, und warum sie mit dem Tatort alt werden möchte:
Frage: Frau Bagriacik, was macht Ihr Schrebergarten? Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, stand gerade das Projekt neue Laube an.
Antwort: (lacht) Die Laube steht mittlerweile und ist wahnsinnig schön – wir kriegen auch ganz viele Komplimente, weil unser Garten sehr schlicht ist. Unsere Laube ist aus Holz, ansonsten haben wir nicht viel Schnickschnack, keine Skulpturen, keinen Teich, sondern nur einen wunderschönen Rasen, einen kleinen Nutzgarten und ein Hochbeet. Perfekt zum Runterkommen und für meinen Hund, den ich seit 14 Jahren habe.
Frage: Haben Sie auch Gartenzwerge?
Antwort: Ich grüße die Gartenzwerge meiner Nachbarn, aber ich selber besitze keine.
Frage: Sie nutzen den Garten nicht nur zum Runterkommen, sondern bauen auch Gemüse an?
Antwort: Das macht meine Mutter – sie kümmert sich und ist diejenige, die den grünen Daumen hat. Ich darf mich da zurückziehen, Ideen aufschreiben, Drehbücher lesen und einfach eine schöne Zeit haben. Mich erdet das im wahrsten Sinne des Wortes. Das Tolle ist, dass wir in dieser Holzlaube ein Hochbett haben mit einem kleinen runden Fenster – das erinnert mich immer an “Heidi”. Die hatte auch so ein Fenster am Bett und ich habe “Heidi” schon als Kind in der Türkei geguckt. Die gab’s auch auf Türkisch, aber der Titelsong war auf Deutsch, und den konnte ich schon als Kind auswendig, obwohl ich noch gar nicht wusste, dass ich mal in Deutschland leben werde.
Frage: Was sagen die Schrebernachbarn denn zu ihrer prominenten Nachbarin?
Antwort: Die sind sehr lieb und zuvorkommend. Ich habe sogar mal überlegt, ob ich nicht eine Tatort-Flagge hochziehe und wir gemeinsam ein Public Screening machen. Bei uns wohnen auch ehemalige LKA-Beamte, die jetzt Rentner sind und den Tatort auf seine Glaubwürdigkeit überprüfen. Sie lieben Axel Milberg und finden es deshalb auch toll, dass ich ausgerechnet im Kieler Tatort mitspiele. Aber ich kriege auch ganz viel Liebe für meine Person und nicht nur, weil ich Tatort-Kommissarin bin (lacht).
Frage: Sie sind ja jetzt schon ein paar Jahre beim Tatort dabei – hat er Ihr Leben verändert?
Antwort: Auf jeden Fall hat er meine Karriere geprägt, weil man dadurch ein gewisses Standing bekommt. Mir ist es auch wichtig, dabeizubleiben und ein großes Publikum zu erreichen, weil wir wichtige Themen behandeln. Deshalb komme ich gerne auch mit den Zuschauern in eine Kommunikation und führe das nach der Ausstrahlung über Instagram auch weiter. Da gehe ich dann live, die Zuschauer können Fragen stellen und da hole ich mir auch gerne die Kritik ab, sei es positiv oder negativ. Wenn es konstruktiv ist, versuche ich auch immer, es in der nächsten Folge zu berücksichtigen.
Frage: Der Filmname Ihres Tatort-Partners ist ja derselbe wie der Ihres früheren Deutschlehrers: Borowski. Haben Sie Axel Milberg diese Geschichte mal erzählt?
Antwort: Ja klar, das habe ich ihm gleich am ersten Drehtag erzählt. Er meinte: Almila, Du weißt schon, dass es keine Zufälle gibt?
Frage: Als es losging, haben Sie die von Ihnen gespielte Mila Sahin als die “coolste Sau der Welt” bezeichnet. Was ist sie heute für Sie?
Antwort: (lacht) Ich habe mit der Zeit versucht, auch ihre Schwächen herauszuarbeiten, weil es das ist, was mich an meinen Rollen besonders interessiert und sie für mich menschlich macht. Ich finde, dass sie mittlerweile viel reifer geworden ist, souverän und erfahrener. Die zwischenmenschliche Beziehung zu Borowski hat ihren eigenen Swing und ist sehr zeitlos. Alter spielt da keine Rolle, es gibt diese Momente, in denen sich Sahin und Borowski gegenseitig reflektieren und herausarbeiten, wo sie Fehler gemacht haben. Das tut den Rollen gut.
Frage: Als Sie beim Tatort angefangen haben, sprachen Sie von einer neuen Liebe, von der Sie sich vorstellen könnten, mit ihr sesshaft zu werden.
Antwort: Ich möchte gerne mit dem Tatort alt werden. Ich finde es schön, eine Rolle über sehr lange Zeit zu entwickeln und später die Leute sagen zu hören: Die Sahin, das war mal eine richtig coole Sau.
Frage: Wenn Sie mit dem Tatort alt werden wollen, brauchen Sie irgendwann einen neuen Partner – Axel Milberg ist schon 65.
Antwort: Darüber möchte ich noch nicht nachdenken.
Frage: Apropos sesshaft werden – wenn man Sie googelt, werden nach Ihrem Namen folgende Themen vorgeschlagen: verheiratet, Freund und Kinder. Das wollen die Leute also von Ihnen wissen – wollen Sie eine Antwort geben?
Antwort: Ich bin nicht verheiratet, ich habe keine Kinder und ich bin seit 14 Jahren Hundemama. Das ist das, was ich dazu sagen würde.
Frage: Sie haben mal gesagt “Herkunft ist ja nur ein Hintergrundgeräusch”. Wie haben Sie das gemeint?
Antwort: Das ist schon einige Zeit her, heute fühle ich auch schon wieder anders. Man entwickelt sich ja im besten Fall immer weiter und ich möchte niemals stehen bleiben. Mich hat damals sehr gestört, dass wir von einem Migrationshintergrund gesprochen haben, der jedoch immer in den Vordergrund gepresst wurde. Ich wollte nicht, dass das zum Hauptthema gemacht wird, weil dadurch der Mensch auf seine Herkunft reduziert wird und sein Charakter und alles andere, was den Menschen ausmacht, keine Rolle mehr spielen.
Frage: Und heute?
Antwort: Jetzt bin ich 32 und ich höre viel mehr türkische Musik, schaue türkische Filme und lese viel interessierter die ganzen Bücher, die mir meine Eltern in den letzten Jahren geschenkt haben. Ich war eine Zeitlang sehr damit beschäftigt, mich hier zu integrieren und zu zeigen, dass ich ein Teil dieser Gesellschaft bin und funktioniere. Das war die Priorität – dieses Anpassen und Teil davon sein. Jetzt merke ich, dass ich entspannter bin und nicht mehr die Konflikte in mir ausfechte, die auf mich projiziert werden, sondern wachse. In meiner Herkunft habe ich meine Wurzeln und meine Äste strecke ich hier aus. Ich vereine beide Kulturen in mir und das ist mein Reichtum.
Frage: Haben Sie das Gefühl, dass Deutschland fremdenfeindlicher geworden ist? Die AfD hat bei der letzten Bundestagswahl jede zehnte Stimme bekommen.
Antwort: Ich glaube nicht, dass Deutschland fremdenfeindlicher geworden ist. Es hat sich meiner Meinung nach in alle Richtungen intensiviert. Auf der einen Seite wächst viel Liebe, Offenheit und Interesse an Unterschiedlichkeit und auf der anderen Seite kommen Angst, Unsicherheit und Frustration auf. Ich versuche, dieses Thema nicht mehr so emotional zu betrachten, weil ich merke, dass es viel mit mir macht. Es hilft mir, nicht alles zu generalisieren, sondern zu versuchen, das Herz der Menschen zu sehen und zu hören. Früher fühlte ich mich davon angegriffen, wenn mich jemand fragte, wo ich herkomme. Aber ich möchte aus dieser Haltung raus und will nicht, dass alles gleich einen rassistischen Ton bekommt, wenn es aus positivem Interesse entsteht, weil es nicht dem eigentlich Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit dient.
Frage: Was tun Sie heute?
Antwort: Ich will als betroffene Person auch das Interesse meines Gegenübers hören können, der mich das fragt. Ich habe einige schwierige Erfahrungen gemacht, aber ich möchte mich davon befreien und nicht Opfer dieser Erfahrungen bleiben, sondern daraus wachsen und anderen Menschen helfen, besser damit umzugehen. Auch deshalb ist mir ein Projekt wie der Tatort so wichtig, weil ich damit bei einem Zehn-Millionen-Publikum vermutlich auch Menschen erreiche, die Angst vor dem Fremden haben. Und ich möchte sie erreichen und ihnen diese Angst nehmen.
Frage: Würden Sie sich als gläubigen Menschen bezeichnen?
Antwort: Ich bin sehr spirituell und ich glaube an sehr vieles. Auch daran, dass der Glaube Menschen Hoffnung schenkt und sie stärkt.
Frage: Sie haben sich in einem Interview mal als Muslima bezeichnet. Halten Sie sich auch an Ramadan und Alkoholverbot?
Antwort: Mir wurde beigebracht, dass unser Glaube uns bereichern kann und nicht einschränken soll. Der Koran ist sehr poetisch und bietet sehr viel Raum für Interpretation. Es gibt auf jeden Fall ein paar Gebete, die mir sehr helfen – zum Beispiel, wenn ich die Wohnung verlasse. Das tut mir gut. Und ist nur für mich.
Frage: Also ist Ramadan kein Hinderungsgrund für Sie zu drehen?
Antwort: Mir ist es wichtig, dieser Fastenzeit gerecht zu werden, den richtigen Raum dafür zu schaffen und diese besondere Zeit so lehrreich wie möglich zu gestalten und nicht nebenbei zu erfüllen. Es ist faszinierend, was für Stadien man dabei durchlebt. Eine Reise, die ich nicht neben der Arbeit machen möchte.
Frage: Sie haben mit 16 schon fünf Sprachen gesprochen. Haben Sie die alle in der Schule gelernt oder nebenbei noch Unterricht genommen?
Antwort: Türkisch und Deutsch sind ja für mich Muttersprachen, dann hatte ich als erste Fremdsprache Französisch – meine Familie ist sehr frankophil. Dann habe ich Englisch und Spanisch gelernt und war damit erst mal fein, weil ich ja früher Diplomatin werden wollte. Ich hatte aber auch einen russischen und einen arabischen Freundeskreis, deshalb hat es mich interessiert, auch diese Sprachen zu lernen. Damit konnte ich bei den Familien meiner Freunde immer einen guten Eindruck hinterlassen. Heute könnte ich zwar noch ein paar Sätze sagen, aber nach zehn Minuten wäre das Gespräch sehr wahrscheinlich beendet.
Frage: Sie haben mal gesagt, dass Sie das deutsche Bildungssystem lieben.
Antwort: (lacht) Im Vergleich zur Türkei. Dort wirkt das amerikanische Multiple-Choice-System – dir wird eine Frage gestellt, du hast beispielsweise fünf Möglichkeiten zu antworten, eine andere Antwort gibt es nicht. In Deutschland werden dir in einer Klausur drei Fragen gestellt, du darfst zehn Seiten schreiben, hast fünf Stunden Zeit und alles stimmt, wenn du es belegen kannst. Ich fand es toll, so frei zu sein, Dinge zu interpretieren und dafür die Belege zusammenzusuchen. Es hat mir geholfen, weiter zu denken als das, was mir vorgegeben wurde. Aber ich habe mein Abitur 2009 gemacht. Ich hoffe, dass sich das Bildungssystem weiterentwickelt hat.
Frage: Von der Schule zum Beruf: Ihr neuer Film ist wahrscheinlich nicht nur für mich eine Überraschung – “Jagdsaison” ist eine Komödie. Ihre erste?
Antwort: Nein, ich hab schon im Schultheater in der “Kleinbürgerhochzeit” von Bertolt Brecht die Braut gespielt, das war großartig. Später habe ich in der Komödie “300 Worte Deutsch” mit Christoph Maria Herbst mitgespielt. 2019 habe ich in Finnland eine Komödie gedreht – da habe ich die Texte meiner Kollegen mitsamt ihrer Bedeutung auswendig gelernt, weil wir auf Finnisch gedreht haben. Ich musste ja reagieren, also immer wissen, was mein Gegenüber gerade sagt. Das war eine ganz besondere Erfahrung, da war ich anderthalb Monate in Helsinki und Forssa, einer Kleinstadt. Die Zusammenarbeit mit meinen finnischen Kollegen war toll, das hat mir Mut gemacht, mich komödiantisch zu öffnen.
Frage: Und dann kam “Jagdsaison”.
Antwort: Ja, als ich das Drehbuch las, habe ich Tränen gelacht.
Frage: Viele Schauspieler sagen ja, nichts sei schwieriger als Komödie.
Antwort: Komödie muss man auf jeden Fall ernst nehmen. Es macht sehr viel Spaß, aber man muss die Komödie auch nicht immer mitspielen. Ich finde, je ehrlicher man spielt, desto absurder und witziger wird es. Bei Komödie geht es sehr viel um Rhythmus. Den muss man für die Szenen einhalten, damit die Pointe funktioniert. Menschen zum Weinen zu bringen ist ein bisschen einfacher als sie zum Lachen zu bringen. Und noch viel schwieriger ist es, einen Lachanfall zu spielen. Vor allem, wenn man schon 15 Takes gemacht hat (lacht).
Frage: Also war die Rolle der Bella in “Jagdsaison” durchaus anspruchsvoll für Sie als Schauspielerin?
Antwort: Es hat mich komplett beansprucht, es war ein “all in”, ich musste alles geben. Ich habe angefangen, mit meiner Personal Trainerin Dany zu arbeiten, habe in anderthalb Monaten zehn Kilo abgenommen und mir Muskelmasse erarbeitet, parallel habe ich ein Waffentraining gehabt und musste auch noch zu Maniküre und Pediküre – mein Terminkalender sah ziemlich witzig aus.
Frage: Regisseur Aron Lehmann gibt seinen Schauspielern ja gerne ziemlich freie Hand.
Antwort: Ja, wir haben von jeder Szene mehrere Takes gedreht und Aron hat uns immer einen Take zur Verfügung gestellt, den wir frei gestalten konnten. Und wenn er etwas richtig gut fand, sagte er immer: Das war Weltklasse. Als ich den Film dann zum ersten Mal gesehen habe, fand ich es schön, dass man sich im Schnitt für viele unserer Takes entschieden und die Momente genutzt hat, in denen wir uns freispielen. Das war wirklich eine ganz besondere Arbeit mit Aron Lehmann.
Frage: Beschreiben Sie doch mal diese Bella, die Sie da spielen.
Antwort: Das ist eine Frau, die immer versucht hat, die Beste zu sein und sich ganz viel Mühe zu geben, was ja durchaus eine Tugend ist. Nur hat sie nicht viel Liebe erfahren, obwohl sie sich danach sehnt, Anerkennung zu bekommen und Teil einer Gruppe zu sein. Eigentlich ist sie ganz schüchtern und möchte nur geliebt werden. Man kann schnell dazu neigen, sie als Frau aus Stahl darzustellen. Aber Aron Lehmann sagte dann zu mir, Almila, privat bist Du doch auch manchmal ein bisschen ungeschickt (lacht). Schenk das doch mal der Bella, sonst wird sie unsympathisch. Dann habe ich mich immer mehr getraut, auch einen Teil von mir in Bella einfließen zu lassen, die aber ummantelt ist von dieser Perfektion.
Frage: Sensationell ist ja dieses Jagd-Outfit von Bella. Wie gefallen Sie sich darin?
Antwort: Ich sehe da einen Hauch von Chanel und hoffe, dass es rüberkommt (lacht). Dadurch, dass ich mal eine Bundeswehrsoldatin gespielt und eine Waffenausbildung gemacht habe, hat sich das sehr selbstverständlich für mich angefühlt. Aber ich möchte hier auch klarstellen, dass ich ein großer Tierfreund bin und das Jagen für mich überhaupt nicht in Frage kommt. Als Hobby könnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen – aber das Outfit. Grün steht mir doch wahnsinnig gut, oder? Die Drehtage in dem Outfit haben mir sehr viel Spaß gemacht, weil es etwas Selbstverständliches hatte. Ich hatte eine Hose an und keinen Minirock, ich hatte Stiefel, ich war stabil.