Hamburg „Wie, du stillst nicht?“ Warum Mütter unter gesellschaftlichem Druck stehen
Können oder wollen Frauen ihre Kinder nicht stillen, fühlen sie sich von der Gesellschaft unter Druck gesetzt. Eine Expertin erklärt, warum sich das ändern muss.
„Ich habe das Gefühl, als Mutter versagt zu haben, weil ich es nicht schaffe zu stillen.“
„Komme mir vor wie eine Rabenmutter!“
„Habe irgendwie totale Schuldgefühle“
„Wie bekomme ich das Gefühl weg, dass ich eine schlechte Mama bin, da ich nicht stille?“
Foren im Internet sind voll mit Beiträgen verzweifelter Mütter, die nicht stillen können oder wollen. Mit emotionalen Worten machen sie ihrem Frust Luft und sind auf der Suche nach Leidensgenossinnen und aufbauenden Worten.
Denn die Frage, ob ein Baby gestillt werden sollte oder nicht, stellt sich in Deutschland nicht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, Säuglinge in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen. Dies bietet gleich mehrere Vorteile: Das Kind erhält einen besseren Schutz des Magen-Darm-Traktes vor Infektionen. Zudem wurde bei Säuglingen, die sechs Monate gestillt wurden, eine bessere motorische Entwicklung beobachtet.
Auch Regina Masaracchia weiß sehr genau um die Vorteile des Stillens. Die examinierte Krankenschwester, Still- und Laktationsberaterin hat aber auch die Erfahrung gemacht, wie es ist, wenn es mit dem Stillen nicht klappt. Ihr zweiter Sohn kam mit einer Gaumenspalte zur Welt und wurde zum Flaschenbaby. Weil ihr die richtige Unterstützung fehlte, veröffentlichte sie das Buch „Wie, du stillst nicht?“ Ein Ratgeber speziell für Mütter, die nicht stillen können oder wollen.
Frage: „Stillen ist das Beste fürs Kind!“ Diesen Satz hören Mütter immer wieder. Woher kommt dieser Still-Druck in der Gesellschaft?
Antwort: Besser ist es zu sagen, dass Stillen ein natürlicher Fortlauf der Schwangerschaft ist, denn die Natur hat es so eingerichtet, dass Mutter und Baby durch das Stillen auch weiterhin eine Einheit sind. Über den Hautkontakt und den Speichel des Babys wird die Information weitergegeben, welche spezifischen Antikörper gebraucht werden. Das kann keine künstliche Milch, die ja Muttermilch eines anderen Säugetieres ist, welches ganz andere Bedürfnisse hat als ein menschliches Baby. Wer seinem Baby also nicht die Brust gibt, wird schnell als Rabenmutter abgestempelt.
Frage: Fügt man seinem Kind denn Schaden zu, wenn es nicht mit Muttermilch gestillt wird?
Antwort: Meist handelt es sich bei Pulver- oder künstlicher steriler Flüssigmilch um Kuhmilch, die chemisch so aufbereitet ist, dass sie für ein menschliches Baby überhaupt verdaut werden kann. Obwohl versucht wird, Muttermilchersatznahrung qualitativ zu verbessern, kann und wird sie nie an das Original heranreichen. Die Frage, ob man seinem Kind einen Schaden zufügt, kann man sich dann eigentlich selber beantworten. Daher empfehlen WHO und UNICEF: 1. Muttermilch direkt aus der Brust, 2. Muttermilch anders verabreicht, 3. gespendete Muttermilch und erst dann künstlich hergestellte Muttermilchersatznahrung.
Frage: Beobachten Sie, dass Mütter, die nicht stillen, schnell stigmatisiert werden?
Antwort: Inzwischen werden sowohl die einen, als auch die anderen "stigmatisiert", je nachdem, in welcher Gruppe von Müttern sie sich befinden. Stillen Mütter "zu lange", also über sechs bis acht Monate hinaus, werden sie als "Stillmafia" bezeichnet. Wenn unsere Gesellschaft und der Nachwuchs jedoch kaum länger stillende Mütter in der Öffentlichkeit sieht, wird es immer ein komischer und vielleicht sogar unangenehmer Anblick bleiben. Je mehr Frauen sich trauen, frisch und frei überall zu stillen, wann und wo sie und das Baby wollen, wird auch das nach und nach normal werden.
Antwort: Und umgekehrt? Wenn Frauen, die nicht stillen, angemeckert werden, weil sie Kunstmilch in der Flasche geben? Dann frage ich mich, ob wir eigentlich das Recht haben, Menschen zu verurteilen, denn es gibt zum Beispiel jene, die keine Nähe zulassen können. Es kann verschiedene Beweggründe geben, den Säugling nicht oder nur kurze Zeit zu stillen.
Frage: Wenn es einfach nicht klappt, was sind die Alternativen?
Antwort: Stillen ist zwar wichtig, natürlich, gesund und kann wunderbar sein, wenn man mit einer adäquaten Einstellung rangeht, aber manchmal ist am Anfang schon so viel schief gegangen, dass man selbst mit einer Stillberaterin nur schwer zum Teil-oder Vollstillen kommt. Dann darf man auch trauern, man hat ein Recht darauf und man darf dann auch sagen „OK, dann ist es jetzt so, aber es gibt auch noch andere wichtige Dinge, die ich zumindest versuchen kann besser als andere es machen.“
Frage: Welche?
Antwort: Die Mutter kann ihr Baby viel tragen, schmusen und zum Beispiel mit einem Bonding-Tuch arbeiten. Es ist hilfreich, viel zusammen zu baden und zu spielen, denn genau das wird dem Baby im Herzen bleiben. Und auch der Mutter.
Frage: Was hilft gegen Schuldgefühle, die sich viele Mütter machen?
Antwort: Wie zuvor schon gesagt, Schulgefühle, schlechte Gefühle und Traurigkeit zulassen. Oft kommt der gutgemeinte Trost: „Das ist doch kein Grund, traurig zu sein. Sie wachsen doch trotzdem und sind gesund.“ Damit werden die Gefühle der Mutter aber nicht ernst genommen, denn sie ist trotzdem traurig und darf auch traurig sein, denn eine Mutterschaft ohne Stillen ist anders als eine, in der man stillt.
Antwort: Es ist wichtig, dass die Frau ihre Gefühle verarbeitet, sie akzeptiert und weiter geht. Es hat auch nichts damit zu tun, dass man nicht-gestillte Babys weniger lieb hat. Wenn sich Frauen minderwertig und angegriffen fühlen, zeigt das, dass sie ihre Trauer leider noch nicht verarbeitet haben.
Frage: Wo findet eine Mutter Hilfe, wenn es mit dem Stillen nicht klappt?
Antwort: Hilfe finden Schwangere schon in Stillgruppen, wo sie mit dem Stillen konfrontiert werden und schon Frauen kennenlernen, die Tipps geben können und super stillen. Meist werden sie von Stillbegleiterinnen geführt und bei schwierigeren Problemen nach der Geburt kann man sich an eine Still-und Laktationsberaterin (IBCLC) wenden.
Frage: Was sollten Eltern beachten, die ihrem Baby die Flasche geben?
Antwort: Bei einem guten Stillmanagement von Anfang an kann über viele Monate Muttermilch abgepumpt werden. Umgekehrt aber genauso. Wer Kunstmilch geben muss oder will, kann diese auch mit dem Brusternährungsset an der Brust geben. Die Flasche sollte man an der nackten Brust geben, damit das Baby die Mutter wie beim Stillen riechen und fühlen kann. Heißt: Das Nichtstillen so organisieren, als wenn gestillt wird, durch Seitenwechseln, wie beim Stillen, Blickkontakt halten, viel Hautkontakt,
Antwort: Und noch etwas. Wer in dieser Situation eigentlich Stillen wollte, dem rate ich, es immer wieder zu probieren, denn manche Babys nehmen die Brust doch, auch wenn man schon aufgegeben hat, besonders in der Nacht, beim gemeinsamen Schlafen, im Halbschlaf, denn ein Baby lernt nur zu stillen, wenn es die Brust auch angeboten bekommt. Am Ende gilt jedoch: Lasst uns alle Mütter feiern, die ihr Bestes geben, ob sie nun stillen oder nicht stillen.