Abschluss der Gezeitenkonzerte  „Den Abend, die Musik und das Leben feiern“

Julia Jacobs
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Von Julia Jacobs
| 08.08.2022 16:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Valentin Radutiu (Cello) und die junge norddeutsche Philharmonie unter der Leitung von Felix Mildenberger beim Abschlusskonzert am Sonntag. Foto: Norbert Schnorrenberg
Valentin Radutiu (Cello) und die junge norddeutsche Philharmonie unter der Leitung von Felix Mildenberger beim Abschlusskonzert am Sonntag. Foto: Norbert Schnorrenberg
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Die Gezeitenkonzerte der Ostfriesischen Landschaft sind vorbei. 39 Konzerte fanden im zehnten Jubiläumsjahr statt. Matthias Kirschnereit blickt auf zwei abwechslungsreiche Monate zurück.

Aurich - Mit einem großen Orchesterkonzert in Bunderhee gingen am Sonntagabend die Gezeitenkonzerte der Ostfriesischen Landschaft zu Ende. Damit endete vor rund 1300 Zuschauern auch die zehnte Saison der Festivalreihe. Seit Anfang Juni fanden unter dem Motto „Horizonte“ 39 Konzerte statt, gespielt in den verschiedensten Ecken Ostfrieslands. Matthias Kirschnereit, der Künstlerische Leiter der Gezeitenkonzerte, hat im Interview mit unserer Redaktion die Saison noch einmal Revue passieren lassen.

Herr Kirschnereit, was hat Ihnen in dieser Saison der Gezeitenkonzerte am besten gefallen?

Matthias Kirschnereit: Das fällt mir schwer zu sagen, weil mir so vieles wunderbar gefallen hat. Ich bin überaus glücklich, wie die zehnten Gezeitenkonzerte verlaufen sind. Ich hätte nicht zu träumen gewagt, welch große Publikumsresonanz wir erleben. Ich habe bei den zahlreichen Konzerten, wo ich selbst auch anwesend war, ein so dankbares, beseeltes und euphorisches Publikum erlebt, teilweise mit Tränen in den Augen. Für mich ein ganz ergreifender künstlerischer Höhepunkt war die Partita d-Moll für Violine Solo von Johann Sebastian Bach am Samstag, gespielt von Christian Tetzlaff. Das ging mir ins Mark.

Also sind Sie zufrieden mit der Bilanz?

Kirschnereit: Ich bin überaus zufrieden. Wir haben eine wunderbare Atmosphäre erlebt. Das Publikum war nach zwei Corona-Jahren, und wir befinden uns ja immer noch mitten in der Corona-Pandemie, wirklich zutiefst dankbar, geradezu ausgehungert. Ich habe eine unglaubliche Energie erlebt. Auch die Musikerinnen und Musiker, mit denen ich gesprochen habe, haben sich absolut dankbar gezeigt, hier vor unserem großartigen Publikum spielen zu dürfen. Alles war sensationell organisiert. Dass wir in diesen schwierigen Zeiten, in denen sich die Welt gerade befindet, solche fantastischen Konzerte veranstalten können, ist wirklich eine lebensbereichernde Maßnahme. Auch nach dem Schlusskonzert am Sonntag, wo wir 1300 Menschen begeistert und glücklich gemacht haben, da denkt man immer, man hat etwas gutes getan.

Mehr als 11.000 Tickets wurden verkauft. Gut ein Viertel der Konzerte war ausverkauft. Damit erreichen Sie aber noch nicht wieder das Vor-Corona-Niveau. Was meinen Sie, woran das liegt?

Kirschnereit: Das ist vollkommen richtig. In diesem besonderen Jahr mit der Corona-Pandemie, dem fürchterlichen Angriffskrieg auf die Ukraine seit Februar und den dramatischen Preissteigerungen finde ich es unangebracht, verbissen auf die Zahlen zu schielen. Wir haben etwa zehn bis 15 Prozent weniger Tickets verkauft als in unserem absoluten Rekord-Jahr 2019. Damit stehen wir im Vergleich zu anderen internationalen Festivals überaus gut dar. Die Vielfalt unseres Konzertangebots konnten wir in diesem Jahr noch einmal deutlich erweitern. Wir haben in diesem Jahr etliche Konzertförderer hinzugewonnen. Der Freundeskreis der Gezeitenkonzerte zählt mittlerweile 838 Mitglieder. Auch der ist gewaltig gewachsen.

Das heißt, dass sich die Gezeitenkonzerte in einem wunderbaren Entwicklungs- und Wachstumsprozess befinden. Dass es jetzt bei den Besucherzahlen eine kleine Delle gegeben hat, stört mich nicht im Mindesten. Ich hätte nicht erwartet, dass wir so viele Menschen erreichen. Etliche Konzerte waren ausverkauft. Die allermeisten waren zu etwa 80 Prozent ausgebucht. Einige Konzerte hingen ein wenig. Wenn wir die mehr als 11.000 Karten durch die 39 Konzerte rechnen, haben wir im Schnitt etwa 300 Besucher pro Konzert. Das finde ich großartig für ein Festival, das meistens in den schönen kleinen und intimen Kirchen mit klassischer Kammermusik spielt.

Corona, Krieg und Inflation belasten die Menschen derzeit. Hat sich diese Krisenstimmung auch bei den Konzerten gezeigt?

Kirschnereit: An keiner Stelle. Ich glaube, gerade in unseren schwierigen Zeiten, wo auch die Zukunft schwer vorherzusagen ist, ist es besonders wichtig, dem Guten, Wahren, Schönen zu dienen, großartige Konzerte zu veranstalten und den Menschen dadurch das Leben zu bereichern. Ein Konzert ist auch immer ein sozialer und gesellschaftlicher Aspekt. Das habe ich auch wieder beim Schlusskonzert erlebt. 1300 Besucherinnen und Besucher stehen in der Pause zusammen. Hunderte stehen nach dem Konzert noch beisammen um den Abend, die Musik und das Leben feiern. Da habe ich eine ganz große und tiefe Beglückung wahrgenommen. Von Corona und Krisenstimmung habe ich gar nichts gemerkt.

Die hohen Spritpreise haben schon in diesem Jahr die Kosten für die Instrumententransporte durch die Decke gehen lassen. Wie gehen Sie denn damit jetzt in die Planung für das nächste Jahr?

Kirschnereit: Wie in jedem Jahr hinterfragen wir uns und machen eine genaue Analyse, was sehr gut lief, was besonders gut ankam, welcher Spielort sich besonders geeignet hat, welche Wochentage gut liefen oder welche nicht so gut liefen. Wir kalkulieren sowieso immer schon sehr konservativ. Alle Künsterinnen und Künstler spielen bei uns zu Freundschaftspreisen, die lieben das einfach, zu den Gezeitenkonzerten zu kommen. Auch unsere Eintrittspreise sind äußerst moderat. Für Schüler und Studenten bieten wir nicht kontingentierte Tickets für fünf Euro an. Man kann also Rudolf Buchbinder, die Radiophilharmonie Hannover oder Ulrich Tukur für fünf Euro erleben.

Davon machen auch etliche Gebrauch, was sehr schön ist. Wir haben das Glück, dass wir durch die hohe Identifikation der regionalen Förderer und des geradezu explodierenden Freundeskreises finanziell sehr gut aufgestellt sind. Die Finanzierung der Gezeitenkonzerte ruht auf unglaublich vielen begeisterten Schultern. Das macht mich persönlich sehr glücklich, und da blicke ich auch sehr optimistisch in die Zukunft.

Wir werden aber sehr sorgfältig planen und schauen, wie sich die Preise entwickeln. Auf jeden Fall wird es ein weiteres Crescendo der Gezeitenkonzerte geben. Ich freue mich auf die nächsten zehn Jahre. Es gibt noch so viel Potenzial, was es auch noch auszuschöpfen gilt. Ich denke auch daran, dass wir Meisterkurse veranstalten werden. Das ist eine Idee, die ich seit Jahren in mir trage. Das Thema Nachwuchsförderung steht bei uns ja sowieso ganz groß auf den Fahnen.

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