Erfolgreiche Schnapsidee  Whisky-Kumpels planen Produktions-Neubau in Aurich

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 07.08.2022 15:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Sie entwickeln die Produkte gemeinsam: Heiner Labohm (links) und Ralf Klöker im Lagerraum im Packhaus der Mühle in Felde. Fotos: Cordsen
Sie entwickeln die Produkte gemeinsam: Heiner Labohm (links) und Ralf Klöker im Lagerraum im Packhaus der Mühle in Felde. Fotos: Cordsen
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Vor vier Jahren gründeten ein paar Freunde ein kleines Start-up namens Friesenwhisky. Die Schnapsidee entwickelte sich derart gut, dass sie nun in Aurich neu bauen wollen.

Aurich - Im Anfang war die Schnapsidee. Eine Spinnerei unter einer Handvoll Freunden, die sich für Whisky begeisterten und sich vor etwa sechs Jahren bei einem Whisky-Seminar in Aurich kennengelernt hatten. Ralf Klöker, einer von ihnen, sagt: „Da haben wir auch einige deutsche Whiskys probiert und fanden übereinstimmend: Das kannst du kaum trinken – übersteuerte Aromen, viel zu rauchig zudem.“ Weil sie selbst sich längst in der Theorie damit befasst hatten, wie der Rohgebrannte bei der Fasslagerung veredelt wird und Aromen annimmt und weil sie selbst eine Idee hatten, wie ein Whisky schmecken sollte, den sie selbst gern trinken, „haben wir uns gefragt: Warum probieren wir das nicht einfach mal selbst“, sagt Klöker. Eben das taten sie.

Was und warum

Darum geht es: Das Start-up Friesenwhisky plant den Bau einer eigenen Produktionshalle in Aurich.

Vor allem interessant für: Whisky-, Rum- und Gin-Fans, die auch regionale Produkte schätzen

Deshalb berichten wir: Weil das Unternehmen einen Gin auf den Markt gebracht hat, haben wir uns die Produktion angesehen und mit den Machern unterhalten.

Den Autor erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de

Einer von ihnen, Heiner Labohm aus Münkeboe, ist auf Mallorca gut vernetzt, betreibt eine eigene Reise-Internetseite über die Balearen-Insel und hat seit vielen Jahren engen Kontakt zu einem Edel-Weingut im Süden der Insel, zu den Bodegas Bordoy. Von diesem Weingut besorgte er frische Fässer, in deren Holz noch viel Aroma des Weins steckt. Und das sollte auf den eigenen Whisky übergehen. „Dann haben wir uns ganz viele Proben von Whiskys kommen lassen, die wir blind verkostet haben, um ein möglichst neutrales, aber gutes Produkt zu bekommen, das wir selbst veredeln können“, sagt Labohm. Fündig wurden sie in einer Brennerei in Kentucky in den USA. „Wir brennen nicht selbst, aber wir drücken unseren Produkten über die Fassreifung unseren eigenen Stempel auf“, fügt Labohm an. Beruflich vom Fach sind er, Klöker und die weiteren Freunde ursprünglich nicht: Labohm ist IT-Kaufmann, Klöker ist ausgebildeter Journalist, hat als solcher bei der OZ gearbeitet, war lange Chefredakteur der „Ostfriesischen Nachrichten“ und ist jetzt Sprecher des Landkreises Wittmund. „Ich habe aber schon als Student Weinanbaugebiete bereist und in einem Weinladen gearbeitet“, sagt er.

Tausende Flaschen werden jährlich abgesetzt

Und weil zur eigenen Freude, vielleicht auch etwas zur eigenen Überraschung, der zunächst in Labohms Garage gereifte Whisky tatsächlich die Geschmacksknospen der Whisky-Kumpels begeisterte, machten sie aus der Schnaps- eine Geschäftsidee und gründeten „Friesenwhisky“, eine kleine Genossenschaft, die inzwischen auf 13 Mitglieder gewachsen ist, deren Fässer noch in der Mühle in Felde (Großefehn) reifen und die inzwischen „Tausende Flaschen pro Jahr“ absetzt, wie Ralf Klöker sagt. Zusätzlich zum „Ostfriesenwhisky“ haben die hochprozentigen Freunde auch einen Rum ins Portfolio aufgenommen, einen mit Aroniabeeren-Saft versetzten Whisky-Likör entwickelt und kürzlich auch einen eigenen Gin kreiert. Überdies vertreiben sie Wein der Bodega von Mallorca unter eigenem Label. Und weil der Absatz des kleinen Start-ups wächst, wird das kleine Lager im Packhaus der Mühle in Felde alsbald zu klein. Friesenwhisky will noch in diesem Sommer ein Grundstück im Gewerbegebiet Aurich-Schirum kaufen, um darauf ein Gebäude für Lagerung, Verschnitt und Produktion zu errichten. Im Verwaltungsausschuss der Stadt Aurich haben die Friesenwhisky-Verantwortlichen sich schon vorgestellt, sich um das Grundstück beworben und nach eigenen Angaben Rückendeckung erhalten. Nun muss der Rat der Stadt Aurich den Flächenverkauf noch abnicken. Abgefüllt und verpackt werden die verschiedenen Spirituosen der Ostfriesen bei den Werkstätten für behinderte Menschen in Aurich und Wiesmoor.

Eine feine Nase für Aromen hilft: Heiner Labohm beschnuppert eine Rum-Probe.
Eine feine Nase für Aromen hilft: Heiner Labohm beschnuppert eine Rum-Probe.

Nun ist gewissermaßen der Whisky der Auricher ohne ihren Rum nicht denkbar. Dessen Rohware, ein ebenfalls in langen Probierprozessen ausgewähltes Destillat aus reinem Zuckerrohr, wird in Kuba gebrannt, dort in uralten Eichenfässern gelagert, die entsprechend wenig Aromen abgeben. Und der aus Kuba importierte Rum wiederum landet nun zuerst im Packhaus in Felde in den frischen Fässern von Mallorca, wird darin als Erstbelegung „ausgebaut“, wie es in der Fachsprache heißt. „Man riecht den Wein noch, die Fässer werden nur ganz kurz ausgespült, ausgebrannt – und dann füllen wir den Rum ein“, sagt Heiner Labohm. Zum Teil landet der Rohrum aber auch in leeren Whiskyfässern, zudem etwa in Bottichen, in denen zuvor Merlot- oder Syrahtrauben gereift sind. „Daraus wird am Ende aber ein Produkt: unser Rum“, sagt Labohm. Erst nach der Rumreife im Fass darf der Whisky als „Nachmieter“ einziehen. Jeweils etwa ein Jahr lang lösen die Hochprozentigen Aromen aus dem Holz und verwandeln ihre Eigenschaften, bevor sie „marktreif“ sind.

„Die Produkte gehen durch die Decke“

„Das ist, was einen guten Rum ausmacht, ist die gute Fasslagerung“, sagt Labohm. „Es geht darum, guten Rohstoff zu veredeln.“ Im Fall des Gins haben die Ostfriesen sich für Korn als neutrale Basis entschieden. „Wir wollten gern ein Ergebnis, das feiner ist als das in der Branche auch von den richtig Guten vielfach genutzte Verfahren, reinen Industrie-Alkohol zu veredeln, mit Wacholder und weiteren Aromengebern“, sagt Labohm. Er selbst sagt von sich: „Ich bin schon aromenvernarrt. Es reizt mich, bei gekochten Gerichten die Zutaten herauszuschmecken – und selbst die perfekte Balance zu erreichen.“ Über Monate und Jahre waren Whisky, Rum, Fassreifung und damit verknüpfte Fachsimpeleien tägliche Dauerbegleiter der „Friesenwhisky“-Macher. „Da ist kein Tag vergangen, ohne dass wir uns darüber unterhalten haben“, sagt Labohm. Die Freunde ließen Logos entwerfen, suchten Flaschen, Größen und besondere Verpackungen aus. Sie nutzten ihre weit verzweigten Netzwerke, sprachen die Bünting-Gruppe, die Multi-Märkte und Edeka-Marktleiter im Nordwesten sowie weitere Getränkehändler an, schafften es tatsächlich, gelistet zu werden. Befreundete Vertreter halfen, das Vertriebsgebiet zu erweitern. Und der Schnaps verkauft sich.

„Die Produkte von Friesenwhisky gehen durch die Decke. Generell boomen kleine Manufakturen – nicht nur diese, auch die Kaffeerösterei Baum oder Plattgemacht aus Leer“, sagt Thomas Boelsen, stellvertretender Marktleiter von Multi Nord in Leer. „Ich bin kein Whiskytrinker, kenne nur den Rum, der ist aber tatsächlich sehr, sehr gut. Aber alle Produkte der Manufaktur erfreuen sich eines sehr, sehr großen Absatzes“, sagt er.

Interesse am „Wasser des Lebens“ gewachsen

Inzwischen haben sich zusätzlich zu Friesenwhisky eine Reihe weiterer Start-ups entwickelt, die ebenfalls eigene Spirituosen auf den Markt gebracht haben. Wein Wolff in Leer – mit gut 200 Jahren kein Start-up mehr – als wohl bekannteste Marke hat zusätzlich zum sonstigen Sortiment auch einen eigenen Freesia-Gin auf den Markt gebracht und produziert auch Friesen-Gin und Friesen-Rum der Marke Hillbilly aus Ostrhauderfehn. Der Water Nörder Dry Gin vom Norder Hotel Reichshof, ebenfalls bei Wein Wolff hergestellt und abgefüllt, hat jüngst beim Gin Tasting der renommierten International Spirit Awards vom Spirituosen-Fachverlag Meininger eine Auszeichnung bekommen, in „perfekter Verbindung“ mit einem Tonic von Goldberg & Sons.

„Darauf sind wir schon stolz, zumal die Konkurrenz beim Gin wirklich riesig ist. Damit haben wir nicht gerechnet, als wir eine Probe eingereicht haben“, sagt Marius Siebelmann, Marketing-Assistent des Hotels. Auch Doornkaat in Norden bietet einen eigenen Dry Gin an. Im Ostrhauderfehner Ortsteil Idafehn hat die Österreicherin Heidi Brintrup sogar ihre eigene Ida-Destille aufgebaut, in der sie unter anderem Single-Malt-Whisky brennt.

Anne Büttner vom Whiskymuseum auf der Kyrburg im rheinland-pfälzischen Kirn sprach gegenüber der „Wirtschaftswoche“ von deutlich mehr Interesse an dem „Wasser des Lebens“, wie die Übersetzung des ursprünglich gälischen Wortes Whisky lauten soll. „Heute ist es mit dem Internet viel leichter als früher, sich zu informieren, Bewertungen zu lesen und zu kaufen.“ Den Kleinbrennereien des Landes helfe neben Herkunft und Qualität die insgesamt wachsende Beliebtheit von handgemachten Produkten aus kleinem Hause. Eine große, weltweit bekannte Marke und riesige Absatzmengen seien für eine wachsende Zahl an Kunden nicht unbedingt Kaufargumente.

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