Serie „Achtung, Betrüger!“ Liebe vorgegaukelt und ausgenutzt – Die fiese Masche des „Love Scams“
Wenn Betrüger ihren Opfern die große Liebe vortäuschen, ist das schon fies genug. Oft werden die Opfer unwissentlich aber auch zu Tätern.
Emden/Ostfriesland - Manchmal steckt hinter einem Begriff noch viel mehr als anfangs vermutet. So auch bei „Love Scamming“ oder „Love Scams“, also Betrugsmaschen, bei denen den Opfern eine Liebesbeziehung über das Internet und damit über Distanz vorgegaukelt wird. Das Gespräch mit einem Ermittler von der Polizeiinspektion Emden/Leer zeigte: Hinter der sowieso schon fiesen Masche steckt ein riesiges Netzwerk, in dem Opfer mitunter auch zu Tätern werden.
Experte für dieses Thema ist Frank Schüler, 55 Jahre alt, Kriminalhauptkommissar und Mitglied des Teams „Cybercrime“. Er ist mit seinen Kolleginnen und Kollegen zuständig für die Kriminellen, die über das Internet agieren. „Es wird immer mehr“, sagt er, bezogen auf Internetkriminalität im Allgemeinen.
Was ist Love Scamming?
Eine Art der Internetkriminalität ist das Love Scamming. Hierbei wird den Opfern über Wochen, Monate und teilweise Jahre vorgegaukelt, dass der Täter ein emotionales Interesse hat, so dass sich eine Liebesbeziehung über Distanz aufbaut. „Es ist schon eine moderne Art des Heiratsschwindlers“, sagt Schüler. Allerdings mit einem eklatanten Unterschied: Während der klassische Heiratsschwindler seine Opfer noch treffen musste, wickeln die Liebesbetrüger alles über E-Mail, Nachrichtendienste wie Whatsapp oder Plattformen wie Facebook und Instagram ab. „Auch Datingportale werden benutzt. Die Täter sind da flexibel und kreativ und wechseln auch die Kanäle“, sagt der Kriminalhauptkommissar. Zu einem wirklichen Treffen zwischen Täter und Opfer komme es eigentlich nie.
Achtung, Betrüger!
In dieser Serie stellt unsere Zeitung zusammen mit der Polizeiinspektion Emden/Leer und weiteren Experten verschiedene Betrugsmaschen vor.
Wer denkt, dass nur bestimmte Menschen auf so etwas hereinfallen, irrt. „Opfer gibt es in allen Berufsgruppen“, so Schüler. Die Altersspanne der Opfer sei groß, 30 bis 70 Jahre, „auch jüngere wurden schon Opfer“. Allerdings: „Die meisten Opfer sind weiblich, aber auch Männer fallen auf die Masche rein.“ Zudem werden nicht nur Singles Opfer, sondern auch gebundene Menschen.
Wie gehen die Täter vor?
Die Vorgehensweise der Täter ist dabei in der Regel immer gleich. Alles beginnt mit der Nachricht eines Fremden, vielleicht mit einem Kompliment zu einem Foto oder einem einfachen „Hello“. Die Nachrichten sind auf Englisch. Kann das Opfer diese Sprache nicht, soll es einfach ein Übersetzungsprogramm benutzen „Die Täter sitzen meist irgendwo in Afrika, Ghana zum Beispiel. Die Täterinnen meist im osteuropäischen Raum“, so Schüler. Wenn Frauen das Opfer sind, sei die erfundene Geschichte meist: „Der US-amerikanische Soldat, der irgendwo im Auslandseinsatz ist und dort festsitzt.“ Im Laufe des Gesprächs komme es dann immer irgendwann zu dem Punkt, an dem der vermeintliche Soldat ganz dringend Hilfe in Form von Geld oder Gutscheinen braucht.
Zu diesem Zeitpunkt wurde schon eine emotionale Verbindung zwischen Täter und Opfer geschaffen. Die Täter gehen dabei nicht nach einem festen Drehbuch vor, sondern gehen auf die Opfer ein. Sie entwickeln Routinen wie ein morgendliches „Hast du gut geschlafen?“. Sie schenken Aufmerksamkeit, über Wochen und Monate. Hat das Opfer ein Haustier, gibt der Täter vor, ebenfalls eines zu haben. Die Täter würden auf Details achten und auf diese eingehen, sie wollen Gemeinsamkeiten vorschwindeln. „Manche Fälle ziehen sich auch über Jahre, bevor die bei uns überhaupt bekannt werden“, sagt Schüler. Die Opfer werden in dieser Zeit um Tausende, zum Teil Hunderttausende Euro gebracht. „Die emotionale Bindung wurde zum Teil so stark aufgebaut, dass die Opfer nicht einsehen wollen, dass sie mit einem Betrüger gesprochen haben. Selbst Freunde und Familie können sie davon nicht überzeugen.“ Zwar hätten die Opfer die Täter nie gesehen – was die Täter an Fotos verschicken, sei eigentlich immer aus dem Internet geklaut –, aber der Glaube an die Liebe sei groß. „Manche reden von ihren Ehemännern oder Ehefrauen“, sagt Schüler. Tatsächlich würden die Betrüger auch nicht davor zurückschrecken, gefälschte Ehezertifikate zu verschicken. Für Außenstehende seien diese Zertifikate dabei oft sogar schnell als Fälschung zu erkennen.
„Die Täter machen so lange weiter, wie sie Geld bekommen können.“
Wer jetzt glaubt, der Täter sei ein Mann oder eine Frau, die einsam in ihrem Wohnzimmer sitzt und versucht, andere um ihr Geld zu betrügen, der geht fehl. „Die sitzen wahrscheinlich in ähnlichen Callcentern wie die, die Betrugsanrufe machen“, sagt Schüler. Die Täter würden gleichzeitig mit mehreren Opfern kommunizieren – und greifen dabei auf ein umfangreiches Netz an Maschen und Menschen zurück.
Die Chatverläufe und E-Mail-Verkehre, die der Polizei vorliegen, zeigen: Die Betrüger greifen auch gerne auf angebliche Erbschaften oder ähnliches zurück. Maschen, die man normalerweise nicht in Verbindung mit „Love Scamming“ bringt. Aber das geht auch andersherum. Die Mail des angeblichen ausländischen Rechtsanwaltes, der von einer Erbschaft berichtet, könne sich auch in einen „Love Scam“ verwandeln, so Schüler. Und: „Die Täter machen so lange weiter, wie sie Geld bekommen können.“ Ein festes Ende in dieser Masche gibt es nicht. Die Polizei weiß von Fällen, wo bereits Kredite aufgenommen wurden, Freunde angepumpt und Stromrechnungen nicht mehr bezahlt wurden. Das haben die Opfer den Tätern auch geschrieben, aber dennoch fragten diese immer weiter nach Beträgen. Hier 50, da 100 Euro. „Bis es wirklich nicht mehr geht, dann wird der Kontakt abgebrochen.“
Opfer werden unwissentlich zu Tätern
Love-Scam-Opfer werden von den eigentlichen Tätern aber auch gerne als Handlanger benutzt – und werden so selbst unwissend zu Tätern. Schüler beschreibt das so: Der eigentliche Betrüger schreibt beispielsweise mit fünf Frauen. Dann bringt er eine Frau dazu, Geld auf ein mitunter sogar deutsches Konto zu überweisen oder Waren zu bestellen und an eine deutsche Adresse zu liefern. Kontobesitzer und Warenempfänger sind dann aber nicht der vermeintliche Liebhaber, sondern andere Frauen. Diesen wird eine andere Geschichte aufgetischt, sie schicken Geld oder Waren weiter, entweder an ein weiteres Opfer in Deutschland oder an eine Adresse im Ausland. So werden die Opfer zum Teil zu Geldwäschern und die eigentlichen Täter können ihre Spuren verwischen. „Auch im Ausland geht das oft über solche Finanz- oder Warenagenten weiter“, bis es irgendwann kaum noch nachvollziehbar ist.
Wer auf diese Art von Betrug hereinfällt, hat laut Schüler „null Chancen“, das Geld wiederzubekommen. Selbst bei Überweisungen auf deutsche Konten, die meist bei Online-Banken erstellt wurden, sei das Geld schon kurz nach der ursprünglichen Überweisung weiter geschickt worden. „Den Finanzagenten wird gesagt, wann das Geld kommt. Die warten dann darauf und schicken es sofort weiter.“
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Wie viele Menschen allein in Ostfriesland, ja sogar nur in Emden oder Leer von „Love Scamming“ betroffen sind? Schwer zu sagen. „Ich glaube, die Dunkelziffer ist unglaublich groß“, sagt Schüler. Viele würden sich aus Scham gar nicht melden, selbst wenn sie wissen, dass sie hereingelegt wurden. „Manchmal bekommen wir auch wegen anderen Dienststellen Kenntnis von Love Scams hier“, sagt Schüler. Nämlich dann, wenn eines der hiesigen Opfer beispielsweise als Finanzagentin eingesetzt wurde.