Emden  Der Wald zwischen deutschem Mythos und Ökosystem

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 05.08.2022 15:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das Werk „I don’t know how I resisted the urge to run“ von Künstlerin Mariele Neudecker steht in einem Ausstellungsraum in der Kunsthalle. Foto: dpa
Das Werk „I don’t know how I resisted the urge to run“ von Künstlerin Mariele Neudecker steht in einem Ausstellungsraum in der Kunsthalle. Foto: dpa
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Die Deutschen und ihr Wald - ein mystisches Verhältnis? Der Naturraum wird mal als Nationalsymbol, mal als Ökosystem gesehen. Aber was gilt? Moderne Kunst gibt Aufschluss.

Es flammt und fackelt, die Lohe des Brandes leckt gierig die Baumstämme empor. Sein Feuerrot leuchtet in schauriger Schönheit durch das unschuldige Waldesgrün. Man meint es knacken, knistern, krachen zu hören, so heftig schlagen die Flammen durch den Forst. Auf der Videowand des belgischen Künstlers David Claerbout bleibt es bei einem stummen, visuell dafür aber umso dramatischeren Schauspiel. In der Kunst tritt der Brand auf der Stelle, in der Wirklichkeit eines knochentrockenen und heißen Sommers frisst er sich gerade durch Quadratkilometer Wald, von Berlin bis Brandenburg, von Südfrankreich bis in die USA, wahllos, unaufhaltsam. „Mythos Wald“: Die Kunsthalle Emden zeigt gerade Kunst zur Stunde – in bitterstem Sinn.

„O Täler weit, o Höhen, / O schöner grüner Wald“: Der Romantiker Joseph von Eichendorff hat einst jenen Sehnsuchtston angeschlagen, der immer noch durch das deutsche Kollektivbewusstsein klingt, wenn es um den Wald geht. Ob er als Naherholungsgebiet rubriziert oder als grüne Lunge geschätzt, von Wanderfreunden durchstreift oder von Umweltschützern besetzt wird – kaum ein anderer Naturraum scheint so mit Sehnsüchten, ja geradezu Obsessionen besetzt wie der Wald. Der Wald, das ist die Gegenwelt zur Zivilisation mit ihren Defiziten und Malaisen. „Die Seele wird vom Pflastertreten krumm. / Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern rede / und tauscht bei ihnen seine Seele um“, dichtete Kinderbuchklassiker Erich Kästner ebenso sehnsüchtig wie lakonisch im Ton.

Es scheint auf den ersten Blick ein wenig widersinnig zu sein, dass sich ausgerechnet die Kunsthalle in Emden dem Thema Wald zuwendet. Dichter Wald und die lichten Küstenstriche Ostfrieslands, das geht auf den ersten Blick nicht so recht zusammen. Das Ausstellungsprojekt überzeugt allerdings umso mehr, weil es zeigt, wie die Kunsthalle ihr Angebot modernisiert, weil thematisch aktuell zuspitzt. Wo früher gerade während der Sommersaison den Touristen die Sammlung Henri Nannens wie ein nostalgisch genossenes Wiedersehensfest mit alten Bilderfreunden angeboten worden ist, gibt es nun jedes Jahr eine Schau mit einem Titel, der mehr als ein flaues Motto ist: „Mythos Wald“ ohnehin nicht.

Denn Naturraum und Seelenschau finden sich in enger Symbiose, wenn es gerade in Deutschland um den Wald geht. Seit der Varusschlacht, die im Teutoburger Wald bei Osnabrück stattgefunden haben soll, gilt der Wald als Geburtszone deutschen Nationalgefühls. Wo Bäume dicht beieinanderstehen, Pilz und Farn wuchern, Moos den Boden deckt, verdichtet sich nicht nur das Grün zur Undurchdringlichkeit. Fest gefügt findet sich auch ein Amalgam aus romantischer Sehnsucht und politischem Sendungsbewusstsein. Der Wald ist Hallraum und Projektionsfläche zugleich – von den Wandervögeln bis zu Joseph Beuys, der 7000 Eichen pflanzen ließ und dem Bestsellerautor Peter Wohlleben, der Deutschen liebstem Wald- und Baumflüsterer.

Lisa Felicitas Mattheis, Direktorin der Kunsthalle Emden, führt ihre Besucher durch einen dicht besetzten Parcours, in dessen Verlauf die älteren Positionen der Sammlung nur eine Orientierungslinie bezeichnen. Wichtiger als die vertrauten Gemälde von Künstlern wie Oskar Schlemmer, Karl Schmidt-Rottluff oder Christian Rohlfs sind aktuelle Werke junger Künstlerinnen und Künstler, die das Thema Wald neu befragen. Anna Gaskell etwa lässt auf ihrem großformatigen Foto ein Mädchen mit verbundenen Augen durch den Laubwald tappen, während Daniel Gustav Cramer den Wald als undurchdringliche grüne Wildnis zeigt. Es scheint als würde der Wald von zeitgenössischen Künstlern wieder als rätselhafte Gegenwelt inszeniert. Brigitte Waldach macht aus dem Wald eine weiße Wipfelsilhouette auf schwarzem Grund, in die sie Sprachsplitter und Symbole einschreibt. Der Wald als Chiffre einer chaotisch verschlungenen Erinnerung – auch eine Lesart, die zu denken gibt.

Wer durch die Emder Räume wie durch eine Waldeinsamkeit der Kunst wandelt, merkt schnell, dass der Wald in unserer Zeit seine Selbstverständlichkeit verloren hat. Chauvinistisch aufgeladenes Nationalsymbol ist er ohnehin nicht mehr. Zugleich hat er aber auch die Selbstverständlichkeit eines Rückzugsgebietes verloren. Unterdessen flammt und lodert es auf der Videowand von David Claerbout weiter. Flammen schlagen durch den Wald – ein Desaster. Denn es scheint, als fräßen sie nicht nur grünende Natur, sondern gleich auch noch die deutsche Seele mit auf. Wohnt die nicht draußen, irgendwo zwischen Moos und Baumkrone?

Emden, Kunsthalle: Mythos Wald. Das Flüstern der Blätter. Bis 31. Oktober 2022. Di.-Fr., 10-17 Uhr, Sa., So., 11-17 Uhr. Zur Information über die Ausstellung geht es hier.

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