Hamburg  Vulva-Kette, Brüste-Beutel: Ist das wirklich Feminismus?

Julia Wadle
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Von Julia Wadle
| 05.08.2022 14:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Was kann dieses Shirt ändern? Foto: Imago images/ foto2press (Symbolbild)
Was kann dieses Shirt ändern? Foto: Imago images/ foto2press (Symbolbild)
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Verkommt der Feminismus zur popkulturellen Strömung? Während sich die Situation für Frauen nur langsam verbessert, gibt es an jeder Ecke Feminismus-Merchandise. Geht das noch zusammen?

Ohrringe in Vulvaform, Klitoris-Ketten und gehäkelte Brüste als Schlüsselanhänger: Wer auf Plattformen wie „Etsy“ nach weiblichen Reproduktionsorganen sucht, wird förmlich erschlagen. Es reihen sich Klitoris-Kuscheltiere an Makramees mit Vulvamotiv; die rosa Vulva-Seife für 18 Euro neben der angeblich anatomisch korrekten Vulva für rund 60 und dem Vulva-Malbuch für 18,45 Euro. Alles in sanften Flieder-, knalligen Pink-, gedeckten Erd- oder Goldtönen.

Auch in meinem Kleiderschrank sind T-Shirts mit der Aufschrift „Fight like a girl“ und „Destroy the patriarchy“ zu finden. Und ich muss zugeben, dass ich bei den ein oder anderen Stickern, Ketten oder Postern kurz überlegt habe, sie in den Warenkorb zu packen. Ich habe es nicht getan, denn dafür stößt mich das Konzept des Feminismus-Merchandise/Marketings zu sehr ab.

Fankleidung – ob vom Lieblingsmusiker, -film oder -verein – ist eine wunderbare Art, Identität auszudrücken und seine Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zu zeigen.

Feminismus ist aber kein Hobby, kein Erlebnis und auch keine lustige Inszenierung. Es ist die Einstellung, dass alle Menschen gleich sind. Dass Sexismus und die Diskriminierung von Frauen überwunden werden muss. Es geht um die gerechte Verteilung von Macht und Selbstbestimmung für alle.

Diese Ziele zu erreichen, kann bedeuten, den Chef wegen Belästigung bei der Personalabteilung zu melden, obwohl man Angst hat, dass einem nicht geglaubt wird und man seine Stelle verlieren könnte. Eine betrunkene Frau nach Hause zu bringen, damit niemand ihre hilfelose Situation ausnutzt.

Als Mann die Kollegin zu beglückwünschen, die statt einem selbst befördert wurde, statt zu lästern, sie hätte sich hochgeschlafen.

Oder für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und damit die Selbstbestimmung der Frau auf die Straße zu gehen. Kämpferische Akte gegen Unterdrückung und Unterdrücker und echte Solidarität braucht der Feminismus – keine Vulva-Ausstecher mit heraushängenden Vulva-Lippen (kein Witz, kosten nur sechs Euro).

Dass Feminismus-Merch für manche Frauen einen empowernden Charakter hat, kann ich durchaus verstehen. Doch beschleicht mich bei vielen Produkten das Gefühl, es geht nicht um Gerechtigkeit, sondern um Geldmache. Damit ist keiner Frau geholfen – außer vielleicht jener, die das Produkt verkauft. Immerhin. Eine Vulvakette hat noch keinen (männlichen) Chef dazu gebracht, sich gegen den Gender Pay Gap einzusetzen.

Auch außerhalb von Kleidung, Accessoires und Wohndeko mag es Fälle von „Feminismus-Washing“ geben, in denen sich Unternehmen politisch engagierter darstellen als sie sind. Doch ich wage zu postulieren, dass die Physiker-Barbie oder die weibliche 007 in den Bond-Filmen mehr für den Feminismus getan haben als alle T-Shirts zusammen. Vorbilder, die Mädchen und Frauen dazu ermutigen, alles zu tun, was sie möchten, kann es nie genug geben.

Der Pride Month ist gerade zu Ende gegangen, die Regenbogenflaggen wurden abgenommen und die „Pride“-Kleidung wieder im Schrank verstaut fürs nächste Jahr. Dieses Pinkwashing aus Kommerzgründen, das die LGBTQIA+-Community zu Recht seit Jahren beklagt, droht auch den Feminismus zu ereilen. Für Geld oder Instagram-Likes werden Titten-Taschen verkauft beziehungsweise getragen, um woke rüberzukommen.

Die österreichische Journalistin Beate Hausbichler schreibt in ihrem Buch „Der verkaufte Feminismus“, dass sich „markttauglicher Feminismus“ dadurch auszeichne, dass er in die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Arbeitswelt und unsere Beziehungen hineinpasse. Bloß keine schlechte Stimmung verbreiten, sei die Devise. Genau das ist das Problem.

Meine Sorge ist nicht, dass überteuerte Klitoris-Seifen dem Feminismus schaden. Schließlich könnte man meine Argumentation mit einem „Ich kann Feminismus-Artikel mögen UND feministisch handeln“ kontern. Mich treibt die Angst, dass das Merchandising-Produkt das Mindset nicht zum Ausdruck bringt, sondern ersetzt. Dass Klitoris-Ohrringe vom Kampf ablenken. Dass Boobie-Beutel uns den Glauben schenken, wir hätten schon genug getan. Feminismus droht zu einem Label zu verkommen, das Progressivität ausdrückt, statt ihn zu leben.

Auf Etsy bin ich übrigens doch noch fast schwach geworden. Das Objekt meiner Begierde: Ein T-Shirt mit der Aufschrift „Pay me like a white man“. Doch bis es soweit ist, spare ich lieber mein Geld.

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