Materiallisten für Erstklässler Wie sehr der Schulstart ins Geld geht
Ende August beginnt für zahlreiche Erstklässler in Ostfriesland der Schulalltag. Was das finanziell für ihre Eltern bedeutet, haben Betroffene und Experten erzählt.
Ostfriesland - Den Schulranzen hat Cecilia natürlich schon. „Er ist lila und es sind Einhörner drauf“, erzählt sie. Auf dem T-Shirt des Mädchens ist ebenfalls ein Einhorn zu sehen. Auch die Materialien für den ersten Schultag hat Cecilias Mutter Nadine Freytag bereits besorgt. Gut 450 Euro hat sie für den Start ihrer Tochter ins Schulleben ungefähr bezahlt. Viel Geld für die Alleinerziehende, die seit einigen Monaten arbeitslos ist. Die Ranzen habe sie von einer karitativen Einrichtung gestiftet bekommen. „Ich hatte schon damit gerechnet, dass es vielwird. Aber so viel hat mich schon überrascht“, sagt sie.
Was und warum
Darum geht es: Der Schulstart steht bevor. Auf Eltern von Erstklässler kommen hohe Kosten vor. Es gibt Hilfe, aber wenige Ausnahmen.
Vor allem interessant für: Eltern und Großeltern
Deshalb berichten wir: Der Schulstart ist Ende August. Wir haben uns gefragt, warum so viel auf den Materiallisten der Schulen stehen. Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de
Sportkleidung, Turnschuhe, Mappen, Stifte, Hefte, Tuschkasten, Hausschuhe, Anspitzer, Lineal – gut 30 Posten werden in dem Schreiben der Schule aufgezählt. Teilweise werden bei den Materialien konkrete Marken angegeben. Daran will sich Freytag halten. „Man will für sein Kind ja nur das Beste“, sagt sie. Auch bei anderen Gegenständen, wie Stiften oder Turnschuhen will sie auf die Marke setzen. „Kinder brauchen gute Schuhe“, sagt sie. Außerdem würden andere Kinder auch untereinander schauen, welche Marken die Mitschüler dabei haben. „Beim Anspitzer oder anderen Sachen darf es aber auch die billige Variante sein“, sagt sie. Da wäge sie ab.
Ordnung vermitteln
Waltraud Giere kennt diese Listen nur zu gut. Jahrelang hat die Lehrerin sie selbst verfasst. Seit diesem Sommer ist die ehemalige Leiterin der Ludgeri-Grundschule in Leer in Pension. Die Listen sind für sie ein gut durchdachtes System. Bei jedem Posten kann sie im Gespräch erklären, warum es gerade so sinnvoll ist. „Die Schülerinnen und Schüler bekommen damit vermittelt, wie und das sie Ordnung halten müssen“, sagt sie. Dass es viel ist, weiß die Lehrerin. „Bei Erstklässlern ist es sehr viel. Das wird in den folgenden Klassen weniger“, sagt sie. Auch müssten viele Gegenstände, wie der Anspitzer, der Tuschkasten oder verschiedene Mappen nur einmal angeschafft werden. „Bei guter Pflege halten die alle vier Grundschuljahre“, sagt Giere. Sie bemängelt, dass die Kinder den Wert der Gegenstände nicht vermittelt bekommen. „Ich habe ein Kind beobachtet, dass ein Lineal zerbrochen hat und dann gesagt hat: ,Papa kauft mir ein Neues.‘ So lernen Kinder aber den Wert von Gegenständen nicht“, sagt sie.
Auf Marken legt sie wiederum keinen Wert, wohl aber auf Qualität. „Nur weil etwas beim Discounter im Angebot ist, sollte es nicht einfach gekauft werden“, sagt sie. Besser sei es, akribisch die Materialliste abzuarbeiten und auch für jedes Kinder altersentsprechend die Materialien zu kaufen. Häufig habe sie erlebt, dass es Kindern am ersten Schultag dann an Materialien gefehlt habe. Das sei kein schöner Start in das Schulleben, meint Giere. Beschwerden, dass es teuer und umfangreich sei, habe sie aber selten gehört. Die Eltern wollten es sich aber auch nicht gleich mit den Lehrern ihrer Kinder verscherzen, meint sie lächelnd.
Keine Hilfe für Erstklässler-Eltern
Menschen mit gar keinem Einkommen wie Nadine Freytag können sich ans Jobcenter wenden. Dort wird eine Schulbedarfspauschale ausgezahlt. Die liegt nach Angaben der Arbeitslosenselbsthilfe in Leer bei 104 Euro für das erste Halbjahr und bei 52 Euro im zweiten Halbjahr. Erstklässler bekommen keine Extra-Finanzspritze von den Ämtern. Man sei schon froh, dass es überhaupt Unterstützung für den Schulbedarf gebe, sagt Rikus Kolthoff von der Arbeitslosenselbsthilfe. „Bei der Einführung von Hartz IV gab es nicht einmal das. Wir haben dafür gekämpft, dass es da Verbesserungen gibt“, sagt er.
Was viele Eltern mit Förderberechtigung nicht wüssten, sei, dass die Schulbücher und Arbeitshefte, die die Kinder in der Schule bräuchten, ebenfalls vom Jobcenter bezahlt werden würden. Darauf weist der Verein in einer Pressemitteilung hin. Das Geld für die Arbeitshefte mit ISBN-Nummer könne extra abgerufen werden.
Schulen wünschen auch Marken
Eingekauft werden die Materialien und Bücher dann von vielen Menschen in Schreibwarenläden, wie der Bücherstube Plenter in Leer oder der Bücherstube am Rathaus in Emden. Buchhändlerin Marianne Wübbena ist Inhaberin beider Geschäfte und betreut seit Jahren den Schulanfang. Derzeit ist in ihren Geschäften viel los. Aufgefallen sei ihr schon, dass die Listen länger geworden sind. „Auch werden von den Schulen Marken gewünscht“, sagt sie. Unterschiede gebe es zwischen Land und Stadt, aber auch zwischen Emden und Leer. „Auf dem Land werden eher traditionellere Materialien und Arbeitshefte verlangt“, sagt Wübbena.
Der siebenjährigen Cecilia Freytag ist das egal. Sie hat ihren Ranzen gepackt und freut sich schon auf die Schule.