Osnabrück Anna Jehle: Wie divers sind wir heute wirklich?
Rückzug aus der Gesellschaft oder Aufbruch zu neuer Teilhabe? Anna Jehle, Direktorin der Kunsthalle Osnabrück, erklärt, warum Romantik uns wieder interessieren sollte - ganz ohne Kitsch und Klischee.
Frage: Sie haben gemeinsam mit Ihrer Kollegin Juliane Schickedanz Romantik als Jahresthema 2022 ausgewählt. Warum haben Sie sich dafür entschieden? Leben wir nicht in einer ziemlich unromantischen Zeit?
Antwort: Wir arbeiten grundsätzlich mit Jahresthemen, weil wir unseren Besucherinnen ein gesellschaftspolitisches Thema anbieten möchten. Alle können sich mit dem Thema Romantik individuell verbinden, da alle eine Vorstellung davon haben, was für ihn Familie oder Beziehung bedeutet. Außerdem haben fast alle in der Schule schon einmal etwas von der Epoche der Romantik gehört. Wir haben in den letzten Jahren beobachtet, dass die Bildwelten der Romantik zurückkommen. Das lässt sich gerade in den digitalen Medien beobachten. So werden romantische Motive beispielsweise in Memes verwendet, um rechte Hetze zu verharmlosen. Wir finden romantische Motive aber auch in einem Format wie Cottagecore verwendet, in dem sich Frauen ländlich inszenieren. Romantik ist immer und wieder ein Thema. Es gibt eine neue Art, sich diese Bildwelten anzueignen.
Frage: Und das gerade in sozialen Netzwerken?
Antwort: Absolut, ja. Aber auch im Stadtraum können wir die Spuren der Romantik entdecken. Einige Beobachterinnen der Hygiene Demonstrationen haben den esoterischen Backlash der Impfgegnerinnen auf ein Erbe der Romantik zurückgeführt. In der Form einer dritten Lebensreformbewegung sozusagen. Wir wollten diese und weitere Fragen gern an Künstlerinnen weitergeben, die sich explizit mit der Romantik als Epoche beschäftigen, aber auch an solche, die einen weiteren Begriff von Romantik bedienen. Gibt es eine neue Konjunktur der Romantik?
Frage: Sonnenuntergang und Dinner bei Kerzenschein: Romantik wirkt heute eher wie eine Ansammlung von Klischees. Trotzdem ist die Romantik für Sie weiter produktiv?
Antwort: Unbedingt, ja. Die Romantik war eine ambivalente Epoche. Zum einen gab es die bürgerliche Sinnsuche. Auch die ersten Kunstvereine wurden gegründet. Diese Epoche hat viel möglich gemacht, auch frühe Formen von Diversitätsversprechen. Romantik endete allerdings auch nationalistisch mit Rückgriffen auf das Mittelalter. Ich finde, dass wir heute in einer ähnlich ambivalenten Situation sind. Wir sehen vermehrt Bilder neuer Lebensentwürfe. Davon sollten wir uns aber nicht täuschen lassen, den zeitgleich gibt es wieder Rückbezüge auf Traditionen, weil die Gesellschaft von enormer Verunsicherung geprägt ist, gerade durch Migration und Klimakrise. Viele Leute machen zu, suchen den Rückzug aus der Gesellschaft.
Frage: Romantik ist doppeldeutig - Nostalgie und Aufbruch, nicht?
Antwort: Genau das finden wir interessant. Auch ohne Gegenwart und Vergangenheit linear in Beziehung setzen zu wollen - die jeweiligen Prozesse von Industrialisierung und Digitalisierung lassen schon Vergleiche zu.
Frage: Sie haben von Diversität gesprochen. In der Romantik finden wir frühe Formen davon, zugleich neue Formen von Beziehungen. Liegt darin ein Vorbild für unsere Zeit?
Antwort: Es sind ja Themen wie Liebesheirat oder die Öffnung der Erotik, die zeigen, wie sich Gesellschaft weiter entwickelt. Denken Sie auch an die Salons, die als eine neue Form von Geselligkeit entstehen. Auch Frauen werden dabei erstmals zugelassen. Aus heutiger Sicht fragen wir aber, wer davon ausgeschlossen war und wann diese Modelle wieder gekippt sind. Wie divers sind wir? Wie ist Teilhabe möglich? Solche Fragen können wir mit Blick auf die Romantik stellen, gerade auch als Institution des kulturellen Lebens.
Frage: Die Romantik traute der Kunst die Möglichkeit zu, Widersprüche einer Gegenwart zu heilen. In diesem Sinn einer neuen Synthese ist zuletzt ja auch die Kunst von Joseph Beuys diskutiert worden. Spielt dieser Gedanke bei Ihrem Jahresprojekt eine Rolle?
Antwort: Kunst ist Teil einer gesellschaftlichen Debatte. Sie kann Fragen stellen und Räume für den Diskurs eröffnen. Sie kann aber keine heilbringenden Antworten auf die Probleme der Welt formulieren. Das gilt auch für unsere Sicht auf Beuys.
Frage: Welche Rolle spielen dabei für Sie die Künstler? Haben Sie das Thema der Romantik Künstlern nahegebracht oder dieses Thema in der Kunstszene bereits beobachtet?
Antwort: Wir arbeiten so, dass wir aus unseren Beobachtungen und Analysen heraus Themen entwickeln. Dieses Thema geben wir an jene Künstlerinnen weiter, deren Praxis mit den Fragestellungen in Verbindung steht. In der Romantik etabliert sich zum Beispiel der Typus des Künstlers als Genius. Die jetzt in Osnabrück präsentierten Arbeiten von Anna Haifisch zeigen zum Beispiel, wie der zeitgenössische Künstler an dieser Vorstellung immer noch scheitert. Dieser Beitrag zeigt sehr gut, wie Künstlerinnen auf unsere Themensetzungen antworten. Wir wissen, wie und woran die eingeladenen Künstlerinnen arbeiten, entwickeln dann aber gemeinsam, was es konkret für Osnabrück sein kann.
Frage: Haben sich die Künstler auf bestimmte Aspekte der Romantik bezogen?
Antwort: Wir sprechen mit den Künstlerinnen darüber, warum wir sie in diesem Feld der Romantik sehen. Nehmen wir das Forum demokratische Kultur und zeitgenössische Kunst, die zu Themen der Romantik und dabei vor allem zur Kontinuität von Antisemitismus geforscht haben. Bei anderen Künstlerinnen ist es vielleicht weniger offensichtlich. Beispielsweise wenn wir sie aufgrund ihrer Forschung zu Queerness eingeladen haben. Kann Queerness nicht vielleicht eine andere Perspektive auf Romantik werfen? Die Ausstellungen gemeinsam können einen Dialog inszenieren, der Themen rund um die Romantik vermittelt.
Frage: Während der Proteste der Querdenker gegen die Corona-Politik ist kritisch gefragt worden, ob es eine Verbindung etwa von Novalis zu den Impfgegnern gibt. Spielte diese Frage für Sie eine Rolle?
Antwort: Es scheint klar zu sein, dass es bestimmte Bezüge von der Romantik bis ins Heute gibt, allerdings keine lineare Herleitung. Dafür war diese Epoche viel zu heterogen. Aber steile Behauptungen aufzustellen - was ja in der Kunst durchaus erlaubt ist - halte ich für produktiv.
Frage: Was sagt Ihnen persönlich Romantik? Welches Verhältnis haben Sie dazu?
Antwort: Ich sehe die Bildwelten der Romantik mit einer gewissen Skepsis. Gerade deshalb wollte ich genauer wissen, was die Romantiker angetrieben hat. Ich habe Romantik immer als etwas gesehen, was als Kitsch abgetan wurde. Die Epoche bezieht sich aber nicht nur auf Kunst oder Literatur. Romantik ist nie ohne ihre politischen Dimensionen zu verstehen. Wir hatten Lust, uns diese Bildwelten noch einmal neu und kritisch zu erschließen.
Frage: Wie sollen die Besucher das Thema Romantik in der Kunsthalle Osnabrück verstehen?
Antwort: Viele Besucherinnen denken vielleicht an das, was für sie Romantik ist, etwa das Dinner bei Kerzenschein. Aber warum genau finden wir es romantisch sich im Dunkeln mit einem Wachsstab in der Mitte gegenüberzusitzen? Wir haben diese und ähnliche Erfahrungen auch mit dem Team diskutiert. Wir alle hatten ungefähr gleiche Vorstellungen von dem, was für uns romantisch ist. Und diese sind noch immer stark von den Bildwelten der Romantiker aus dem 17. und 18. Jahrhundert geprägt. Den Besucherinnen wird es wohl ähnlich gehen. Es geht dabei auch um gemischte Gefühle, etwa wenn man eine Reihe von Häusern sieht, wie bei der Ausstellung Inside von Hannah Quinlan und Rosie Hastings. Das Haus wird weithin mit Sicherheit und Wärme assoziiert. Genau dieses Gefühl wird in der Installation gebrochen. Auch in der Ausstellung von Gabriella Hirst, einem Garten im Innenhof der Kunsthalle entdeckt man auf den zweiten Blick, dass den schönen Pflanzen durch ihre Benennungen Gewalt und Krieg eingeschrieben sind und Natur nicht mehr nur harmlos ist. Ich verweise auch auf die Zeichnungen von Anna Haifisch, die zeigen, wie eine idyllische Stadt wie Osnabrück nicht nur heimelig, sondern auch ausschließend und melancholisch sein kann. Die Kunst bietet Möglichkeiten, sich mit den eigenen Vorstellungen von Romantik zu beschäftigen.
Frage: Das Jahresthema Romantik ist mit den aktuellen Ausstellungen noch nicht erschöpft. Was darf der Besucher weiter erwarten?
Antwort: Das Projekt von Irène Mélix zur queeren Geschichte Osnabrücks entfaltet sich über die Ausstellungslaufzeit. In der Kunsthalle hat sie einen Briefkasten zur Beantwortung queerer, historischer Kontaktanzeigen aufgestellt. Dahinter verbirgt sich ein ganzes Programm mit Workshops und Stadtrundgängen. Ab November erwarten wir noch Cemile Sahin, die in der Kirche der Kunsthalle ausstellen wird. Ihre Neuproduktion behandelt das Thema Wasser und wie Wasser zu einer Waffe im Krieg werden kann. Andrzej Steinbach wird zeitgleich im Neubau ausstellen. Er zeigt in seinen Fotografien, wie sich Identität und Bildgedächtnis vermitteln. Steinbach macht auch klar, wie unsicher die Zuschreibung von Identität sein kann.
Frage: Was wird das nächste Jahresthema 2023 sein?
Antwort: Wir feiern 30 Jahre Kunsthalle. Wir wollen ein Jahr lang feiern und dabei fragen, was die Kunsthalle war und was sie in Zukunft sein kann. Es wird ein intensives Jahr sein. Das sei schon einmal versprochen.