Engpass bei Medikamenten Ausverkauft – Husten- und Fiebersäfte für Kinder knapp
Apotheker haben es nicht leicht, weil immer mal wieder Medikamente nicht geliefert werden. Wo es hakt und welche Mittel derzeit besonders betroffen sind.
Ostfriesland - Wenn Kinder husten, greifen Eltern gern und schnell zum Hustensaft, um bei den Kleinen für Linderung zu sorgen. Doch der ist aktuell nicht in jeder Apotheke zu bekommen. „Es ist zurzeit schwierig, an manche Medikamente heranzukommen“, bestätigt Apothekerin Katharina Raschke von der Hirsch-Apotheke in Leer im Gespräch mit dieser Zeitung. Husten- und Fiebersäfte für Kinder auf Basis der Wirkstoffe Paracetamol und Ibuprofen fielen unter diese Kategorie. „Wenn wir bestellen wollen, sehen wir auf dem Bildschirm oft nur rote Punkte“, berichtet auch Rena Löschen, Apothekerin bei der Fürstlichen Hof-Apotheke in Aurich. Diese stünden für „nicht lieferbar“.
War es im Frühjahr noch der Wirkstoff Tamoxifen zur Behandlung von Brustkrebs, der kaum noch verfügbar war, sind es derzeit Medikamente auf Basis von Paracetamol und Ibuprofen, die schwer zu kriegen sind. „Die Zeiten, zu denen alle Medikamente ständig in der benötigten Menge verfügbar waren, sind fürs Erste vorbei“, sagt Dr. Florian Penner, stellvertretender Vorsitzender des Bezirks Emden des Landesapothekerverbandes Niedersachsen und Inhaber der Löwen-Apotheke in Emden. Auch er bestätigt den Engpass bei Husten- und Fiebersäften für Kinder, warnt aber auch davor, jetzt in Panik zu verfallen. „Soweit sind wir noch nicht. Das Schlimmste, was jetzt passieren könnte, wäre, wenn Eltern und auch Apotheker mit dem Hamstern dieser Medikamente beginnen würden.“
Säfte selbst herstellen
Die Medikamente seien zwar nicht wie gewünscht zu bekommen, aber zumindest beim Husten gebe es Alternativen, auf die Eltern umsteigen könnten. Beim Fieber sei das zwar ein wenig schwieriger, aber auch hier gebe es mit Zäpfchen eine andere Darreichungsform. Zur Not lasse sich aus Tabletten mit dem nötigen Knowhow, das in Apotheken vorhanden sei, auch ein Saft herstellen. Auch Apothekerin Raschke sieht keinen Notstand. „Wir müssen halt kreativ werden. Manchmal hilft es schon, auf andere Stärken oder Dosierungen auszuweichen“, sagt sie. Im Notfall könnten Apotheken die Säfte selbst herstellen, verweist auch sie auf die Kompetenz der Apotheker, Säfte selbst herzustellen. „So etwas muss allerdings personell von uns geleistet werden können und es muss adäquat vergütet werden“, ergänzt Penner.
Und damit ist der Punkt erreicht, der dem stellvertretenden Verbandsvorsitzenden zufolge bei der aktuellen Medikamentenknappheit eine zentrale Rolle spielt. „Paracetamolsaft kostet 3,14 Euro. Das ist relativ wenig“, erläutert Penner. Von den ursprünglich fünf Herstellern der Säfte hätten sich mittlerweile drei ganz aus dem Markt verabschiedet, weil es sich offenbar für sie nicht lohnt – der letzte gerade erst Anfang Mai. Die zwei verbleibenden Unternehmen könnten oder wollten ihre Produktion nicht so schnell hochfahren, um dies auszugleichen. Die daraufhin erhöhte Nachfrage nach Ibuprofen habe auch hier die Kapazitäten überstiegen, zumal auch noch ein Wirkstoffhersteller zusätzlich ausgefallen sei. Werde dann noch Corona und die hohe Zahl der Erkältungserkrankungen in diesem Sommer in Betracht gezogen, erkläre sich der Mangel fast von selbst.
Fluch der Globalisierung
Mit der Globalisierung gebe es einen weiteren Faktor, der von Zeit zu Zeit Medikamentenmangel verursache. „Wenn aus Kostengründen nur noch in Asien produziert wird, müssen die Lieferketten intakt bleiben. Sobald es hier Störungen gibt, wie etwa durch wegen Corona geschlossener Häfen oder Fabriken in China, spüren wir das in Deutschland“, weiß Penner. Und wenn die Produktion wieder angelaufen und die Häfen wieder offen seien, dauere es noch seine Zeit, bis die Produkte in Europa eintreffen.
Verärgert ist Penner über vereinzelte schwarze Schafe unter Apothekern, die große Mengen der Präparate bestellen würden, wenn diese verfügbar seien, um sie dann zu deutlich höheren Preisen ins Ausland zu verkaufen. Das ist unanständig. „Sowas macht man nicht“, betont der Apotheker. Aber auch das sei Folge einer Gesundheitspolitik, die über viele Jahre hinweg ihre Priorität zu stark auf niedrige Medikamentenpreise gesetzt habe. „Wenn die Firmen nichts mehr verdienen, können wir sie nicht zur Produktion zwingen.“
Lieferengpässe gibt es auch bei anderen Medikamenten wie Blutdrucksenkern oder einzelnen Antibiotika immer mal wieder. „Der Fluch der Globalisierung“, wie Penner sagt. Dennoch geht er davon aus, dass „wir das schon irgendwie hinkriegen“. Und die Kunden? „Die freuen sich mittlerweile schon, wenn sie dann doch noch etwas bekommen“, berichtet Raschke. Deutschland im Jahr 2022.