Rotarmisten im Emslandlager  Annäherung an ein unglaubliches Verbrechen

Mirco Moormann
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Von Mirco Moormann
| 29.07.2022 16:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Martin Koers zeigt eine Schatulle, die von Kriegsgefangenen in den Emslandlagern gefertigt wurde. Foto: Moormann
Martin Koers zeigt eine Schatulle, die von Kriegsgefangenen in den Emslandlagern gefertigt wurde. Foto: Moormann
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Sie sind erst ausgebeutet und dann zu Tode gefoltert worden oder verhungert: sowjetische Gefangene in den Emslandlagern. Eine Ausstellung in Esterwegen beschäftigt sich nun mit ihrem Schicksal.

Esterwegen - Damals kämpften sie Seite an Seite gegen Nazi-Deutschland, heute stehen sie sich im Krieg gegenüber: Bis zu 20.000 Soldaten aus Russland und der Ukraine waren Häftlinge in den Emslandlagern. Nun befasst sich eine Ausstellung in der Gedenkstätte Esterwegen mit dem Schicksal der Menschen – und was von ihnen hier geblieben ist.

Die Ausstellung „Dimensionen eines Verbrechens. Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg“ zeigt chronologisch, wie die Nazis mit den Menschen, die sie seit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 gefangen genommen hatten, umgangen sind. Unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt, der Verelendung und dem Hungertod ausgesetzt, starben von den knapp sechs Millionen Gefangenen der Roten Armee am Ende mehr als drei Millionen. Auch auf die Tausenden in den Lagern im Emsland internierten Soldaten wartete das gleiche Schicksal.

Anfragen aus der ganzen Welt

Wie Martin Koers, Co-Leiter der Gedenkstätte Esterwegen, bei einem Rundgang durch die neue Ausstellung berichtet, waren es zwischen 16.000 und 20.000 Menschen aus der Sowjetunion, die in den Emslandlagern gefangen waren. „Wir arbeiten noch daran, alle Daten aus dem Emsland auszuwerten, um eine genauere Zahl zu ermitteln“, so Koers. Zudem würden auch Anfragen aus der ganzen Welt bezüglich des Verbleibs der im Emsland Inhaftierten bearbeitet.

Die Gefangenen mussten harte Arbeit im Moor und in der Landwirtschaft verrichten, und sie wurden auch für den Bergbau im Ruhrgebiet eingesetzt. Besonders perfide: „Wenn die Arbeiter unter Tage nicht mehr benötigt wurden, weil sie zu schwach waren, wurden sie ins Emsland zurückgebracht“, erklärt Koers. „Dann kamen sie in die Lager nach Wesuwe oder Wietmarschen, um dort zu sterben.“

Wanderausstellung in Berlin

Die zweisprachige Wanderausstellung, die anlässlich des 80. Jahrestags des Überfalls auf die Sowjetunion 2021 im Museum Berlin-Karlshorst von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnet wurde, zeigt die vielfältigen Schicksalswege der sowjetischen Kriegsgefangenen, zum Teil auch personalisiert. „Zwei Drittel der Gefangenen stammten aus dem heutigen Russland, 20 Prozent aus der Ukraine“, so Koers.

Auch in den Emslandlagern und zahlreichen regionalen und überregionalen Arbeitskommandos starben zwischen 1941 und 1945 Tausende Kriegsgefangene aus den 15 Teilrepubliken der ehemaligen Sowjetunion. Im Emsland und in der Grafschaft Bentheim zeugen die „Lagerfriedhöfe“ der Lager in Esterwegen, Dalum, Oberlangen, Wesuwe, Versen, Fullen, Groß Hesepe, Wietmarschen/Füchtenfeld, Bathorn und Alexisdorf/Neugnadenfeld noch heute von diesen Verbrechen der Wehrmacht.

Leihgaben werden gesucht

In Esterwegen ist die Ausstellung erweitert worden, wie Koers erklärt. Es gibt Glasvitrinen, die unter anderem Nähkörbchen zeigen. „Diese mit einfachsten Werkzeugen und großer Fertigkeit zumeist aus Holz oder Stroh, selten aus Metall gefertigten Gegenstände tauschten die Gefangenen beim Lagerpersonal oder an ihren Arbeitsstellen in der Zwangsarbeit gegen Lebensmittel“, so Koers. Zum Teil hätten die Kriegsgefangenen auch selbst gefertigte Dinge als Dank für heimlich zugesteckte Lebensmittel und andere Zuwendungen verschenkt.

Ein besonderer Dank gehe deshalb an die Leihgeber dieser Exponate, den Heimatverein Wietmarschen und den Verein Lagerbaracke Alexisdorf-Neugnadenfeld. In diesem Zusammenhang bittet Koers darum, dass sich Bürger, die solche Arbeiten oder andere Andenken an die sowjetischen Gefangenen noch besitzen, bei der Gedenkstätte in Esterwegen melden.

Sie könnten als Leihgabe ebenfalls Teil der Ausstellung, die noch bis zum 14. Dezember 2022 zu sehen ist, werden.

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