Osnabrück Axel Petermann: Deshalb fasziniert True Crime vor allem Frauen
Geschichten über wahre Verbrechen liegen seit Jahren im Trend. Einen erheblichen Anteil daran hat Axel Petermann, der sich mit diversen Büchern und TV-Formaten dem Thema gewidmet hat. Im Interview erklärt der langjährige Profiler und ehemalige Leiter der Bremer Mordkommission unter anderem, warum „True Crime” vor allem Frauen fasziniert:
Frage: Herr Petermann, Sie sind ja seit vielen Jahren mit True-Crime-Büchern und TV-Formaten erfolgreich. Was fasziniert die Menschen so sehr an diesem Genre? Ist es die Gewissheit, dass sich das Verbrechen tatsächlich so zugetragen hat? Der Blick in die Verbrecherseele?
Antwort: Es sind sicherlich mannigfaltige Gründe. Sie haben diese ja zum Teil bereits erwähnt: der Blick in die Verbrecherseele, die Gewissheit, dass sich die Taten tatsächlich zugetragen haben und nicht von Autoren erdacht wurden. Aber sicherlich auch die Möglichkeit, auf diese Weise Einblick in Motive, Fantasien, Moralvorstellungen sowie Lebensformen und Milieus zu bekommen, die einem sonst verborgen blieben. Das geht sicherlich mit einem berührenden Gruseln und Frösteln einher. Am besten, wenn die Verbrechen ganz weit weg geschahen und Fremde die Protagonisten, sei es als Täter oder Opfer, waren.
Frage: Welche Erfahrungen machen Sie bei Ihren Lesungen? Was interessiert die Leute ganz besonders?
Antwort: Es sind zum einen die Fälle, die die Menschen aus den Medien kennen oder bei denen es sich um monströse Taten handelt. Ich spüre beim Erzählen und Lesen von den Verbrechen die Betroffenheit, wenn es um das Leid der Opfer geht, die Freude, wenn das Gute über das Böse obsiegt und der Täter überführt wurde. Häufig ist es wirklich so, dass ich eine zu Boden fallende Stecknadel hören könnte oder meine Zuschauer zum Pausenbeginn oder am Ende der Veranstaltung erst einmal sitzen bleiben, um das Gehörte verarbeiten zu können. Eine besondere Stille stellt sich bei meinen Lesungen jedoch ein, wenn ich die Täter sprechen lasse und über ihre bizarren Fantasien berichte. Allerdings muss ich dabei aufpassen, dass ich diese Schilderungen nicht zu detailliert vorstelle; das überfordert. Deshalb baue ich bei den Lesungen immer wieder Inseln der Ruhe ein, in denen ich aus meiner Biografie berichte oder meine Vorgehensweise bei den Ermittlungen beschreibe.
Frage: Haben Sie mal ein Beispiel für besondere Betroffenheit?
Antwort: Als ich letztes Jahr in meinem Buch „Im Auftrag der Toten” die ungeklärten Verbrechen an zwei jungen Mädchen, bekannt als die Kristallhöhlenmorde, am Tatort in der Schweiz vorstellte, war die Betroffenheit bei den Zuhörern ganz besonders zu spüren. Wegen des großen Interesses musste ich sogar zwei Lesungen vor einem sehr gemischten Publikum geben: Zum einen waren es Frauen, die zur Tatzeit selbst im Alter der beiden Opfer waren und immer noch die Angst in sich spürten, auch sie hätten ermordet werden können. Andererseits waren es Männer, die sich in meinen Beschreibungen als mutmaßliche Täter wiedererkannt fühlten. Ganz besonders ist mir der Auftritt eines 80-jährigen Mannes in Erinnerung geblieben. Er hatte mich bei meinen Recherchen unterstützt, auf der Suche nach den Verstecken der Leichen jedoch in Lebensgefahr gebracht; was er natürlich nicht wahrhaben wollte. Nach meiner ersten Lesung war er voller Wut aufgesprungen, hatte mich beschimpft und dem verdutzten Publikum erklärt, er sei natürlich nicht der Mörder. Eine Anschuldigung, die ich natürlich nicht aufgestellt hatte, was für ihn aufgrund seiner Betroffenheit jedoch so schien. Noch heute, also ein Jahr nach den Lesungen, erreichen mich immer noch Schreiben aus der Schweiz, die zeigen, wie sehr das Verbrechen im Bewusstsein der Menschen in der Region ist.
Frage: Gibt es häufiger so heftige Reaktionen?
Antwort: Vielleicht noch eine andere Episode, an die ich denken muss. Als ich über den angeblichen Folterskandal in der Bremer JVA berichtete und beschrieb, wie die Täter ihr Opfer gequält und an den Fußnägeln verletzt hatten, fielen doch tatsächlich zwei Frauen in Ohnmacht. Die Kraft der Bilder war offensichtlich für sie nicht auszuhalten gewesen. Seither verzichte ich auf diese Passagen.
Frage: Es heißt, dass vor allem Frauen von True Crime fasziniert sind. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Antwort: Dieses Phänomen stelle ich auch bei meinen Lesungen fest. Fast immer kommen viel mehr Frauen in meine Veranstaltungen als Männer. Manche Begleiter waren nur dabei, wie sie mir sagten, um ihre Partnerinnen nach den Veranstaltungen auf dem Nachhauseweg zu beschützen, oder weil sie als Fahrer „eingesetzt“ waren.
Antwort: Letztendlich ist es ein Widerspruch zur Realität, denn die meisten Gewaltverbrechen werden von Männern begangen. In neun von zehn Fällen töten Männer Männer; in seltenen Fällen auch ihre (Ex-)Partnerinnern bei Trennungskonflikten. Natürlich töten auch Frauen, doch es sind eher spezifische Taten wie häusliche Gewalt, in Kliniken, Altenheimen, um nur einige Beispiele zu nennen.
Antwort: Aber weshalb der große Unterschied beim Lesen von True Crime oder fiktiven Kriminalgeschichten? Vermutlich liegt das unterschiedliche Interesse von Frauen und Männern darin begründet, dass Frauen durch ihre Sozialisation, ihre Rolle als Mutter auch größere Emotionen und Sympathie als Männer entwickeln, mit den Opfern mitfühlen und deren Leid auf sich übertragen. Sie leiden mit. Sicherlich hat ihr Interesse nichts mit einer Form von stiller „Blutrünstigkeit“ oder der Suche nach Sensationen zu tun.
Frage: Würden Sie sagen, dass es wahre Verbrechen gibt, die man keinem Krimi-Drehbuchautor abnehmen würde?
Antwort: Ja, das denke ich immer wieder. Und gleich kommen mir bei Ihrer Frage mehrere Verbrechen in den Sinn, die so monströs sind, dass auch ich bei den Ermittlungen Schwierigkeiten hatte, die Motivlage der Täter zu verstehen. Was muss in dem Kopf eines Mörders vorgehen, der seiner Geliebten vorspiegelt, mit ihr unbeschwerte Tage an der See zu verbringen, wohlwissend, dass ihre gemeinsame Tour dorthin ihr Ende bedeuten wird, da ein selbstgebautes mobiles Krematorium auf der Ladefläche ihres Autos dazu dienen soll, sie nach den geplanten Mord zu verbrennen?
Antwort: Oder wie konnten sich die Fantasien von Serienmördern entwickeln, die ihre Opfer vor deren Tötung auf unbeschreibliche Weise quälten und missbrauchten, um drehbuchgleich zu realisieren, ob ihre bei den Taten ausgelebten Gewaltfantasien noch „schöner“ seien als ihr Kopfkino.
Frage: Könnte es sein, dass True Crime dazu beiträgt, dass die Menschen mehr Angst vor Verbrechen haben, obwohl deren Zahl eigentlich seit Jahren rückläufig ist?
Antwort: Sicherlich dürfte die tagtägliche und aktuelle Berichterstattung über Verbrechen dazu beitragen, dass sich Menschen eher davor fürchten, selbst Opfer zu werden. Andererseits erlebe ich es so, dass die Betroffenheit zunimmt, wenn es sich um Morde handelt, die in der eigenen Nähe geschahen oder bei denen meine Leser die Opfer oder Täter kannten. Sicherlich mag man nicht glauben, dass Verbrechen einem sehr nah kommen können; wenn es dann doch so ist, dann kann einem die eigene Verwundbarkeit schon sehr bewusst werden.
Frage: Wird es von Ihnen auch wieder Neuigkeiten in Sachen „True Crime” geben?
Antwort: Ja, ich sitze gerade an einem neuen Buch, das im Herbst des kommenden Jahres erscheinen soll und habe verschiedene Angebote für Podcast-Formate. Auch von ZDFinfo sind neue Folgen für meine Serie über spektakuläre Verbrechen bestellt worden, die im Herbst produziert werden.
Axel Petermann auf Lese- und Vortragsreise, u.a:
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