Lingen  Kunsthalle Lingen zeigt Kunst über eine ferne Arbeitswelt

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 28.07.2022 14:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Im Mittelpunkt der Lingener Schau: Harry Kramers Drahtskulptur „La Tour (alias Obelisk, alias M 12)„, 1965, Privatsammlung, der Turm. Foto: Foto: Kunsthalle Lingen
Im Mittelpunkt der Lingener Schau: Harry Kramers Drahtskulptur „La Tour (alias Obelisk, alias M 12)„, 1965, Privatsammlung, der Turm. Foto: Foto: Kunsthalle Lingen
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Einst dröhnten in diesen Hallen die Hämmer. Seit Jahren wird dort allerdings Kunst gezeigt. Die Kunsthalle Lingen schaut auf eine ferne Arbeitswelt. Die richtige Sprache findet sie dabei nicht.

Dann und wann klingt ein feines Klacken durch den weiten Raum, zuerst fest und klar, dann sacht verhallend. Documenta-Künstler Harry Kramer montierte an seine Drahtskulptur “La Tour”, der Turm, ein Hämmerchen, das ab und an niedersaust. Sein Klacken wirkt heute wie der Nachhall jener Hammerschläge, die einst durch die Räume dröhnten, in denen seit 25 Jahren die Kunsthalle Lingen ihr Programm zeigt. Erst Ausbesserungswerk für Lokomotiven und Waggons, nun Ausstellungsraum: Die Jubiläumsschau nimmt dieses Motiv engagiert auf. Eine wirkliche Sprache für die Arbeitswelt von einst findet sie trotzdem nicht.

EAW: Der Ausstellungstitel wirkt wie ein sperriger Klotz. Das, was er meint auch: Eisenbahnausbesserungswerk. Hinter dem Wortungetüm verbarg sich bis 1972 eine Arbeitswelt voll Ruß und Dreck, Teer und Schmieröl. Harry Kramers Vater gehörte zu jenen Männern, die zu einer Zeit schraubten und hämmerten, in der Arbeit noch Maloche hieß. Wo es früher dreckig war, sieht es seit 25 Jahren clean aus. So lange gibt es die Kunsthalle Lingen. Zum Jubiläum ist es Zeit für den Blick zurück. Kunsthallendirektorin Meike Behm hat dafür die Arbeiten von acht Künstlerinnen und Künstlern versammelt.   

Harry Kramers Drahtplastik von 1965 hält noch am besten Verbindung zu einer verschwundenen Arbeitswelt. Ihre kreiselnde Mechanik, die Scheiben, Räder und eben ein Hämmerchen in Bewegung setzt, kommt aus einer Zeit, die die Digitalgeneration mit Fremdeln in der Stimme als analog bezeichnet. Dabei entfaltet ausgerechnet die älteste Arbeit dieser Ausstellung die stärkste sinnliche Kraft. Sie lebt von Erfindungskraft, skulpturalem Geschick und einem klugen Umgang mit dem Material. Die meisten der anderen Werke wirken hingegen zu ausgedacht, um wirklich berühren zu können.

Das gilt ausgerechnet für die größten Arbeiten der Schau, Objekte von Christian Odzuck und Stefan Odzuck, die wie splittrige Eisberge aussehen, und das Modell des Pariser Nordbahnhofs, das Larissa Fassler beisteuert. Das ist alles gut gemacht und noch besser gemeint. Die Industriegeschichte, um die es gehen soll, wirkt allerdings nur noch wie ein schwacher Energiefunke für diese Kunst. Liegt die Zeit, in der in den Lingener Hallen Loks gewartet wurden, zu lang zurück oder hat sich für eine jüngere, digital geprägte Generation die Erinnerung daran einfach zu sehr abgeschwächt?

Wer den Trip in die Historie wagen will, ohne an lokal verklärter Reminiszenz festhaken zu wollen, der ist bei Ulrike Kuschel bestens aufgehoben. Die Künstlerin hat die Vergangenheit jener Zwangsarbeiter recherchiert, die einst im Lingener Lager Telgenkamp schuften durften. Mit der Genauigkeit einer Historikerin deckt Kuschel diese Vergangenheit des Industriestandortes auf. Wer auf dem Sofa vor ihrem Video Platz nimmt und Geduld für eine halbe Stunde oder ein wenig mehr aufbringt, hat seine Zeit bestens investiert. Das gilt auch für die Fotografien von Alexander Rischer, der rund um die Hallen herum fotografiert hat. Auf seinen Bildern sieht Lingen aus, als wäre die Zeit dort seit den Dampfloks stehen geblieben. Auch eine Sichtweise.

Lingen, Kunsthalle: EAW. Larissa Fassler, Harry Kramer, Ulrike Kuschel, Christian Odzuck und Stefan Odzuck, Alexander Rischer, Bastian Wiels, Alexander Wolff. Bis 4. September 2022. Di.-FR., 10-17 Uhr, Sa., So., 11-17 Uhr. Zur Information über die Ausstellung geht es hier.

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