Osnabrück Wie Islamisten auf Tiktok nach Anhängern suchen
Radikale Islamisten haben das Videoportal Tiktok für sich entdeckt. Der sogenannte „Islamische Staat“ verbreitet Propaganda-Videos und will so junge Menschen gewinnen. Wie gefährlich ist das?
Auf Tiktok brennt Europa. In den europäischen Hauptstädten gehen Bomben hoch. Fernsehbilder zeigen Attentate in Brüssel. Panzer, die über zerstörte Gebäude rollen. Kämpfer des sogenannten „Islamischen Staates“ hissen ihre Flagge, sie sind vermummt und tragen Maschinengewehre, um ihren Hals hängen Patronen. Sie sagen, der Islamische Staat sei in diesen „großartigen“ Tagen zurückgekehrt.
All das zeigt ein Video auf der Social-Media-Plattform Tiktok. Von wem das Video genau kommt und wie viele Aufrufe es hat, ist unklar. Doch klar ist: Es ist frei zugänglich für rund eine Milliarde Nutzer, die meisten davon zwischen 16 und 24 Jahre alt, der eine oder die andere deutlich jünger.
Doch nicht nur junge Menschen treiben sich dort herum auf der Suche nach kleinen, lustigen Videos – Islamisten bis hin zu Terroristen des selbsternannten „Islamischen Staates“ versuchen über Videos möglichst viele Nutzer auf sich aufmerksam zu machen. Terrorwerbung per Tiktok? Was zunächst abwegig erscheint, ist eine reale Gefahr.
Das zeigte sich 2021. Reporter der britischen „Sun“ fanden heraus, dass Tiktok vom Islamischen Staat genutzt wurde, um Selbstmordattentäter für Anschläge an Weihnachten in England zu rekrutieren. Unter den mutmaßlichen Anschlagszielen fanden die Journalisten auch welche in Deutschland. Kurz vor Weihnachten explodiert dann ein Taxi in Liverpool vor einer Klinik, der mutmaßliche Bombenbauer wird dabei getötet.
Einer, der solche Videos nicht zum ersten Mal sieht, ist Menno Preuschaft. Er arbeitet im Landes-Demokratiezentrum des Niedersächsischen Justizministeriums in der Prävention von religiös-begründeter Radikalisierung und anti-muslimischem Rassismus. Er beobachtet seit drei Jahren, dass salafistische Akteure die sozialen Netzwerke für sich entdeckt haben. Es sei nur ein Vorurteil, dass sie mit ihren Ansichten „hinter dem Mond leben“ würden. „Sie sind auf jeden Fall ziemlich gut, was Social Media angeht und haben das schnell begriffen“, sagt Preuschaft.
Die Gefahr: Accounts, die salafistische oder gefährliche ideologische Inhalte verbreiten, wollen mehr als nur ein paar Follower auf Tiktok - sie wollen auch Anhänger im echten Leben. „Es gibt bei den Wortführern, die diese Videos einstellen, schon eine feste innere Überzeugung, dass das, was sie sagen, die einzige und alleinige Wahrheit ist und dass es ein Fakt ist, dass es nur eine wirkliche Wahrheit gibt“, sagt Preuschaft.
Dass verschiedene Wahrheiten parallel existieren könnten, sei eine Auffassung, die diese Szenen ablehnen. Sie wollen, so Preuschaft, die Follower dazu bringen, ihre Wahrheit als einzige Wahrheit anzuerkennen. Und das auf subtile Weise, um sie so nicht von vornherein abzuschrecken.
Ein Beispiel dafür, sind Videos, die Fragen rund um das islamische Leben und den Glauben beantworten: „Darf man sich selbst befriedigen?”, „Darf eine Frau Ärztin werden?“, „Darf man wirklich mehrere Frauen heiraten?“. Auf Tiktok beantworten selbsternannte Glaubensbrüder auch in Deutschland Fragen der Community über den Islam. Es sind Jugendliche und junge Erwachsene, die Fragen an ihre Religion haben und nach Antworten suchen.
Ein Video eines Accounts erreichte 2021 große Bekanntheit. Der islamische Prediger Ahmad Armih beantwortete die Frage „Darf man sein Auto vollkaskoversichern?“ Es ist der Sprecher, der das Video problematisch macht: Armih, der sich selbst Abul Baraa nennt, war früher an der jetzt geschlossenen As-Sahaba-Moschee in Berlin aktiv. Eine von drei Moscheen, die der Berliner Verfassungsschutz als Treffpunkt für Salafisten zählte. Seit er in Braunschweig lebt, wird er vom niedersächsischen Verfassungsschutz beobachtet. Vom Berliner Verfassungsschutz wurde er wegen Terrorismusfinanzierung verdächtigt.
Menno Preuschaft sagt: „Die Strategie, die in sogenannten salafistischen Szenen oder auch anderen islamistischen Szenen gezielt verfolgt wird, ist, dass man den Leuten nicht gleich eine extremistische Haltung oder eine sehr radikale bis hin zur antidemokratischen Haltung quasi ‚vor den Latz knallt‘. Weil man sich denken kann, dass das erstmal abschreckend wirkt. Häufig nutzen sie daher die Beantwortung religiöser oder auch alltäglicher Fragen als einen Türöffner.“
Ähnlich bewerten das die Fachleute bei jugendschutz.net, ein gemeinsames Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet. In Deutschland gebe es einige islamistische Akteure im Internet: „Sie bewegen sich häufig in einer Grauzone zwischen Aktivismus und Extremismus und haben gelernt, ihre Inhalte zumeist so zu gestalten, dass sie sich nicht juristisch angreifbar machen“, teilt die Organisation mit.
Die reine Beantwortung von religiösen Fragen findet auch Präventions-Experte Preuschaft nicht per se problematisch. Wenn daraus aber resultiere, dass andere abgewertet oder sie in ihren Rechten eingeschränkt würden, werde es schwierig: „Dann befindet man sich auf oder jenseits der Grenze, an der auch Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit enden“, sagt Preuschaft.
Accounts, die ihre islamische Identität immer stärker in den Vordergrund stellen und sich bewusst stark abgrenzen, sehen auch die Experten von jugendschutz.net zunehmend kritisch. In den subtileren Botschaften werde häufig antimuslimischer Rassismus thematisch aufgegriffen, um in „verschwörungstheoretischer Manier einen vom ‚Westen‘ gezielt betriebenen ‚Kampf gegen den Islam zu konstruieren‘“. Diese Abgrenzungen habe vor allem bei IS-nahen Accounts ein Ziel: „Langfristig einen Kalifat […] errichten, das heißt einen utopischen islamischen Staat nach historischem Vorbild“, so die Sprecherin. Eine zusätzliche Gefahr lauere auch in den Kommentaren: Dort gebe es immer wieder Links zu Telegramkanälen, die einen ersten Schritt in die dschihadistische Szene bieten würden.
Für die Überwachung solcher Inhalte in Niedersachsen ist der niedersächsische Verfassungsschutz zuständig. Er hat den gesetzlichen Auftrag extremistische Bestrebungen zu beobachten - offline wie online. Der Geheimdienst stellt im Netz ein fragwürdiges Ungleichgewicht bei den Inhalten zum Thema Islam fest. Ein Sprecher der Behörde in Hannover erklärt, die Onlineangebote von Salafisten und Islamisten dominierten die deutschsprachigen Informationsangebote über den Islam im Internet.
Für die Bundesrepublik und auch für Niedersachsen bedeute das, dass Accounts extra Posts erstellten, um besonders Nutzer mit einem „höheren intellektuellen Niveau“ zu erreichen. Wer sich erst einmal für die Inhalte interessiert, könnte im Idealfall für ideologische Überzeugungen gewonnen werden. „Aufgrund der großen Bedeutung moderner Medien für die Rekrutierung neuer Anhängerinnen und Anhänger sind Salafisten ständig bestrebt, weitere Angebote zu entwickeln, um möglichst viele Menschen anzusprechen“ erklärt der Verfassungsschutzsprecher.
Eine genaue Zahl der Akteure dieser Art kann der Verfassungsschutz nicht nennen. Die Experten von jugendschutz.net beobachten seit Anfang 2021 den Tiktok-Algorithmus. Sie bemerken einen deutlichen Rückgang vor allem bei den reinen IS-Propagandavideos. Doch die subtilen Botschaften, die oft visuell ansprechend produziert sind, seien nicht weniger problematisch: „Weil die scheinbaren Aktivist:innen häufig über angebrachtes Anprangern und Aufschreien hinausgehen und sich demokratiefeindlich äußern und etwa zur Abgrenzung von der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft aufrufen”, wie das Kompetenzzentrum mitteilt. Die meisten Akteure hätten sogar gelernt, wie viel Konkretes sie in ihren Videos sagen dürften und wann sie sich strafbar machen.
Aber nicht alles ist subtil: Das Kompetenzzentrum beobachtet seit einiger Zeit, dass Nutzer, die mit dem Islamischen Staat oder anderen islamistischen Gruppen sympathisieren, insbesondere auf Tiktok und Instagram das Symbol der schwarzen Flagge in ihrer Profilbeschreibung nutzen. Diese Flagge könne als „Kalifatsflagge genutzt werden, um eine dementsprechend befürwortende Haltung“ auszudrücken.
Tiktok bleibt selbst nicht untätig bei möglichen Propagandavideos. Schon 2019 begann die Plattform 24 offizielle Accounts des IS zu löschen. Auch sind bestimmte Hashtags, wie beispielsweise „Jihad“ oder „Islamischer Staat“ gesperrt.
Das sei aber nicht wirklich ein Hindernis, merken die Experten von jugendschutz.net an: „Islamistische Akteur:innen sowie ihre Anhänger:innen haben auch auf Tiktok inzwischen Mittel und Wege gefunden, durch andere Schreibweisen die Sperrungen des Dienstes zu umgehen.“ Häufig handele es sich dabei um alternative Schreibweisen aus dem Jugendjargon oder ein Vermischen von Szenesprache. Die Sperrung einzelner Hashtags stelle „bisher nur bedingt eine Schutzmaßnahme“ dar.
In Teilen scheint die Arbeit von Tiktok aber effektiv zu sein. Das Video, das die Rückkehr des IS auf Tiktok propagiert, ist ebenso wie der dazugehörige Account, mittlerweile gelöscht. Die Fragen der Community an die islamischen Prediger sind weiterhin auf der Plattform zu finden.