Ausstellung eröffnet Was heißt denn eigentlich Minderheit?
Ostfriesen sind in der Minderheit - zumindest auf nationaler Ebene. Was bedeutet es eigentlich, wenn das eigene Völkchen aus so wenigen Menschen besteht? Und wie kann es noch erfolgreicher werden?
Ostfriesland - Ostfriesen gehören einer Minderheit an. Die wenigsten Ostfriesen fühlen sich so - schließlich sind sie in Ostfriesland in der Mehrheit. Doch auf nationaler Ebene sind sie eben eine Minderheit. Um darüber aufzuklären, wurde in der vergangenen Woche eine Ausstellung im Leeraner Sparkassenhaus eröffnet. „Was heißt hier Minderheit?“ stellt die vier anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland vor. Es ist die erste Station dieser Wanderausstellung nach dem Berliner Paul-Löbe-Haus.
Was und warum
Darum geht es: Eine Ausstellung über Minderheiten hat in Leer eröffnet. Die Ostfriesen sind eine nationale Minderheit. Das hat Vorteile, bringt aber auch Herausforderungen mit sich.
Vor allem interessant für: Ostfriesinnen und Ostfriesen.
Deshalb berichten wir: Die Ausstellung wurde kürzlich eröffnet und ist noch bis Ende August zu sehen. Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de
Dänen, Friesen, Sorben sowie Sinti und Roma stellen darin ihre Lebensweise aus. „Wir wollten aber keine Klischees darstellen – nicht mal ironisch“, sagte Kurator Dr. Robert Lorenz. So ist der Tee bei den Ostfriesen natürlich zu sehen, weil er zur ostfriesischen Lebensweise gehört. Einen Ostfriesen-Witz suchen die Besucher der Ausstellung dagegen vergeblich. Initiiert wurde die Schau auch von der Heseler Bundestagsabgeordneten Gitta Connemann (CDU). Selbst Tochter einer Westfriesin und eines Ostfriesen wollte sie die Sichtbarkeit von Minderheiten deutlich machen. „Ich glaube, dass mich das Friesische sehr prägt“, sagt sie. Doch was bedeutet es eigentlich, eine Minderheit zu sein und wie wirkt sich das auf das Leben ihrer Mitglieder aus.
Was ist eine Minderheit?
Dafür gibt es klare Kriterien vom Innenministerium. Als nationale Minderheiten werden demnach die Gruppen der Bevölkerung angesehen, deren Angehörige deutsche Staatsangehörige sind, sich aber durch eine eigene Sprache, Kultur und Geschichte sowie eine eigene Identität vom Mehrheitsvolk unterschieden. Außerdem haben sie den Willen zur Bewahrung dieser Identität und sind traditionell, in der Regel seit Jahrhunderten, in Deutschland heimisch und das in angestammten Siedlungsgebieten.
Es gibt allerdings Einschränkungen: Während die dänische Minderheit, die friesische Volksgruppe und das sorbische Volk traditionell in bestimmten, geografisch fest umrissenen Regionen Deutschlands siedeln, leben die deutschen Sinti und Roma traditionell – meist in kleinerer Zahl – nahezu in ganz Deutschland. Mit der Sprache ist es so eine Sache: Ostfriesisch ist seit Jahrhunderten ausgestorben. Es wird nur im Saterland als Saterfriesisch (Seeltersk) erhalten. Die Sprache der Ostfriesen ist das Niederdeutsch.
Wie viele Minderheitenmitglieder gibt es in Deutschland?
Das kann und soll nicht statistisch erhoben werden. Es gibt nur Schätzungen - aus gutem Grund, wie das Innenministerium mitteilt. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges werden in der Bundesrepublik Deutschland generell keine bevölkerungsstatistischen und sozioökonomischen Daten auf ethnischer Basis erhoben.
„Hintergrund dessen ist zum einen die Verfolgung solcher Minderheiten während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Zum anderen bestehen völkerrechtliche Bedenken“, so das Innenministerium.
Sind Minderheiten denn keine Deutschen?
Doch das sind sie. Sie haben ja schließlich einen deutschen Pass. Dr. Robert Lorenz, Kurator der Ausstellung und selbst Sorbe, erklärte bei der Eröffnung, dass beim Mitglied einer Minderheit immer mehrere Herzen in der Brust schlagen. Sie seien eben nicht nur Sorben, Friesen oder Dänen, sondern auch Deutsche und Europäer.
„Sich mehreren Kulturen angehörig zu fühlen, ist für uns normal“, sagt Lorenz. Menschen aus Minderheitsgruppen hätten nur die Verantwortung, ihre Kultur weiterzutragen – sei es Sprache, Lebensweise oder Einstellungen.
Wollen Minderheitenvertreter nur das Alte bewahren?
Nein, aber sie stehen vor besonderen Herausforderungen, erzählt Dr. Robert Lorenz. „Wir müssen immer ausbalancieren“, sagt er. Einerseits wollte man natürlich mit der Zeit gehen, sich weiterentwickeln und auch moderne Strömungen aufnehmen. Andererseits wolle man das jahrhundertealte Erbe der Vorfahren bewahren. Das stoße auch innerhalb der Gruppe immer wieder auf Diskussionen.
Bunt bemalte Eier, lustige Volkstänze und literweise Tee –Minderheiten werden oft auf solche Merkmale begrenzt. Doch die Ausstellung will zeigen, dass es mehr ist. Dieter Baumann, stellvertretender Leeraner Landrat, formulierte es so: „Wir schauen nach Westfriesland, wo friesisch vor Gericht oder im Unterricht gesprochen wird“, sagte er. Da müsste Ostfriesland noch hin. Die Dänen haben es als Minderheit sogar in den Deutschen Bundestag geschafft, um ihre Belange auf höchster Ebene zu vertreten.
Die interaktive Ausstellung „Was heißt hier Minderheit“ ist täglich bis zum 31. August im Sparkassenhaus am Denkmalsplatz in Leer zu sehen. Der Eintritt ist kostenfrei.