Debatte um 42-Stunden-Woche  Länger schuften gegen den Fachkräftemangel?

Martin Alberts
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Von Martin Alberts
| 26.07.2022 15:16 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, wird über längere Wochenarbeitszeiten diskutiert. Foto: Klose/DPA
Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, wird über längere Wochenarbeitszeiten diskutiert. Foto: Klose/DPA
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Vielerorts fehlt es an Arbeitskräften. Helfen könnte eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 42 Stunden, finden Vertreter der Wirtschaft. Gewerkschaften sehen hingegen Gefahren für die Beschäftigten.

Ostfriesland - Der Fachkräftemangel besorgt branchenübergreifend die Unternehmen in Deutschland. Ein Lösungsansatz, der nun diskutiert wird, ist die Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 42 Stunden bei entsprechend höherem Lohn. Siegfried Russwurm, der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), hatte dies bereits vorgeschlagen – und nun sprach sich auch Sigmar Gabriel für die Idee aus. „Wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, kommen jetzt mindestens zehn Jahre, in denen es anstrengender wird als in den letzten“, sagte der ehemalige SPD-Chef der „Bild am Sonntag“.

Auch Johann Doden, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands (AGV) für Ostfriesland und Papenburg, sieht die Notwendigkeit zum Handeln: „Da prasselt auf Deutschland einiges ein“, sagt er und verweist nicht nur auf den Fachkräftemangel, sondern auch auf die Folgen der Corona-Krise sowie des Krieges in der Ukraine. Angesichts dessen dürfe es „kein Denkverbot geben“ – auch nicht, wenn es um eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit gehe. Den Wohlstand könne man in Deutschland nicht halten, indem weniger gearbeitet und auf Staatshilfen vertraut werde, so Doden. „Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir mit weniger Leuten die Arbeit gewuppt bekommen.“

Führt eine längere Wochenarbeitszeit zu mehr Krankentagen?

Die Gewerkschaften halten von dem Vorschlag der Arbeitgeberseite wenig: „Ich glaube nicht, dass es mit einer höheren Arbeitszeit gelingt, die Arbeitsplätze zu besetzen“, sagt Franka Helmerichs, Geschäftsführerin der IG Metall Emden. Dafür müssten die Unternehmen ihre freien Stellen attraktiv gestalten. „Flexibilität ist das, was gefordert wird.“ Hinzu kämen die gesundheitlichen Folgen: „Längere Arbeitszeiten machen krank“, sagt sie. Deshalb führe eine höhere Wochenarbeitszeit auch zu mehr Krankmeldungen, was wiederum auch den Unternehmen schade, kritisiert Helmerichs die Idee. „Ich finde das sehr kurzfristig gedacht.“

Die Gefahr, dass die Fehlzeiten bei einer längeren Wochenarbeitszeit zunehmen könnten, sieht Doden nicht. Er widerspricht der Kritik und meint, dass der Stress für Beschäftigte zunehme, wenn sie ihren Job in weniger Wochenstunden leisten müssten. Angesichts des Personalmangels müsse aber nicht nur über eine längere Wochenarbeitszeit nachgedacht werden, sondern auch über ein höheres Renteneintrittsalter, so Doden.

DGB: Arbeitgeber müssen Ansprüchen der jungen Leute gerecht werden

Beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) indes kommen solche Forderungen nicht gut an. „Längere Arbeitszeiten, egal ob innerhalb der Woche oder am Ende des Erwerbslebens, sind der fadenscheinige Versuch, die Herausforderungen von Alterssicherung und Fachkräftemangel allein auf dem Rücken der Beschäftigten zu stemmen – billige Scheinlösungen ohne sozialen Kompass“, sagt DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel.

Und auch sie verweist auf die Attraktivität der Arbeitsplätze: „Wer heute nach der 42-Stunden-Woche ruft, dem wird die Generation Z die kalte Schulter zeigen“, ist Piel überzeugt. Denn die Generation, die etwa ab der Jahrtausendwende geboren wurde, habe andere Ansprüche an ihren Arbeitsplatz als vorherige, so das Markt- und Medienforschungsinstituts Rheingold. Dazu gehöre, dass die „Work-Life-Balance“ eine entscheidende Rolle spiele: Der Job sollte nicht das Leben dominieren.

Der Schlüssel zur Lösung des Fachkräftemangels liegt für Piel stattdessen unter anderem in der Aus- und Weiterbildung, aber auch in der Zuwanderung. Letztere sieht auch Steffen Kampeter als einen Aspekt. Der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) sagt: „Dem derzeitigen Arbeitskräftemangel kann nicht mit den Instrumenten von gestern begegnet werden. Wir brauchen neue Antworten bei Zuwanderung, Lebensarbeitszeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und sicherlich auch beim Arbeitszeitvolumen.“

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