Ausverkauftes Konzert 102 Boyz feiern Heimspiel-Party im Leeraner Zollhaus
Sie füllen deutschlandweit Konzerthallen, Erfolg hatten sie zuerst in Berlin, ihr erstes Album entstand aber in Ostfriesland. Die Leeraner 102 Boyz sind für ein Konzert zurückgekehrt und das wurde emotional.
Leer - „Tourbus-Life, zock‘ PS3, A1, A2, A3 Live Komm‘ vorbei und wir geh’n heut steil“ – Es ist 16 Uhr am Freitagnachmittag. Die Tür vom Tourbus der 102 Boyz öffnet sich vor dem Zollhaus in Leer. Für die sechs Musiker ist es etwas besonderes: Denn bevor sie nach Dresden, Hamburg, Zürich oder München fahren, steigen sie in Leer aus. Ihrer Heimat.
Von Nervosität zunächst keine Spur. Die jungen Männer hüpfen fröhlich aus ihrem Bus, dem sie den Song „Tourbus“ gewidmet haben. Am Abend werden sie vor rund 800 Menschen spielen. Das Zollhaus ist erstmals seit der Corona-Pandemie wieder richtig ausverkauft. Keine Beschränkungen, keine Limits. Die 102 Boyz können vor vollem Haus spielen.
Heimspiel ist für die Rapper ein Meilenstein
Für sie selbst ist es der erste Auftritt überhaupt in der Heimatstadt. Ungewöhnlich, läuft es im Musikgeschäft doch eher anders: erst Kleinstadt-Helden, dann Großstadt-Stars. Bei den Leeranern ist es anders. Gut fünf Jahren arbeiteten sie in Leer an ihrer ersten Platte. Im Proberaum im Postgebäude feilten sie am richtigen Beat. Auch das Zollhaus wirkte schon damals auf sie ein. Kkuba, der in Wirklichkeit Filip Pikula heißt, verbindet etwas Besonderes mit dem Zollhaus: „Hier in den heutigen Zollhaus-Backstageräumen habe ich mit neun Jahren Schlagzeugunterricht bekommen“. 2017 ging es dann nach Berlin. Erste Erfolge in Polen hatten sie da schon im Gepäck. In heimischen Ostfriesland kannte sie nur eine gut vernetzte Szene. Mit „Bier“ gelang ihnen dann 2018 der Durchbruch. Ihr drittes Album „Asozial Allstars Vol. 3“ landete sogar auf Platz 12 der deutschen Albumcharts.
Nun das Zollhaus. „Das hätten wir früher noch nicht vollbekommen und jetzt haben wir es innerhalb von vier Tagen ausverkauft“, sagt Skoob, bürgerlich Neels van Rossum. So richtig glauben können es die Rapper nicht. „Das ist alles so besonders, man merkt es einfach in jedem Augenblick. Guck mal, ich bin normalerweise nicht wirklich nervös vor Auftritten, aber heute schon“, sagt auch Addikt, der dabei seine zitternde Hand zeigt und eigentlich Kai de Boer heißt. „Unsere Familien und Freunde werden alle da sein.“ Eine doppelte Herausforderung, denn die Musiker haben noch nie vor all ihren Eltern gespielt. Doch das Heimspiel bringt auch seine Vorteile: Duke (Dominik „Jurek“ Jurga) und Kkuba fahren nach der Ankunft in Leer schnell zu ihrem Elternhaus, um dort zu duschen.
Alle Eltern zu Besuch
Spätestens gegen 18 Uhr beim Soundcheck ist klar: „Wir haben so Bock“, brüllt Addikt, also Kai de Boer, ins Mikro. Die Lautstärke gefällt ihm aber noch nicht. Er klagt, dass seine Stimme zu leise zu hören ist, weil die anderen ihn so inbrünstig beim Rappen unterstützen. Stacks, den man normalerweise unter dem Namen Sebastian Lössel kennt, nimmt das Ruder in die Hand und koordiniert, welche Boxen leiser und lauter gedreht werden müssen für den perfekten 102-Klang. Die Jungs überlassen nichts dem Zufall: Sie proben alle Songs, die sie am Abend spielen wollen, durch. Irgendwann klopft vorsichtig die Vorband an – sie wollen auch noch proben.
Kurz vor dem Konzert trifft die Verwandtschaft der 102 Boyz ein. Aus den Rappern mit derben, unverblümten Texten aus Berlin werden die ostfriesischen Jungs, die sich darüber freuen, dass Eltern, Geschwister und Freunde gekommen sind und sich anhören, womit sie jetzt ihr Geld verdienen. Auf der Terrasse des Zollhauses wird gelacht, gedrückt und geredet. Im Backstage gibt’s dann noch ein Gruppenbild mit allen Angehörigen, danach werden die Eltern zu ihrem Platz gebracht. Doch vorher möchte Mama de Boer noch etwas klären: „Sag mal, Junge: Wie kommst du heute eigentlich nach der Disco nach Hause?“
Der Raum tropft
Als die Vorgruppe Rolfo aus Hannover bereits auf der Bühne Stimmung macht, werden die 102 Boyz nochmal kurz andächtig. Sie bilden wenige Minuten vor ihrem Auftritt einen Kreis, wie man ihn von Fußballern kennt. Gegenseitig motivieren sie sich für das wohl bisher wichtigste Heimspiel ihrer Karriere: dem ersten.
Mit dem Song „Hallo“ begrüßt Kai de Boer (Addikt) die Menschenmenge. Die Temperaturen sind im Zollhaus ohnehin schon hoch, doch jetzt tropft es förmlich von der Decke. Das Publikum rappt von Sekunde eins des Konzerts jedes Wort mit. Von Nervosität ist bei den Musikern nichts mehr zu spüren. Sie tanzen und feiern mit ihrem Publikum. „Freundschaft hegen, pflegen und Loyalität“ heißt es in einem Song. Es feiert eine riesige Familie zu lauter, derber Rapmusik. Die sechs Rapper haken sich beieinander ein und fordern das Publikum auf ihnen gleichzutun, um den Song zusammen zu schmettern. Das Geburtstagskind Kai de Boer wendet sich kurz mit dem Gesicht vom Publikum ab, was dieses nicht sehen kann: Die ersten Tränen des Abends purzeln.
Biertrinkwettbewerb für den großen Auftritt
Auch Jascha Schmuhl, alias Chapo, geht die Situation nahe. Bei „Missed Calls“ muss er die erste Strophe abbrechen. Eigentlich lag das gar nicht im Plan, doch den jungen Mann überkommen die Gefühle. Kurz zuvor wandte er sich ans Publikum: „Leute, wir sind auf die gleichen Schulen gegangen wie ihr, hatten die gleichen Lehrer wie ihr und waren bei den gleichen Dönerläden wie ihr. Das ist so verdammt besonders.“ Dann kullerten die Tränen.
Lange dauert es aber nicht, da war wieder Partystimmung auf und vor der Bühne. Vor dem Hitsong „Bier“ gibt es einen kleinen Publikumswettbewerb. Wer am schnellsten ein Bier aus einem riesigen Plastikbierkrug trinken kann, darf den Refrain des Songs auf der Bühne schmettern. Eine junge Frau macht das Rennen. Kurz davor schnappte sich Neels van Rossum (Skoob) ein Schlauchboot und stürzte sich damit auf Händen getragen durch die Menge.
102 Boys sind fannah
Nach eineinhalb Stunden Konzert ist für die Jungs noch nicht Schluss. Sie kommen nach draußen, geben Autogramme und reden mit den Fans. „Diese Leute sind nur für uns gekommen und haben nur für uns Geld ausgegeben. Das ist wirklich das Mindeste, was man als Künstler machen kann. Wir lieben unsere Fans“, sagt van Rossum. „Das war noch gestörter als man sich das hätte vorstellen können“, fasst Kai de Boer (Addikt) den Abend zusammen. Er meint das sehr positiv.
Nachdem auch der letzte Fan versorgt ist, geht es – heimspielgerecht – zur Aftershowparty. Im Limit in Ihrhove ist Hip-Hop-Party. Passend für die Rapper aus Berlin. Um 22.30 Uhr schließt die Tür im Zollhaus.