Berlin Wie ein Gasembargo in den 90ern Litauen in die Energieunabhängigkeit führte
Deutschland treiben die Sorgen um die Energiesicherheit umher. Im Angesicht des Ukraine-Kriegs wurden die Gaslieferungen von Seiten Russlands stark reduziert. Ein anderes Land machte bereits die Erfahrungen eines Lieferstopps mit: Bereits in den 90ern musste Litauen monatelang ohne Gas und Öl aus Russland auskommen.
Deutschland ringt um Energiesicherheit. Das große Thema: Gas. Überall soll es eingespart und für den Winter vorgesorgt werden. Seit dem Ukraine-Krieg und dem Beginn der westlichen Sanktionen drosselte Moskau bereits die Gaslieferungen über die Pipeline Nord Stream 1, welche für die deutsche Versorgung so wichtig ist. Nach einer Routinewartung wurde in den vergangenen Tagen viel über einen kompletten Lieferstopp spekuliert. Ein Land machte das in den 90ern bereits mit.
1990 erklärte sich Litauen für unabhängig. Es wollte frei sein und kein integraler Bestandteil der kriselnden Sowjetunion, welcher es unter Stalin einverleibt worden war. Damit war es das erste sowjetische Land mit einem solchen Vorstoß. Der damalige Generalsekretär der KPdSU und ehemalige Friedensnobelpreisträger, Michail Gorbatschow, wollte das jedoch nicht.
Es folgten militärische Drohgebarden. Offene Gewalt wollte die russische Seite nicht riskieren. Und so entstand ein Szenario, welches eine Parallele in die Gegenwart schlägt: Gorbatschow setzte Rohstoffe als politisches Druckmittel ein.
Die Sowjetunion verhängte eine Wirtschaftsblockade gegen Litauen. Gas- und Öllieferungen an das Land wurden eingestellt. Gegenüber dem „Spiegel“ sagt Philologin und Historikerin Vilija Gerulaitienė, dass die Menschen „tage- und nächtelang an den Tankstellen Schlange“ standen. Mit ihrer Strategie wollte die Sowjetunion Litauen in so große wirtschaftliche und gesellschaftliche Schwierigkeiten treiben, dass das Land keine andere Wahl hätte, als von der eigenen Unabhängigkeit abzusehen.
Das funktionierte zumindest zunächst, da das litauische Parlament ein Moratorium bei der Unabhängigkeit verhängte. Rohstoffe aus der Sowjetunion wurden wieder geliefert. Der große Lieferstopp über drei Monate stürzte das Land jedoch in eine Wirtschaftskrise. Die Litauer hielten trotzdem an ihrem Gedanken der Unabhängigkeit fest. 1991 erkannte die Sowjetunion Litauens Unabhängigkeit an.
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Seine Vorgeschichte bewegte das baltische Land dazu, Energiepolitik mit Sicherheitspolitik gleichzusetzen. Mittlerweile ist das baltische Land unabhängig von russischen Gaslieferungen. Es betreibt ein Flüssiggasterminal in Klaipėda. Der Bau des Flüssiggasterminals war auch in der Bevölkerung nicht unumstritten. Umso bedeutender ist dieser Meilenstein für Litauen heute.
Das Stromnetz soll weiter umgebaut werden. Nach der Abschaltung des letzten Kernkraftwerks 2009 ist das Land zu großen Teilen auf Stromimporte angewiesen - und immer noch an das russische Stromnetz angeschlossen. „Das System ist nicht sicher“, sagte der Präsident der Litauischen Vereinigung für Erneuerbare Energien, Martynas Nagevičius, gegenüber der „Deutschen Welle“.