Sylt FAQ: Was wir jetzt über die Punks auf Sylt wissen
Sie betteln in der Friedrichstraße, schlafen vor einem leerstehenden Supermarkt und feiern am Strand: Menschen aus der Punker-Szene gehören seit fast zwei Monaten zum Straßenbild in Westerland. Wer sind diese Menschen? Woher kommen sie? Wo schlafen und duschen sie? Hier kommen die Antworten.
Mit dem 9-Euro-Ticket kommen seit dem 1. Juni auch viele Punker nach Sylt. Nachdem es auf der Insel zunächst noch relativ ruhig geblieben war, verschärfte sich die Lage zunehmend. Kürzlich verkündete der Bürgermeister, die Kontrollen an neuralgischen Punkten wie an der Promenade und am Strand deutlich ausweiten zu wollen. Das ist inzwischen auch geschehen. Aber wer sind die Menschen, die die Insel so in Aufruhr versetzen und sonst eher das Stadtbild von Hamburg, Berlin und Köln prägen?
Am Pfingstwochenende, also dem ersten 9-Euro-Wochenende, waren rund 150 Menschen auf Sylt, die der Punker-Szene zugeordnet werden, wie Sandra Otte, Sprecherin der Polizeidirektion in Flensburg mitteilte. Wie viele aktuell da sind, lässt sich nur schwer beziffern. Es dürften aber etwas weniger als zu Beginn des 9-Euro-Tickets sein. Im Stadtbild von Westerland zählte shz.de am Donnerstag rund 50.
Die sogenannten Punker kommen aus vielen Orten Deutschlands nach Sylt. Unter anderen aus Großstädten wie Hamburg, Berlin, Köln und Leipzig aber auch aus kleineren Orten wie Solingen und Kassel. Einige haben sich nach eigener Aussage auf ihren teils mehr als 15 Stunden langen Zugfahrten auf die Insel kennengelernt.
Für einige hat die Reise nach Sylt politische Hintergründe: Sie nennen unter anderem die bundesweite Medien-Berichterstattung über das Billigticket und die „Angst auf Sylt vor dem Pöbel“ als Grund. Sie wollen hier auf Sylt Vorurteile abbauen und zeigen, dass es auch alternative Subkulturen, andere Lebensformen gibt. Auch die vielbesprochene Kapitalismus-Kritik steht für viele im Fokus. Wieder andere bekommen hier durchs Schnorren mehr Geld als an ihren Heimatorten.
Während die Punks in den ersten Tagen des 9-Euro-Tickets meist rund um den Wilhelmine gesessen hatten, haben sich ihre Lager jetzt auf verschiedene Orte in Westerland verteilt: Sie sitzen vor Rossmann, schlafen vor einem ehemaligen Supermarkt, campen im Stadtpark vor dem Rathaus sowie vor leerstehenden Räumlichkeiten in der Fußgängerzone. Meist halten sie sich in der Friedrichstraße und in der Strandstraße auf. Ihre zuletzt eher provisorischen Lager haben einige inzwischen zu festeren Unterkünften für mehrere Nächte ausgebaut. Mit Planen und Stoffen schützen sie ihre Behausungen gegen den Wind und gegen Blicke. Auch an der Strandpromenade in Westerland haben sich zahlreiche Punks niedergelassen.
Einige kommen für wenige Tage und sitzen am Strand. Andere versammeln sich vor Rossmann - dort wird mit Bier gefeiert. Einige sitzen in der Friedrichstraße und haben ihre (politischen) Botschaften auf Papptafeln oder mit Kreide auf den Asphalt geschrieben - mit lustigen und kritischen Sprüchen unterhalten sie Passanten. Andere liegen vor Supermärkten und fragen nach Geld.
Nicht alle der Punks duschen regelmäßig auf Sylt. Diejenigen, die es tun, machen es entweder in der Nordsee oder in den öffentlichen Duschen am Strand beziehungsweise an der Strandpromenade.
Vor dem Rathaus stehen zwei Dixie-Klos zur Verfügung. Weitere öffentliche WCs gibt es in der Neuen Mitte und auch in der Alten Post sowie an der Strandpromenade. Jedoch halten sich nicht alle der Punks an die gesellschaftlichen Gepflogenheiten und verrichten stattdessen ihre Notdurft im öffentlichen Raum, das heißt im Stadtpark, entlang der Friedrichstraße beziehungsweise deren Seitenstraßen oder direkt am Strand respektive an der Strandpromenade.
Die meisten Punks haben sich vorab im Internet verabredet und sind dann gemeinsam mit dem Zug und dem 9-Euro-Ticket nach Sylt gereist. Aber auch auf der Insel entstehen neue Bekanntschaften. Zum Beispiel, wenn die neuen Sylt-Gäste sich in ihren provisorischen Unterkünften zum Bier besuchen und gemeinsam feiern.
Ein Alkoholverbot ist laut Bürgermeister Nikolas Häckel rechtlich nicht zulässig, auch der Aufenthalt im öffentlichen Raum könne demnach nicht verboten werden. Denn die Menschengruppen haben „das Recht des Gemeingebrauchs an öffentlichen Straßen und Plätzen“. Das Schlafen in den Hauseingängen kann laut Häckel nur von den Eigentümern der Gebäude gemeldet werden.
Zum großen Chaos auf Sylt könnte es kommen, wenn rechte Gruppierungen am 30. Juli auf der kleinen Insel auf die Linksalternativen treffen. „Die Rechte - vorwärts für Deutschland“ hat für diesen Tag eine nationale Demonstration auf Sylt angekündigt. „Sylt für alle - Gemeinschaft statt sozialer Spaltung“ ist das Thema. Dazu hat sich bereits großer Gegenprotest angekündigt, unter anderem von der SPD auf Sylt, aber auch von Antifa-Gruppierungen.