Melle Brand bremst Assistenten des Organisten aus – unsere Reporterin springt ein
Das zweite sommerliche Orgelkonzert in der Meller Petrikirche wird für unsere Reporterin Conny Rutsch zum Job-Hopping.
Als ich am Mittwochabend in Erwartung des Orgelkonzertes von Kai Kupschus aus Sulingen zur Berichterstattung in die Petrikirche komme, übt der Organist noch. Das ist ungewöhnlich, denn die ersten Besucher sind schon da. Doch die Erklärung folgt sofort. „Herr Kupschus musste das Programm umstellen, weil sein Registrant nicht kommen kann“, heißt es.
Ein Böschungsbrand machte die Weiterfahrt des Zuges von Hannover auf halber Strecke unmöglich, so dass der Assistent des Organisten sich telefonisch für das Konzert abmelden musste. Und schon kommt die Frage: „Kannst du helfen?“ Ich schlucke kurz. Doch, das kann ich, denn die Vater-Orgel habe ich zu Gottesdiensten schon gespielt.
Für einen Konzertorganisten allerdings die Register zu betätigen ist nicht so einfach, ohne Probe vorher schon gar nicht. Der Registrant muss sich an die Vorgaben des Organisten halten, die er in den Noten festgeschrieben hat. Jeder Griff muss zur rechten Zeit sitzen, sonst gibt es womöglich ein Klangkuddelmuddel.
Ich steige zu Kai Kupschus an die Orgel hoch. Die Erleichterung ist ihm anzumerken, dass er Hilfe erhält. Dass er das wunderbare Choralvorspiel „Christ lag in Todesbanden“ von Franz Tunder (1614-1667) trotzdem nicht im Programm behält, erleichtert mich sehr. Ohne das Werk vorher mit ihm durchgespielt zu haben, hätte ich diese umfangreichen Registrierungen auch als erfahrene Organistin nicht geschafft.
Die Registerzüge liegen zu beiden Seiten des Spieltisches und auch hinter dem Organisten, was ein ständiges Hin- und Herlaufen erfordert, und die Lage der Registerzüge kenne ich auch nicht aus dem Effeff. Dazu sind es zu viele. Schlussendlich muss ich nur wenige Male die hölzernen Registerhebel bedienen: „Immer, wenn ich nach links greife, dann tauschen Sie Trompete und Tremulant“, sagt Kai Kupschus. Das ist nicht schwierig. Als Umblätterin habe ich einen weit verantwortungsvolleren Job. Das muss an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit passieren.
Ohne dass die Zuhörer unten etwas von den Widrigkeiten mitbekommen, beginnt Kai Kupschus den Konzertabend mit dem „Grand Dialogue“ von Louis Marchand (1669-1732). Höfisch und festlich hat er die Klänge eingerichtet, untermauert von dem tiefen Posaunenregister. Beeindruckend klingt das für mich. Ich stehe direkt neben dem rechten Pedalturm, der die riesigen Pfeifen beherbergt, die unten im Kirchenschiff schon mächtig klingen.
Ich bekomme die fast wuchtigen Töne direkt in die Ohren und bin von der Klangfülle beeindruckt. „Ich werde deutlich nicken“, hatte mir Kai Kupschus gesagt, das Zeichen für mich, dann zügig die Seiten umzublättern. Auch wenn ich die Noten verfolgen kann und das Ende der Seite auch ohne Zeichen finde, möchte der Künstler mitunter früher den Blick auf die neue Seite erhalten. Es klappt alles gut, und trotzdem laufen mit einige Schweißperlen übers Gesicht.
Mit vier weiteren kleinen Stücken von Marchand zeigt der Organist, wie vielfältig die große Vater-Orgel sich für die französische Barockkunst registrieren lässt. Zarte Zungenregister klingen charakteristisch und überirdisch schön. Mit der „Passacaglia in d“ von Dietrich Buxtehude (1685-1750), einem eher besinnlichen Werk, erreicht Kai Kupschus die norddeutsche barocke Orgelkunst, die mit den abschließenden Kompositionen von Johann Sebastian Bach (1685-1750) ihren Höhepunkt erreicht.
Die Fantasie und Fuge g-moll (BWV 542/1,2) trennt der Orgelkünstler mit einem Choralvorspiel. Das gibt ihm noch einmal die Möglichkeit, die Reichhaltigkeit an Klängen der Orgel hörbar zu machen: die mächtigen Prinzipal- und Gedacktregister, die zarten Flöten- und Zungenstimmen sowie die brillanten Mixturen, die auch heute den Orgelabend festlich beenden.
Meinen Job neben der Orgelbank habe ich wohl zur Zufriedenheit des Künstlers erledigt. Beeindruckend war es für mich zu erleben, mit welch höchster Konzentration und Körpereinsatz Kai Kupschus die Vater-Orgel betätigt. In Windeseile wechselt er mit den Händen die Manuale, spielt immer wieder auf zweien und muss minutenlang die Balance auf der Bank halten, wenn er dazu noch lange Passagen mit den Füßen auf den Pedaltasten bewältigt.
Das riesige Instrument klingt hier oben völlig anders, als Zuhörer es unten beschreiben. Im Kirchenschiff mischen sich die Klänge, und der Organist muss mit Feingefühl und viel Fachkenntnis die Register so wählen, dass einzelne Stimmen hörbar bleiben.
Kai Kupschus kennt das Instrument als Orgelrevisor im Sprengel Osnabrück und als Vorsitzender der Sachverständigenkommission der Christian-Vater-Orgel sehr gut. Und doch bedient er die Orgel nicht als riesige Maschine, sondern mit viel Gefühl und Herzblut.