Osnabrück Museumsleute sicher: Wir kommen wieder zurück!
Delle in der Statistik oder langfristiger Trendwechsel? Corona hat die Besucherzahlen bei vielen Kulturhäusern einbrechen lassen. Auch Museen im Norden kämpfen um ihr Publikum. Eine Umfrage.
Schleswig, Schloss Gottorf: Ein Hoch im Norden? „Die Menschen haben nach der langen Durststrecke wieder Lust, sich mit Kunst zu beschäftigen. Sie wollen raus aus den Sorgen“, sagt Carsten Fleischhauer, Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen Schloss Gottorf in Schleswig. Von einem Besucherrückgang wegen der Corona-Pandemie will Fleischhauer nichts wissen. 2020 habe es diesen Rückgang gegeben. Inzwischen habe sich der Trend aber wieder umgekehrt, so der Museumsleiter und verweist auf 420000 Besucher im Jahr 2021. Der kleine Unterschied: Nach seinen Angaben profitieren vor allem Freilichtmuseen wie das Wikingermuseum in Haithabu von dem guten Trend. 160000 Besucher kamen in dem Jahr allein, um die Wikingersiedlung zu sehen. 75000 waren es auf Schloss Gottorf, dem Flaggschiff der Landesmuseen. Für Fleischhauer ist die Sache klar: Alles, was draußen stattfindet, hat bei Besuchern derzeit gute Chancen. Das Infektionsrisiko bleibt überschaubar. Und dann ist da noch etwas. „Der Trend, in Deutschland Urlaub zu machen, hat uns in die Hände gespielt“, analysiert Fleischhauer. Deshalb hätten es seine Museen derzeit leichter, Besucher anzuziehen als etwa Theater. Zudem hätten die niedrigen Inzidenzen des Jahres 2021 die Menschen innerlich entspannen lassen. Carsten Fleischhauer blickt selbst optimistisch nach vorn.
Emden, Kunsthalle: Touristen, die ins Museum kommen – das kennt auch Lisa Felicitas Mattheis, wissenschaftliche Direktorin der Kunsthalle Emden. „Die Region ist voll, die Hotels sind ausgebucht“, fasst sie die gewohnte Sommerlage in Ostfriesland zusammen. Trotzdem hat ihr Haus Probleme, die Menschen wieder wie gewohnt für einen Besuch zu begeistern. Bis zu den Corona-Lockdowns sind die Besucherzahlen angestiegen, bis auf fast 95000 Besucher 2019. Corona sorgte für den Absturz. Noch 23688 Besucher im Folgejahr, gar nur noch 21691 im Jahr 2021. Schlimmer geht es kaum noch. Und die Zahlen klettern nur langsam wieder. „Ich habe das Gefühl, dass wir wieder Grundlagenarbeit betreiben müssen, um Besucher neu zu binden“, sagt Mattheis und verweist darauf, dass Themen, die früher Besucher anlockten, heute weniger gut funktionieren. Eine Ausstellung zum Thema Expressionismus – eine Stärke des Emder Museums – brachte, so die Leiterin, „signifikant weniger Besucher als erwartet“. Inzwischen geht es leicht wieder aufwärts, auch mit populär gesetzten Themen wie aktuell dem „Mythos Wald“. „Es geht wieder aufwärts“, bilanziert Mattheis für 2022, findet zugleich aber auch, dass Corona die Menschen verändert habe. Haben sich potenzielle Besucher an die soziale Isolation gewöhnt? Kleiner Trost: Der Freundeskreis der Kunsthalle ist während der Lockdowns sogar noch gewachsen.
Osnabrück, Museumsquartier: Nur eine Delle in der Zahlenkurve oder dauerhafte Veränderung des Besucherverhaltens? Wie andere Museumschefs fragt sich auch Nils-Arne Kässens, ob der Besucherrückgang in den Häusern nur der Pandemie geschuldet ist oder einen längerfristigen Trend wiederspiegelt. „Durch Corona hat eine kulturelle Entwöhnung stattgefunden“, sagt Kässens, der einen empfindlichen Rückgang der Besucherzahlen in seinen Häusern zu verkraften hat. Nur noch rund 10000 Besucher kamen 2021 in das Osnabrücker Museumsquartier – kein Wunder, da das Museumsquartier ein halbes Jahr lang komplett geschlossen war. „Ich bin optimistisch, dass wir wiederkommen. Corona markiert keinen Paradigmenwechsel“, sagt Kässens und klingt dabei, als spräche er sich selbst Mut zu. 2022 zeige bereits wieder einen klaren Aufwärtstrend, sagt der Chef eines Museumsensembles, zu dem unter anderem das Felix-Nussbaum-Haus mit Bildern des 1944 in Auschwitz ermordeten jüdischen Malers gehört. Auch Kässens weiß, was jetzt zieht: umsonst und draußen. So war die Veranstaltung mit dem Publizisten Max Cziollek im Museumsgarten als wichtiger Etappenerfolg zu verbuchen. Für Kässens ist auch klar, dass digitale Formate immer wichtiger werden. In den Lockdowns haben sie geholfen, den Kontakt zum Publikum zu halten. Diese Praxis geht weiter. Sie hat die Museumsarbeit längst verändert.
Bremen, Kunsthalle: Weniger Besucher? Das ist nicht nur eine Frage der Statistik, zumal für viele Kunstmuseen, die große Teile ihres Etats frei erwirtschaften. „Bei uns liegt dieser Anteil bei über 50 Prozent“, berichtet Stefan Schnier, Geschäftsführer der Kunsthalle Bremen. Da ist es traurig, wenn gerade bei ambitionierten Ausstellungen die Besucher wegen einer Pandemie zu Teilen ausbleiben. Zuletzt zeigte die Kunsthalle Édouard Manet, eine faszinierende Schau. Laut Stefan Schnier fehlten aber wegen Corona vor allem Besucher aus anderen Bundesländern. „Das holt man nicht mehr auf“, sagt der Geschäftsführer des von einem Kunstverein getragenen Museums. „Viele Menschen sind auch bei Events noch vorsichtig“, so Schnier. Entsprechend gingen auch die Zahlen bei den vielen Veranstaltungen der Kunsthalle zurück. Jetzt zieht das Programm allerdings wieder an. „Seit dem zweiten Quartal dieses Jahres liegen wir über den Vergleichszahlen von 2019“, zieht Schnier den Vergleich mit der Situation vor der Pandemie. Er ist sich sicher, dass Corona auch nicht nur negative Effekte für die Kultur hatte. „Die Pandemie hat Wertigkeiten klargemacht und gezeigt, dass es nicht selbstverständlich ist, alles verfügbar zu haben“, sagt Schnier. Der Geschäftsführer ist sich sicher, dass dieser Lerneffekt den Museen langfristig helfen wird auf dem beschwerlichen Weg zurück – auch der Kunsthalle Bremen.