Kolumne: Alles Kultur  Primitiver Zeitvertreib der Ungebildeten

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 18.07.2022 09:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger
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Die Fußball-EM ist gerade in vollem Gange. Doch statt großen Public-Viewing-Events schaut kaum jemand hin. Denn es ist Frauenfußball.

Die elitäre Hochkultur würde sagen, meine Kolumne beschäftige sich heute mit dem „primitiven Zeitvertreib der Ungebildeten“. Also fangen wir mal pseudo-intellektuell an. Alles ist doch eine Frage der Perspektive: Etwas aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, kann helfen, unsere Mitmenschen zu verstehen, toleranter mit anderen Ansichten umzugehen und ist der Schlüssel eines friedlichen Zusammen- und Nebeneinanderherlebens. Doch kann eine andere Perspektive und vor allen Dingen die Anzahl ihrer auch ganz schön tückisch sein. Und damit meine ich jetzt nicht das übliche Beispiel des Apfels, der auf einer Seite rot und auf der anderen grün ist und somit die Antwort auf die Frage nach seiner Farbe wirklich von der Perspektive abhängt. Die Moral der Geschicht ist nämlich, dass am Ende alle Recht haben. Nein, ich rede von dem Spiel mit Perspektiven und der Verzerrung der Wahrheit durch die Ermangelung an Perspektiven. Uh, jetzt wird es kompliziert? Keine Sorge, ich habe ein aktuelles Beispiel: Fußball.

Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben, es ist gerade Fußball-EM. Es ist Sommer, Schulferien, die Meisterschaft findet in einer Fußballnation statt, die Corona-Maßnahmen sind kaum noch existent und trotzdem haben wir keine riesigen Public Viewing Events und Deutschlandfahnen am Autospiegel. Denn hier spielt schließlich nur das Stiefkind des DFB: Der Frauenfußball. Lange kämpfte der Frauenfußball mit dem Urteil, er sei langsamer und langweiliger. Dabei war nur weniger Geld für Kameras und Perspektiven da als bei den Männern. Spätestens seit dem 8:0 der Engländerinnen gegen die Norwegerinnen sollte klar sein, DAS ist Tempo. Und tatsächlich hörte ich meine Frau gestern Abend sagen: „Wenn die Männer so Fußball spielen würden wie die Frauen, dann würde ich Männerfußball auch gucken.“ Wir sind also hoffentlich bald im Eldorado der gleichberechtigten Wahrnehmung angekommen, zumindest im Fußball. Mehr zum Fußballsport als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen findet man übrigens bei der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur.

Zur Person

Annie Heger (38), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.

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