Hamburg Warum Sie weniger planen sollten - und wie das geht
Der Mensch hat einen Plan vom Leben - ob für seinen Alltag, Beruf, die Familienplanung oder Zukunft. Charlotte Cordes erklärt im Interview, weshalb es sich lohnt, kurzfristiger zu denken und mehr zu improvisieren.
Wir hätten gerne, dass alles nach Plan läuft, aber eigentlich klappt das nie. Das kann lästig und zermürbend sein. Für Charlotte Cordes sind schief gelaufene Pläne kein Ärgernis, sondern eine Möglichkeit loszulassen und Gelassenheit zu üben. Im Interview erzählt die Expertin für Improvisation, wie das geht.
Frage: Frau Cordes, jeder von uns hat Pläne – sei es wie der Alltag abläuft, wann wir uns mit Freunden verabreden oder welche Schritte auf der Karriereleiter wir nehmen möchte. Als provokativer Coach versuchen Sie unter anderem, Menschen aus ihrem strengen Planungs-Korsett zu befreien. Wie verplant sind wir eigentlich?
Antwort: Wir leben in einer durch Optimierung geprägten Gesellschaft. Höher, schneller, weiter lautet die Devise. Es gibt Menschen in den Zwanzigern, da folgt ein Meilenstein auf den nächsten: Ausbildungsabschluss, Hausbau, Kinder. Sie sind getrieben von ihren Plänen – und das kann sie bis ins hohe Alter verfolgen. Ich bemerke daneben aber, dass viele diese Planungswut eines Tages an ihre Grenzen bringt. Manche leiden unter einem Burnout, andere sind so gestresst, dass sie einen Herzinfarkt bekommen.
Frage: Warum planen wir so viel?
Antwort: Pläne geben unserem Alltag Struktur, sie schaffen Routinen. Bis zu einem bestimmten Punkt brauchen wir Pläne, damit unser Leben funktioniert. Das fängt bei normalen Erledigungen wie dem Wocheneinkauf an oder privaten Unternehmungen wie der Urlaubsplanung. Daneben sind Pläne zudem der Versuch, die Kontrolle über unser Leben zu bewahren. Der Mensch möchte immer wissen, wie es weitergeht. Es gibt uns ein Gefühl von Halt, unser Leben zu organisieren - vor allem während Krisen wie der Corona-Pandemie oder dem Ukraine-Krieg. Dabei weiß jeder: das Leben ist schwer planbar, Pläne schaffen nur eine imaginäre Sicherheit.
Frage: Bis zu welchem Punkt ergeben Pläne also Sinn?
Antwort: Es braucht eine Mischung aus Plan und Improvisation. Starr „Plan A“ zu verfolgen, macht auf Dauer wenig Freude. Das haben viele von uns in der Pandemie erkannt, in der kein Plan aufgegangen ist, wir flexibler denken und ständig umplanen mussten – viele saßen plötzlich am heimischen Küchentisch vor dem Laptop, mussten Termine via Video-Call klären, die Schulen wurden geschlossen, Familienfeiern oder große Urlaube verschoben. Diese Haltung kann man sich auch abseits von Krisen bewahren: je weniger man sich auf einen bestimmten Plan festlegt, desto freier kann man agieren.
Frage: Wann sollte man einen Plan überdenken?
Antwort: Sobald eine Person wie ein Hamster im Laufrad herumhetzt, die einzigen freien fünf Minuten noch am Smartphone verdaddelt oder sich abends noch mit Wäscheaufhängen stresst. Zu viele To-Dos können uns die Luft zum Atmen nehmen. Wer bemerkt, dass ihm alles zu viel wird, sollte sich ohne Telefon an einen Wohlfühlort zurückziehen. Manche gehen dann in die Badewanne, andere meditieren oder laufen durch den Wald. Ich selbst gehe reiten. Aber in unserer getriebenen Welt fällt es vielen schwer, sich für 15 Minuten eine Pause zu gönnen oder gar Abstand von den eigentlichen Plänen zu nehmen.
Frage: Was treibt uns und unsere Pläne so?
Antwort: Vor allem unsere Smartphones erinnern uns stetig daran, was noch ansteht und lenken uns in Ruhephasen ab. Verstehen Sie mich nicht falsch, unsere Mobiltelefone sind wunderbare Helfer, mit denen wir alles erledigen können. Viele nutzen den Kalender ihres Telefons, um ihre Termine zu koordinieren. Aber selbst wenn wir nicht an unseren Plänen arbeiten und im Freizeitmodus sind, halten wir unser Smartphone in der Hand, shoppen online oder verlieren uns in sozialen Medien. Diese permanente Beschäftigung lässt uns seltener Ruhe finden und löst oft Stress aus.
Frage: Vor allem auf sozialen Medien wie Instagram, Twitter oder LinkedIn zeigen viele, was sie planen, leisten oder erreicht haben. Wie beeinflusst das unsere eigenen Pläne?
Antwort: Soziale Plattformen fordern uns heraus – nicht nur den Blick auf unser Privatleben, sondern auch die beruflichen Meilensteine. Auf der einen Seite kann es uns inspirieren, auf der anderen Seite laufen wir Gefahr, neue Pläne zu schmieden, uns weiter anzutreiben, damit wir die gleichen Ziele wie andere erreichen – sei es ein beruflicher Titel oder ein Traumurlaub. Das birgt erneut die Gefahr, sich so sehr zu stressen, dass wir unsere eigenen, echten Bedürfnisse aus den Augen verlieren.
Frage: Was macht diese Planungswut mit uns?
Antwort: Ich habe viele Klientinnen und Klienten, die perfektionistisch agieren. Doch diese Planungswut tötet jede Kreativität. Sie agieren oft verkopft und verkrampft, nur die kleinsten Fehler werden zur größten Katastrophe. Sie stecken in ihren Plänen fest und finden manchmal allein schwer heraus.
Frage: Was hilft in einer festgefahrenen Situation?
Antwort: Humor - und zwar nicht der sarkastische und auslachende Humor, sondern der, bei dem man über sich selbst lachen kann. In meinen provokativen Coachings spiegle ich den Klientinnen und Klienten ihre Stolpersteine. Mit meiner Karikatur möchte ich ihr festgefahrenes System wieder in Bewegung bringen, damit neuer Handlungsspielraum möglich ist. Oft löst diese Art zu arbeiten Entspannung und Befreiung aus. Menschen stehen dann vor mir und sagen auf einmal lachend: „Oh mein Gott, was mache ich da eigentlich?“.
Frage: Warum sollten wir provokativ auf unsere Pläne schauen?
Antwort: Das lateinische Wort provocare steht für „Hervorholen“ oder „Herausfordern“. Wir arbeiten beim Provokativen Ansatz nicht aggressiv oder zynisch, sondern schauen wohlwollend auf die Eigenheiten unserer Klientinnen und Klienten. Unsere Grundhaltung ist: Ich traue dir eine Veränderung zu, du bist stark und mündig, dein Leben selbst in die Hand zu nehmen. In unserer Arbeit sagen wir dann aber das Gegenteil, etwa: „Du bist zu alt oder zu dämlich, dein Leben zu verändern.“ Die Provokation soll den Blickwinkel der Menschen ändern, die Chance ist groß, dass sich durch unsere schrägen provokativen Bilder etwas im Verhalten des anderen verändert. Dieser Ansatz kann nur funktionieren, wenn wir unser Gegenüber für stark halten. Andernfalls dürfen wir auf keinen Fall provozieren.
Frage: Zudem arbeiten Sie in Ihren Fortbildungen mit Techniken aus dem Improvisationstheater, stehen seit Jahre selbst auf der Bühne. Warum sollten wir mehr improvisieren, statt starr zu planen?
Antwort: Der Provokative Ansatz und das Improvisationstheater teilen sich eine identische Haltung: Wir schalten unsere Pläne aus, sind im Moment beim Gegenüber und spielen mit dem, was kommt. Das macht uns aufmerksamer, hält uns flexibel, stresst uns weniger und regt unsere Kreativität an. Ich hatte einmal einen Klienten, der im Beruf so starr plante, dass er bereits vor den Meetings die Protokolle dazu schrieb. Ablauf und Ergebnisse standen schon fest, für das Team war das nicht besonders produktiv.
Antwort: Improvisation bedeutet, flexibel zu sein, Veränderungen anzuerkennen und statt „Plan A“ potenzielle Pläne von „B bis Z“ zuzulassen, wenn sie auf dem Weg auftauchen. Für viele meiner Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer ist es eine große Herausforderung, Improtheater zu spielen. Sie dürfen nicht länger ein inhaltliches Ziel verfolgen, sondern müssen andere beobachten, zuhören und aus dem Moment heraus reagieren. Tools aus dem Improvisationstheater unterstützen uns auch im Alltag: Funktioniert ein Plan nicht, wird das nicht länger zum Problem, sondern wir versuchen einfach etwas Neues. Viele müssen diesen Schritt oft wieder neu lernen, weil wir es gewohnt sind, die ganze Zeit zu planen.
Frage: Wann lernt der Mensch zu planen?
Antwort: Ich glaube, das geht spätestens in der Grundschule los. Hier müssen sich Menschen ersten Strukturen anpassen, vom Stundenplan über Hausaufgaben und Tests – alles ist durchgetaktet. Wer etwas falsch macht, bekommt es rot angestrichen. So scheint es von Anfang an so, als seien Fehler in unserem perfekten Leben nicht erlaubt. Keith Johnstone, einer der Wegbereiter des Improvisationstheaters beschreibt das so: Kinder kommen als großes Fragezeichen in die Schule.
Antwort: Sie haben eine spielerische Freude am Lernen. Sobald sie die Schule verlassen, sind sie ein großes Ausrufezeichen. Sie haben Angst, zu versagen und sind blockiert. Dieser Glaubenssatz bleibt uns nach der Schule erhalten: Wir versuchen keine Fehler zu machen und verstricken uns in Planungen, um unser Leben zu optimieren. Viele Eltern sagen am ersten Schultag zu ihren Kindern: „Jetzt geht der Ernst des Lebens los“. Absurd, oder?
Frage: Viele von uns haben genau diesen Satz immer und immer wieder gehört. Ob zum Schulstart, dem Beginn der Ausbildung oder dem ersten Job. Wie nimmt man den Planungsdruck raus?
Antwort: Oft lohnt es sich, ein wenig kurzfristiger zu denken und für sich oder seine Kinder nicht den großen Lebensplan bis zur Rente zu entwerfen. Besonders in unseren Zeiten, die von Krisen beeinflusst werden, ist es sinnvoll, sich mental immer wieder darauf einzustellen, dass es auch ganz anders laufen kann als man es vorhatte. So gelingt es, wenn ein Plan nicht funktioniert, schneller um die Ecke zu denken, anstatt sich in die Enge zu manövrieren.
Antwort: Das gilt nicht nur für den Beruf, sondern auch für das Private. Oft steckt hinter großen Plänen auch die Angst vor Fehlern. Dabei brauchen wir Fehler, um uns zu entwickeln. Wir lernen aus Rückschritten, spinnen daraus neue Ideen und verlieren die Angst. Wenn wir keine Fehler machen würden, würden wir heute noch in Höhlen sitzen und könnten kein Feuer machen.
Frage: Nicht nur das Berufliche wird eifrig geplant. Es wirkt beispielsweise so, als würden viele Paare heute auch ihre Familiengründung stärker organisieren als früher.
Antwort: Ja, dabei versuchen Menschen auch hier etwas zu kontrollieren, was nur schwer kontrollierbar ist. Viele fokussieren sich zunächst auf Ausbildung und Studium, dann kommt der erste Job. Sobald die Idee einer Familiengründung im Raum steht, hoffen einige, beim ersten Eisprung schwanger zu werden. Problematisch ist hier die Fallhöhe – je mehr man plant, desto eher ist man frustriert, wenn es dann nicht sofort klappt.
Antwort: Ich rate jedem, flexibel zu bleiben und sich einen Gedanken aus dem Improvisationstheater zu merken: „Bleib glücklich, wenn du scheiterst“. Natürlich darf man sich ärgern und traurig sein. Aber jahrelang schiefgelaufenen Plänen hinterher zu trauern, ist der Trostpreis des Lebens. Ein echter Gewinn ist hingegen, durchzuatmen, sich die Situation anzuschauen und zu überlegen, welche alternativen Lösungen es gibt.
Frage: Auch im Alltag geißeln wir uns oft selbst. Wir planen, das Haus zu putzen, dann wird die Zeit knapp. Oft enden diese Situationen in schlechter Laune - entweder weil man keine Zeit findet zu putzen oder unter Stress schnell feudelt. Wie würden Sie darauf schauen?
Antwort: Wieder mit Humor (lacht). Hier gilt es, Gewohnheiten zu durchbrechen – und das fällt jedem von uns schwer. Ich fordere meine Klientinnen und Klienten dann immer heraus, sage ihnen, dass sie zu alt seien, ihren Trott hinter sich zulassen, der Ruf der Toilette, die geputzt werden muss, zu laut für sie sei. In diesen Momenten werden wir wieder zu kleinen Kindern: Wenn uns jemand vorschreibt, wie wir sind, setzen wir uns zur Wehr.
Antwort: Viele Menschen wollen mir dann beweisen, dass sie es schaffen, sich einfach hinzusetzen, das schmutzige Badezimmer ignorieren können, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Wir müssen uns immer überlegen: welche Pläne sind sinnvoll und welche zu groß. Dabei bleibt eine Sache sehr wichtig: Innerlich muss es mir als Coach, Freunden oder der Familie egal sein, ob sich jemand ändert oder nicht. Wir sind nur der Spiegel. Unser Gegenüber finden die Lösung selbst. Daran glaube ich fest.