Osnabrück  Das Kollektiv: Havarie eines Hoffnungsträgers der Kultur

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 11.07.2022 15:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
documenta fifteen startet in Kassel Foto: dpa
documenta fifteen startet in Kassel Foto: dpa
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Es ist das neue Zauberwort des Kulturbetriebs: das Kollektiv. Es soll kreativer und gerechter sein als das Individuum. Ruangrupa, das Leitungskollektiv der Documenta 15 zeigt nun aber eine schlechte Performance. Ist das Kollektiv schon wieder out? Ein Hoffnungsträger havariert.

Kollektiv: Das Wort klang lange Zeit ungefähr so sexy wie Brigade oder Arbeiterklasse. Mit der historischen Niederlage sozialistischer Gesellschaftsmodelle schien auch das Kollektiv erledigt, das Wort abgelegt unter den terminologischen Restposten verblichener Utopien. Doch jetzt ist es wieder da, glänzt wie neu poliert: das Kollektiv. Der Kulturbetrieb organisiert sich gemeinschaftlich. Vorbei die Zeiten einsam herrschender und entscheidender Intendanten oder Kuratoren. An die Stelle eitler männlicher Bestimmer treten Teams, divers und weiblich, gesellschaftlicher Wirklichkeit besser angepasst. Das Kollektiv hat die Konjunktur für sich, scheint sogar avancierter zu sein als das Modell der Doppelspitze.

Schade nur, dass Ruangrupa gerade nicht nur die Documenta ramponiert, sondern mit dem Kollektiv das neue Hoffnungsmodell des Kulturbetriebes gleich mit versenkt. Der Jubel war groß, als die Kasseler Findungskommission 2018 das indonesische Künstlerkollektiv mit der Leitung der Documenta 15 betraute. Ruangrupa propagierte eine neue Gemeinschaftlichkeit, setzte das Kollektiv als neuen kulturellen Marker. Und nun das: Der Skandal um antisemitische Bildmotive auf der Documenta hat Ruangrupa entzaubert. In der vehementen Debatte um die skandalösen Entgleisungen der Künstlergruppe Taring Padi bleibt ausgerechnet die Documenta-Spitze merkwürdig still. Statements, Erklärungen? Von Ruangrupa kommt - nichts.

Dabei sollte es das Kollektiv doch richten, sollte zeigen, wie sich Menschen in einer komplexen, weil diversen Gesellschaft besser verständigen, effizienter kommunizieren, kreativer arbeiten können. Die Documenta fifteen, sie ist eine einzige Ansammlung von Kollektiven und ihren unüberschaubaren Vernetzungen. Darin liegt aber auch der Fehler: Das Kollektiv hebt auf, was Organisationen für ihre Mitglieder wie für die Öffentlichkeit lesbar macht: Rollenbeschreibungen, Kompetenzen, Ziele. Wer verantwortet was? An dieser Frage ist Ruangrupa gescheitert. Sie haben andere machen lassen und verstummen nun, obwohl sie jetzt gefordert wären, den Skandal um antisemitische Bilder zu erklären.

Und trotzdem: Das Kollektiv hat Konjunktur wie der Tischkicker auf der Büroetage des Start Up-Unternehmens. Das Kollektiv markiert die Richtung, erst in der Kultur, dann in der Gesellschaft? Die gerade bestellte Leitung des Berliner Theatertreffens: ein Kollektiv. Die neue Moderation des ZDF-Kulturmagazins Aspekte startete seinerzeit als Kollektiv, bis Tobias Schlegl ausstieg und das Team auf eine Doppelspitze reduzierte. Nicht nur Theater wie die Berliner Volksbühne werden kollektiv geleitet, auch die Übersetzung von Amanda Gormans Gedicht "The Hill we Climb" war 2021 eine Kollektivleistung, der ein verkopfter Streit um Identität und Diversität vorausging. Das Kollektiv erweist sich als die organisatorische Seite der Political Correctness: angepasst, weil nach allen Seiten abgesichert.

Die deutsche Version von "The Hill we Climb", jenem Gedicht, das Amanda Gorman zur Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden im Januar 2021 bewegend vortrug, liest sich jedenfalls entsprechend. Lau und flau, was die Journalistinnen Kübra Gümüşay und Hadija Haruna-Oelker sowie die Übersetzerin Uda Strätling da kollektiv produzierten. Sicher, die Videoarbeit, die Hito Steyerl auf der Documenta als Leistung eines Teams auf der Documenta 15 präsentierte, schien die Ehre kollektiver Produktionsmodelle zu retten. Steyerl aber verließ die Kasseler Kunstschau, weil sie nervte, was Kollektive auszeichnet: die neue Lust an der Verantwortungslosigkeit.

Ist das Kollektiv als Modell schon wieder passé? Hoffentlich und mit ihm die Fiktion einer Welt ohne Konflikte und Interessenausgleich. Wo es um die nächste Ausgabe der Documenta geht, wird schon wieder nach dem gerufen, was dem Kollektiv widerspricht - nach der starken Einzelpersönlichkeit, die es dann richten soll.

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