Ärger um E-Mail  Kammer räumt ein, „Bockmist gebaut“ zu haben

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 11.07.2022 15:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Sie hatten Gesprächsbedarf: In etwa ein Dutzend Landwirte, darunter auch Jens Soeken (3. von links), war für ein klärendes Gespräch zur Bezirksstelle der Kammer nach Aurich gekommen. Foto: Bär
Sie hatten Gesprächsbedarf: In etwa ein Dutzend Landwirte, darunter auch Jens Soeken (3. von links), war für ein klärendes Gespräch zur Bezirksstelle der Kammer nach Aurich gekommen. Foto: Bär
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Eine fast formlose Mail der Landwirtschaftskammer, in der sie eine App runterladen und Daten liefern sollten, hat Bauern in Aufruhr versetzt. Waren da Cyberkriminelle am Werk?

Aurich - Am Freitagnachmittag ploppte unangekündigt eine Email bei zahlreichen Landwirten in Ostfriesland auf, die so unerklärt und so seltsam formlos Daten abfragte, dass viele Bauern nach deren Lektüre stutzten. Der Timmeler Landwirt Jens Soeken etwa sagt: „Ich habe wirklich gedacht, ogott, jetzt haben Hacker die Kammer gekapert. Und jetzt wollen sie unsere Daten ergaunern. Das wirkte derart plump in der Anrede, war so formlos, dass ich dachte: Das kann nicht von der Kammer kommen – zumal nicht auf nem Freitagnachmittag, da arbeiten die ja doch gar nicht mehr.“

Was und warum

Darum geht es: Eine E-Mail der Landwirtschaftskammer hat für viel Aufregung gesorgt.

Vor allem interessant für: Landwirte und alle, die sich für Digitalisierung interessieren

Deshalb berichten wir: Unsere Redaktion war auf die Versammlung der Landwirte aufmerksam geworden und hat daraufhin recherchiert.

Den Autor erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de

Das Ganze sorgte für so viel Aufregung, dass gut ein Dutzend von ihnen am Montagvormittag mit Treckern bei der Bezirksstelle der Kammer in Aurich vorfuhren, um mit den Verantwortlichen Klartext zu reden. So viel vorweg: Die Kammer war nicht gehackt worden, auch wollten sich keine Cyberkriminellen hier Daten der Bauern erschleichen. Doch das, was die Kammer von den Bauern wollte, war anscheinend so schlecht vorbereitet und kommuniziert worden, dass der Verdruss bei einigen Landwirten enorm war.

„Ich kannte die App gar nicht“

Was war da los? Dr. Rolf Bünte, Geschäftsführer der Bezirksstelle in Aurich, erklärt: „Jeder Landwirt muss, wenn er Prämien für seine Flächen beantragt, für jede angeben, was er darauf anbaut und wie er sie bewirtschaftet. Jetzt gibt es ein neues, satellitengestütztes Monitoring. Jede Woche überfliegt ein Satellit die Flächen, und es wird per künstlicher Intelligenz für jede Fläche in Niedersachsen überprüft, ob die Flächen wie angegeben bewirtschaftet werden. Dabei kann es bei der Technik zu Fragezeichen kommen. Bislang wurden Unklarheiten durch unseren Prüfdienst persönlich geklärt. Jetzt aber gibt es eine neue App, in der die Bauern um Aufklärung gebeten werden, um Verwaltungsaufwand zu reduzieren, indem sie in der App selbst Fotos der Flächen machen.“ So weit, so nachvollziehbar. Diese App, sie heißt „Fotos Agrarförderung Niedersachsen“, kurz: Fani, ist neu eingeführt worden. Mit einem Haken in ihren Flächenprämienanträgen haben die Landwirte auch erklärt, dass sie die App zu nutzen bereit sind. „Das war aber ein versteckter Passus, den viele – mich eingeschlossen – gar nicht gelesen haben, von dem viele nichts wussten. Ich kannte die App nicht“, sagt Jens Soeken.

Und nun kam also die Mail am Freitagnachmittag. Darin heißt es: „Guten Tag, zu Ihrer Registriernummer(…) liegen für folgende Flächen neue Fotobelegaufträge vor.“ Dann folgt eine Liste von Aufträgen, und im Anschluss heißt es: „Bitte reichen Sie die aufgeführten Fotobelegaufträge über die Fani-App ein.“ Weitere Infos und konkrete Anweisungen finde man nach der Authentifizierung in der App. Das Ganze endet mit den Worten „Mit freundlichen Grüßen Ihre Bewilligungsstelle“. Was genau das sollte? Was wer da jetzt fotografieren sollte und warum? Blieb im Schreiben unerklärt. Aber es gab Links zum Runterladen der App.

„Das ist richtig nach hinten losgegangen“

Dr. Rolf Bünte sagt: „Ich kann total nachvollziehen, dass die Landwirte dachten: Das ist `ne Phishing-Mail. So ganz ohne Erklärungen, ohne dass es im Vorfeld Infos gab, die das Ganze einordnen und auch den Umgang mit den Daten erläutern. Natürlich hätten sie auch ihre Anträge genauer lesen und sich genauer informieren können. Da ist trotzdem auf Kammerseite Bockmist gebaut worden. Die Krawatte, der Brast, den die Landwirte haben, ist völlig verständlich. Da geht man nichts Böses ahnend an seinen Rechner und findet so eine Mail. Das ist richtig nach hinten losgegangen.“

Die Abstimmung zwischen Fachabteilung in Hannover und Kommunikation am Standort Oldenburg habe in diesem Fall nicht gut geklappt. „Die Absprache war unzureichend. Aber das passiert manchmal, wenn zu viele Köche in einem Topf rühren.“ Am Freitagabend erklärte die Kammer auf ihrer Homepage die Echtheit der Mail, räumte ein dass die Kommunikationswege offensichtlich nicht ausreichend waren. „Wir bitten daher für diese unzureichende Information und die damit verbundene Unsicherheit um Entschuldigung!“

„Dieses Bürokratie-Monstrum, das kann nicht sein“

Nun ist das aber nicht der einzige Punkt, der die Bauern aufregt. Denn abseits aller formlosen Anreden und unerklärten Schritte hat es offenbar sehr viele Flächen gegeben, die die künstliche Intelligenz der Technik nicht sicher zuordnen konnte. „Ich habe einen Kollegen, der sollte binnen einer Woche 83 Feldschläge anfahren, mitten auf die Fläche gehen und sie fotografieren, um nachzuweisen, dass auf den Flächen auch das passiert, was wir beantragt haben. 83! Als ob wir sonst nichts zu tun hätten. Damit ist man zwei volle Tage beschäftigt“, schimpft Soeken.

„Und dabei geht es vielfach um einfaches Dauergrünland. Dieses Bürokratie-Monstrum, das da jetzt geschaffen wurde, das kann nicht sein. Der Ansatz ist ja nicht schlecht – aber dann sollte die Technik auch in der Lage sein, Flächen deutlich zweifelsfreier erkennen zu können“, sagt Soeken. Bünte räumt ein: „Ich kann auch nachvollziehen, wenn Landwirte sagen, sie fühlen sich überkontrolliert. Und neue Technik hat im Anfang ja öfter Kinderkrankheiten, die sich mit der Zeit legen. Den Ansatz, so auch Aufwand zu reduzieren, halte ich für klug. Der Rest wird sich jetzt auch einspielen.“

Soeken zeigte sich am Montag dankbar für ein „sehr gutes Gespräch“, rechnete der Kammer die offene Selbstkritik auch hoch an. Er sagt: „Trotzdem wünsche ich mir etwas mehr Vertrauen gegenüber uns Landwirten. Und auch Bearbeitungsfristen, die in der Praxis machbar sind – mit einem Aufwand, der auch vertretbar ist.“ Er sei aber froh, „dass die große Verunsicherung sich aufgelöst hat“ – und dass auch keine Hacker am Werk waren, die sich Daten ergaunern wollten.

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