Nordsee Das große Geschäft mit den kleinen Fähren
Die Nachfrage nach schnellen Inselverbindungen mit kleinen Fähren wächst. Die Reedereien investieren weiter. Nun drohen ihnen jedoch schärfere Richtlinien.
Die Insel-Tickets sind teurer, die Überfahrten schneller und regelmäßiger. Das ist das Konzept der Wassertaxis, mit denen die Reedereien Töwerland-Express und Frisia (Insel-Express) durchs Wattenmeer flitzen. Das Geschäft lohnt sich immer mehr, wie auf Nachfrage deutlich wird. Und es wird kräftig investiert. Nun gibt es jedoch eine neue Verordnung, die alles schwerer und unrentabler macht und die Branche wehrt sich.
Mehr als drei Jahre sind seit dem Startschuss der Fähren vergangen, die ursprünglich auf den Juister Gastronom Jörg Schmidt zurückgehen. Im Gegensatz zur Frisia nutzt er die kleinen Boote ausschließlich. Eine größere Fähre soll zwar kommen, aber das dauert noch. Umso stärker trifft ihn die neue Schiffsbesatzungsordnung. Sie schreibt unter anderem nicht nur vor, dass die Skipper von Schiffen und Booten unter acht Metern Länge ein Schiffsbesatzungs-Zeugnis (umgangssprachlich Patent genannt) vorweisen müssen. Es müssen zudem immer zwei Besatzungsmitglieder mit Sportbootführerschein See an Bord seien, sobald mindestens sechs Passagiere an Bord sind. Das bestätigt auf Nachfrage auch Christian Bubenzer, Sprecher der Hamburger Dienststelle Schiffssicherheit der Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft (BG Verkehr).
Eigentlich habe das Bundesministerium für Digitales und Verkehr die geänderte Verordnung schon zum 23. Juni vergangenen Jahres eingeführt, schreibt er. Seit diesem Monat werde diese Vorgabe jedoch verschärft kontrolliert. Und das wird für die Reedereien zum Problem. So erklärt Schmidt gegenüber unserer Zeitung, dass die Wassertaxis dadurch zu unrentabel werden. Auch leide die Schifffahrtsbranche, wie so viele andere auch, unter Personalmangel, was die Besetzung der Fähren schwieriger mache.
Zwar handle es sich bei der Neuerung um eine Sicherheitsregel. Der Töwerland-Chef gibt jedoch zu bedenken, dass die Strecken zwischen den von den Wassertaxis angefahrenen Festlandshäfen und den ostfriesischen Inseln kurz sind. Der Abstand Norddeich-Juist beispielsweise betrage 3,2 Seemeilen (etwa 5,5 Kilometer). Auch handle es sich beim Wattenmeer um eher flaches Gewässer mit geringen Wellenhöhen. Sollte tatsächlich mal ein Skipper am Steuer umkippen, schaffe es jeder Laie ohne Einweisung, die Wassertaxis selbst ans nächste Ufer zu steuern, versichert er. Bei den kleinen Flugzeugen der Frisia-Luftverkehrstochter FLN sehe das anders aus. Dort reiche zudem rechtlich auch nur ein Pilot aus, macht er deutlich. Schmidt hat deshalb Widerspruch gegen die Schiffsbesatzungsordnung eingelegt.
Er ist damit nicht alleine. „Der Verband Deutscher Reeder ist an uns herangetreten und hat gebeten, dass für eine Übergangszeit auf die Besetzung mit einem zweiten Besatzungsmitglied verzichtet werden soll. Dieses Anliegen prüfen wir derzeit“, erklärt Bubenzer. Dennoch geht er davon aus, dass die Wasserschutzpolizei nun erst einmal verschärft kontrollieren wird. „Das Bundesverkehrsministerium hat nochmals darauf hingewiesen, dass die Übergangsfrist für das Aussetzen von Ordnungswidrigkeiten-Verfahren wegen möglicher Unterbesetzung von Wassertaxis zum 30. Juni endet.“
Fred Meyer ist Sprecher der Norddeicher Reederei Frisia. Er widerspricht der Darstellung Schmidts, dass auch sein Unternehmen direkt gegen die Verschärfung vorgegangen ist. „Grundsätzlich begrüßen wir die Erhöhung des Sicherheitsstandards in diesem Geschäftsfeld!“, heißt es. „Die zuständigen Behörden sind nach unserer Kenntnis aber noch in Klärung der Umsetzung strengerer Vorgaben.“ Auch Meyer bestätigt jedoch, dass der aktuelle Facharbeitermangel für die Seefahrtsbranche „ein großes Problem“ sei.
Schmidt hatte der Frisia schon in der Vergangenheit vorgeworfen, nur deswegen mit in das Wassertaxi-Geschäft eingestiegen zu sein, um ihn unter Druck zu setzen. Dazu seien in der Vergangenheit noch Rufe der Frisia nach schärferen Verordnungen gekommen. Mittlerweile habe das Unternehmen aber offenbar erkannt, dass es auch selbst mit den Mini-Fähren Geld machen kann. Zumal laut der Frisia gerade das Flugangebot Richtung Juist besser laufen könnte und sich immer mehr Menschen, die es eilig haben oder die beruflich unterwegs sind, fürs Wassertaxi entscheiden.
Die Frisia wiederum verpasst aber auch gerne mal Seitenhiebe in Richtung ihres Konkurrenten, ohne ihn direkt beim Namen zu nennen. So warnte erst kürzlich Reederei-Vorstand Carl-Ulfert Stegmann bei der Jahreshauptversammlung seine Aktionäre davor, dass die Wassertaxen ganz allgemein „keinerlei Sicherheitsstandards“ böten und nicht gut für die Umwelt seien. Vor dem Hintergrund der aktuellen Fluggastzahlen sprach er diesen Booten aber eine – wenn auch fragliche – Daseinsberechtigung aus, zumal das Bundesverkehrsministerium nichts gegen die „Wild-West“-Manieren auf dem Wasser unternehme. „Wir sehen uns deshalb hier weiterhin zum Handeln gezwungen, da wir ansonsten Marktanteile verlieren werden.“ Derzeit habe man vier baugleiche Boote zwischen Juist, Norderney und Norddeich im Einsatz, so Reederei-Sprecher Meyer.
Gleichzeitig bereitet sich die Frisia derzeit auf den Einsatz ihres sogenannten Wasserbusses vor, der zwischen Norddeich und Juist 56 Passagieren Platz bieten und im Verhältnis umweltfreundlicher als die Wassertaxis sein soll. Im Herbst soll das Schiff kommen und in Zusammenarbeit mit Ems-Offshore, einem Tochterunternehmen der AG Ems aus Emden, eingesetzt werden.
Der Töwerland-Express hat derzeit fünf kleine Fähren für bis zu zwölf Personen zwischen Juist und Norddeich im Einsatz. Eine 8er-Fähre verkehrt zudem zwischen Neßmersiel und Baltrum. Man schaffe nun aber auch noch ein größeres Schiff für 100 Passagiere an. „Wir hoffen darauf, dass es nächstes Jahr ankommt“, sagt Schmidt. Das wäre schneller als gedacht und habe damit zu tun, dass die beauftragte Werft kürzlich einen russischen Auftraggeber verloren habe. Das Schiff soll vor allem Richtung Juist, aber auch für Ausflüge zum Beispiel zu den Seehundbänken genutzt werden können.