Beratung in Erstunterkunft  Flüchtlinge aus Ukraine in Leer – wer kann, will arbeiten

Karin Lüppen
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Von Karin Lüppen
| 08.07.2022 17:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Nach wie vor flüchten täglich Menschen vor dem Krieg in der Ukraine (Bild). So sind unter anderem Geflüchtete aus Mariupol nach Leer gekommen. Foto: Felipe Dana/AP/dpa
Nach wie vor flüchten täglich Menschen vor dem Krieg in der Ukraine (Bild). So sind unter anderem Geflüchtete aus Mariupol nach Leer gekommen. Foto: Felipe Dana/AP/dpa
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Aktuell hat der Landkreis Leer 1464 Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen. Seit Juni ist für sie das Jobcenter zuständig – das berät direkt.

Leer - Jede Woche kommen im Landkreis Leer neue Geflüchtete aus der Ukraine an. Sie werden in der Erstunterkunft in der Sporthalle der BBS in Leer betreut. Dort ist seit Juni das Zentrum für Arbeit (ZfA) vor Ort und berät die Ukrainer. Dabei geht es vorrangig darum, dass die Menschen Sozialleistungen erhalten können. Aber: „Es gibt eine hohe Bereitschaft, eine Arbeit anzunehmen“, sagt ZfA-Leiter Michael Kläsener.

Was und warum

Darum geht es: Der Landkreis Leer nimmt jede Woche neue geflüchtete Ukrainer auf.

Vor allem interessant für: Alle, die das Schicksal der Menschen rührt

Deshalb berichten wir: Aktuelle Zahlen wurden in einer Ausschusssitzung vorgestellt.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de

Er berichtete im Ausschuss für Arbeit, Soziales und Gesundheit über die Arbeit mit den Geflüchteten. Normalerweise ist das Jobcenter für die Betreuung von Langzeitarbeitslosen zuständig, doch nach Beschluss der Bundesregierung erhalten die Ukrainer keine Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, sondern nach Sozialgesetzbuch II – also das, was landläufig als Hartz-IV bezeichnet wird.

Beratung gleich nach der Aufnahme

Aktuell werden vom ZfA laut Kläsener 1464 Geflüchtete aus der Ukraine betreut. Mitarbeiter des Landkreises und des ZfA seien dafür abgestellt, direkt in der Erstaufnahme bei der BBS mit ihnen die entsprechenden Antragsformulare auszufüllen und sie bei der Krankenkasse anzumelden. Derzeit beziehen bereits 1083 Geflüchtete die Sozialleistungen. Außerdem geht es um die Frage, ob die Menschen arbeiten können oder wollen.

Wie Kläsener ausführte, sind 65 Prozent der Geflüchteten Frauen, die häufig mehrere Kinder mitgebracht haben. Sie könnten in der Regel nicht Vollzeit arbeiten. „Es gibt außerdem einen Anteil von Menschen, die so traumatisiert sind, dass sie nicht arbeiten können“, so der ZfA-Leiter. Insgesamt liege bei den Ukrainern ein „höheres Bildungsniveau“ vor, sie hätten in der Regel Abschlüsse in einem Studium, in Pädagogik, Alten- und Krankenpflege oder in anderen Berufen.

Abschlüsse müssen anerkannt werden

Das Problem: Die Abschlüsse müssten vor einer Arbeitsaufnahme anerkannt werden. Kläsener nannte das Beispiel von Kraftfahrern, die seit Jahren mit Lastwagen durch ganz Europa fahren, deren Führerschein in Deutschland aber nicht gültig ist, weil die Ukraine kein EU-Land ist. „Es muss dann eine Prüfung vor der Kammer abgelegt werden, danach ist die Fahrerlaubnis ein halbes Jahr gültig“, sagte Kläsener.

Überwiegend äußerten Geflüchtete den Wunsch, schon während der Sprachkurse einen Minijob oder eine Beschäftigung in Teilzeit anzunehmen. Die meisten Ukrainer sprächen neben ihrer Muttersprache Russisch, selten Englisch und noch seltener Deutsch. Aber viele seien dabei, die Sprache über ein kostenloses Portal der Volkshochschule zu lernen. Dort werden zudem Sprachkurse angeboten.

17 haben schon eine Arbeit

Bei der Vermittlung in Beschäftigung seien die ZfA-Mitarbeiter bereits erfolgreich gewesen: „Es konnten schon 17 Kunden in sozialversicherungspflichtige Arbeit vermittelt werden.“ Sieben von ihnen hätten eine Arbeit in Vollzeit bereits aufgenommen, die anderen fingen im Juli oder August an. Es liege eine Anfrage der Firma EVAG in Emden vor, für die Abfertigung der Autotransporter würden Lascher und Fahrer gesucht. Laut Kläsener könnten wegen der notwendigen Sprachkenntnisse derzeit nur Fahrer eingestellt werden.

Für den Autoumschlag im Emder Hafen werden Fahrer gesucht – dafür kämen Ukrainer infrage. Foto: Archiv
Für den Autoumschlag im Emder Hafen werden Fahrer gesucht – dafür kämen Ukrainer infrage. Foto: Archiv

Nach Angaben des Sozialamtes des Landkreises Leer sind in dieser Woche 50 neue Ukrainer und zwölf Asylbewerber aus weiteren Ländern eingetroffen. Die Erstunterkunft in der Sporthalle wird nun durch weitere Kapazitäten in einem leerstehenden Hotel in Warsingsfehn ergänzt. Über die Flüchtlingsberatung des DRK stünden sowohl Dolmetscher wie auch ehrenamtliche Ärzte zur Verfügung. „Ein großes Problem ist der Wohnungsmarkt“, sagte Marichen Weber vom Sozialamt.

Denn nach der Erledigung der Formalien werden die Ukrainer auf die Gemeinden verteilt und brauchen dort Wohnungen. „Wer noch etwas zur Verfügung stellen kann und will, darf sich gerne bei uns melden“, so Weber. Kinder und Jugendliche nehmen am neuen Wohnort am Unterricht teil. Wie Dezernentin Karin Scheffermann berichtete, betrifft das 148 Schülerinnen und Schüler an den allgemeinbildenden Schulen sowie 24 an der Berufsschule. An 41 Grundschulen im Landkreis Leer werden 116 Schülerinnen und Schüler unterrichtet, weitere zwölf Kinder in Grundschulen von freien Trägern.

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