Berlin Warum Russland den Ukraine-Krieg über Jahre hinweg durchhalten kann
Die militärischen Kapazitäten Russlands sind wesentlich größer als die der Ukraine. Welcher Faktor die Russen den Krieg jahrelang durchstehen lassen kann und was die Ukraine zur Unterstützung braucht.
Im direkten militärischen Vergleich stellt Russland gegenüber der Ukraine eine zahlenmäßige Übermacht dar. Mehr als viermal so viele aktive Soldaten und eine mehr als 13 Mal größere Luftwaffe schlagen laut „Globalfirepower“ ordentlich zu Buche. Der Westen versucht das durch Waffenlieferungen abzufangen. Doch ein bestimmter Faktor könnte Russland den Krieg auf Jahre hinweg durchhalten lassen.
Der britische Analyst für Landkriegsführung vom Royal United Services Institute (RUSI), Jack Watling, spricht im „Spiegel“-Interview von russischen Vorräten ungelenkter Artilleriemunition „auf Jahre hinaus.“ Anders sehe es bei präzisionsgelenkter Munition aus.
Watling spricht Russland nicht die Fähigkeit zu, die Ukraine militärisch zu besiegen. Vielmehr würde sich nach aktueller Lage ein langer „Zermürbungskampf“ abzeichnen, bei welchem sich die wirtschaftliche Übermacht und Truppenstärke Russlands bemerkbar machen würde. Für die Ukraine stünden die militärischen Kapazitäten im starken Ungleichverhältnis. Westliche Waffenlieferungen könnten die Lage verbessern.
Für Russland sind die Artilleriesysteme, Munitionsvorräte und Truppenstärke nach aktuellem Stand Vorteile über sehr lange Zeit hinweg. Der Artilleriebeschuss ermöglicht den Russen weniger Truppenverluste und eine stetige Zerstörung von Moral und Infrastruktur auf Seiten der Ukraine, sagt Franz-Stefan Gady, Militärexperte und Research Fellow beim Institute for International Strategic Studies gegenüber der „Tagesschau“. Auf der anderen Seite seien laut Watling die Ukrainer gerade jetzt auf die westliche Unterstützung angewiesen, um Erfolge zu erzielen. Artilleriegeschütze und Munition würden benötigt.
Vor allem präzisionsgelenkte Systeme seien für die Ukraine von Bedeutung. Mit Mehrfachraketenwerfern könnten sie russische Artillerie-Munitionsdepots angreifen. Auch könnten sie die Systeme zur elektronischen Kriegsführung mit radargestützten Lenkwaffen anvisieren, die Russland aktuell einen großen Vorteil verschaffen. Darüber hinaus seien laut Watling qualifizierte Truppen für Vorstöße von Nöten.
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Er begrüßt deswegen die Ankündigung von Boris Johnson, 10.000 ukrainische Infanteristen auszubilden. Das hatte der britische Premier Mitte Juni bei einem Besuch in Kiew mitgeteilt. Innerhalb von vier Monaten wolle Großbritannien die Soldaten ausbilden. Insgesamt seien laut Watling westliche Lieferungen von Waffen jedoch zu gering und unkoordiniert. Würde sich das nicht ändern, zeichne sich ein langer, zäher Kampf mit russischem Vorteil ab.