Bremen Held oder Schmerzensmann: Wann ist der Mann ein Mann?
Krone der Schöpfung, Maß aller Dinge? Der Mann liefert sie, die Idealmaße der Schönheit. Seit der Antike. Aber hat er sich an diesem Anspruch nicht längst überhoben?
Sie will. Er eigentlich auch. Aber er darf nicht, denn sie ist die Frau seines Chefs. Als er sich ihr verweigert, klagt sie ihn der Vergewaltigung an. Was eine Lovestory hätte werden können, verkommt zur Schlammschlacht. Schlechtes Reality-TV? Nein, Altes Testament. Die handelnden Figuren heißen Joseph und Potiphars Frau. Sebald Beham macht aus dem Plot im Nürnberg des 16. Jahrhunderts anzügliche Bildchen, die hochgestellte Bürgerleute wohl nur heimlich und mit rotem Kopf betrachtet haben werden. In der Kunsthalle Bremen nimmt der Besucher jetzt die Lupe zur Hand, um zu erkennen, was auf den nur wenige Zentimeter großen Blättern zu sehen ist: zwei schwellende Körper, ein bestens gebauter Joseph, der seine Lust kaum verbergen kann. Was für ein Mann! Keine Frage, warum sie ihn unbedingt will.
Wie modelt man die Grafikausstellung zur Zeitgeistschau? Richtig: Man verpasst ihr den plakativen Titel "Manns-Bilder" und sorgt für pfiffiges Branding in den sozialen Netzwerken, das auch vor deutlichen Effekten nicht zurückschreckt. Sebald Beheims "Der Tod und das unzüchtige Paar" von 1529 zum Viagra-Tag? Die Postkartenaktion, mit der Mann und Frau in Bremen aus den 70 präsentierten Darstellungen den "Mr. Kupferstichkabinett" wählen können, wirkt im Vergleich zu solchen Posts richtig brav. Sex sells. Nackt auch. Kuratorin Christine Demele hat sich in der Geschichte des männlichen Aktes und im bestens bestückten Bestand des Graphischen Kabinetts der Bremer Kunsthalle umgeschaut und eine Schau zusammengestellt, die allerdings mehr kann als ewige Weisheiten eines handfesten Marketings zu bestätigen.
Von Albrecht Dürer bis Max Beckmann und durch sieben Kapitel geht die Reise zum männlichen Akt als Motiv der Kunst - und zum Mythos Mann. Jede Menge Stoff für zeitgeistige Genderdebatten? Aber ja, da die Bilder zeigen, wie ein Geschlecht buchstäblich geformt wird. Ob Heros oder Schmerzensmann, maskulin sind sie beide durch und durch. Die Pfeile, die ihn durchbohren, scheint er kaum zu spüren, der "Heilige Sebastian an der Säule", den Albrecht Dürer um 1499 schön wie ein antikes Standbild konzipiert. Und auch der übermütige Göttersohn Phaeton, den Hendrick Goltzius 1588 auf seinem Kupferstich rücklings und so effektvoll wie im Hollywoodfilm abstürzen lässt, sieht noch im Moment seines Untergangs einfach blendend schön aus. Ist es das - das männliche Ideal?
Wie Künstler den Mann über Jahrhunderte zum Maß aller Dinge machen, ist nun in der Kunsthalle Bremen zu studieren. Schon in der Antike vermessen Künstler den Idealkörper des Menschen, indem sie am Mann ihr Maß nehmen, seinem Körper die Geheimnisse der Schönheit selbst abzulauschen glauben. Von den idealen Proportionen der Architektur bis zu den Maßen der Dummys, mit denen die Automobilindustrie heute ihre Crashtests durchführt reicht der Bogen einer Bevorzugung des Männlichen, die sich kulturell so tief eingeschliffen hat, das sie unsichtbar geworden ist. Gut, dass sich das gerade ändert.
Aber wann ist ein Mann ein Mann, wie Herbert Görnemeyer einst sang? Das maskuline Rollenkonzept hat nicht erst in den letzten Jahren an Schärfe verloren. Die Künstler zeigen, welche Last es zugleich auch bedeutet, das Idealmaß aller Dinge, ja die Krone der Schöpfung selbst verkörpern zu sollen. Extreme gefällig? Hendrick Goltzius schichtet seinen "Herkules Farnese" 1592 als Gebirge aus Muskeln auf, von zwei Betrachtern im Bild aus der Froschperspektive ehrfürchtig gemustert. Albrecht Dürer dagegen zeichnete sich selbst um 1506 als Leidenden, der auf seinen Unterbauch zeigt, als wollte er sagen: Dort habe ich Schmerzen. Stärke und Schwäche, Machtdemonstration und Selbstzweifel - das Männerbild war noch nie ohne seine scharfen Kontraste zu haben.
Auf die Heroen der Kunstgeschichte folgen in der Moderne ohnehin jene Künstlerinnen und Künstler, die das Bild vom Mann kritischer befragen. Bei Rembrandt bereits darf der Jüngling seinen Körper so gelassen ausstrecken, dass sich seine Konturen fast im Nichts zu verlieren scheinen, Jusepe de Ribera zeigt im "Mayrtyrium des heiligen Bartholomäus" 1624 den männlichen Körper von Schmerzen geschüttelt. Lovis Corinth bringt 1902 den schlanken Knaben aufs Papier, der noch nicht stark sein muss, Max Beckmann inszeniert 1946 den schlafenden Athleten als Boxer, der nach all seinen Kämpfen endlich ruhen darf. Wann ist der Mann ein Mann? Vielleicht dann, wenn er auch einmal nicht so perfekt sein darf. Paula Modersohn-Becker zeichnet ihre Männerakte 1906 mit Kohlestrichen als Körper, die keinem Idealmaß mehr entsprechen. Endlich scheint er frei, der Mann, der kein Mannsbild mehr sein muss.
Bremen, Kunsthalle: Manns-Bilder. Der männliche Akt auf Papier. Bis 16. Oktober 2022. Mi.-So., 10-17 Uhr, Di., 10-21 Uhr. Zur Information über die Ausstellung geht es hier.